Sarrazzia

Das hat er nun davon, der Herr Sarrazin, dass er so ein Buch geschrieben hat, auf das alle mit dem Finger zeigen. Jetzt soll er sein Amt bei der Bundesbank verlieren und auch die SPD will ihn ausschließen. Das Buch hat den Titel „Deutschland schafft sich ab“, nun wird der Autor selbst abgeschafft. Es raste der deutsche Mediensee und wollte sein Opfer haben. Er hat es bekommen. Und die politische Klasse kann sich nun den im Geifer des Gefechts ausgetretenen Schaum wieder vom Mund wischen.

Ist Häckerling etwa für Sarrazin? Wagt er es, ein positives Wort über ihn zu äußern? Er wagt es, nicht weil er dem Mann in und mit allem Recht geben würde, sondern indem er sich darüber wundert, was Deutschlands öffentliche Meinung nicht aushält: ein paar Provokationen, jenseits der politischen Korrektheit. Sarrazin habe Tabus gebrochen und rote Linien (warum gerade rote?) überschritten, war zu lesen, deshalb sei er „untragbar“ geworden. Das sagen oft gerade jene, die mit ihrer Politik oder Nicht-Politik zu dem beigetragen haben, was Sarrazin Anlass zum Geißeln gegeben hat. Jetzt reden plötzlich alle über die tollen Erfolge der Integration, während man uns noch vor ein paar Wochen das Versagen in der Bildungspolitik um die Ohren gehauen hat. Eine große Zahl junger Menschen „mit Migrationshintergrund“ haben in unserem Schulsystem nicht einmal „das Mindeste“ gelernt, sie seien deshalb die großen Verlierer.

Die Schuld an der Misere wird gerne den Lehrern und den Bildungspolitikern in die Schuhe geschoben. Jetzt sagt einer, dass auch die Eltern dieser Kinder ihren Beitrag dazu leisten müssten, dass aus ihren Kindern „etwas wird“, und vermutet gar, die könnten das nicht, weil ihnen die Voraussetzungen dafür fehlten, und prompt wird ihm das Fell über die Ohren gezogen.

Sarrazin ist geschlachtet, wir können weitermachen wie gewohnt.

(Blog-Eintrag Nr. 209)

Offenbachs Offenbarungen

In einer von Sonntag Aktuell am 22.8.10 veröffentlichten Kolumne attackiert Susanne Offenbach ihren Kollegen Zielcke, der es unlängst gewagt hatte, seinem Bedauern über Deutschlands niedrige Kinderzahl journalistischen Ausdruck zu verleihen. Dass wir weltweit Schlusslicht beim Kinderkriegen sind, ficht die Kolumnistin Offenbach nicht im Geringsten an: „es ist nicht schlimm, wenn wir weniger werden“. Im Übrigen seien die Männer an allem schuld, denn sie entzögen sich ihren Vaterpflichten oder erfüllten sie allenfalls mit einem „Bankdauerauftrag“. Es seien die Frauen, die alles zu schultern hätten. Dann bringt Frau Offenbach das Thema so auf den Punkt: „Mutterschaft ist zumindest in Form von eigenem Geld und eigener Rente nichts wert.“ Selten hat eine Nicht-Mutter ihre materialistische Grundhaltung deutlicher offenbart; daran ändert auch das Adverb „zumindest“ nichts.

Dann ruft Offenbach das „Ende des Generationenvertrags“ aus und erklärt schlicht, dass stattdessen jeder gefälligst selbst für seine Alter vorsorgen solle. Jeder ist sich selbst der Nächste, so lautet ihre Sonntagsbotschaft. Wie schön für sie, wenn sie für solche Sätze auch noch Geld erhält – ein kleiner Beitrag zu ihrer Altersvorsorge. Der größere besteht darin, dass sie sich die Ausgaben für Kinder spart. In der Tat, Frau Offenbach braucht die Solidargemeinschaft, auf die sie pfeift, nicht mehr.

Als Dreingabe bekomme ich noch diese Offenbach-Sätze: „Kinder müssen nicht sein.” Es gebe auch gelungenes Leben allein, zu zweit, mit Freunden und “übriger Kraft für den kranken Nachbarn”. Dass sich so mancher Kinderwunsch nicht erfüllt, ist für die Betroffenen oft genug eine traurige und belastende Erfahrung. Susanne Offenbach hingegen freut sich über ihr „gelungenes Leben“ als Kinderlose und ist stolz darauf, dass sie in jüngeren Jahren nicht auf die „patriarchalische Propaganda“ hereingefallen ist. Dass sie dann aber auch noch so unverfroren ist, den in einem Kirchenlied Paul Gerhardts genannten „kranken Nachbarn“ zur Verbrämung ihres Egoismus zu verwenden, macht wütend. Solche Kolumnen „müssen nicht sein“, Kinder schon.

(Blog-Eintrag Nr. 208)

Stächeles Stachel

Dem baden-württembergischen Finanzminister obliegt es, das Geld des Landes zusammenzuhalten und möglichst zu mehren. Da ist es kein Wunder, wenn er seinen Blick mal wieder auf das Schulwesen gerichtet hat. Dabei ist ihm aufgefallen, dass die Lehrer zu viel Geld kosten und zu wenig arbeiten. Nun hat er eine (allerdings alte) Idee ausgegraben, wie man diese Kosten senken könnte: mit Jahresarbeitszeitkonten. Die würden bewirken, so meint er, dass die Pädagogen „effektiver“ mit ihrer Arbeitszeit umgehen. Gegen dieses Ziel kann man wenig einwenden, auch wenn gemeint ist, dass Stächele mit der Arbeitszeit der Lehrer effektiver umgehen will.

In einem Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 23.8.10 steht nichts Genaues über den Plan von Minister Stächele, also füllen wir diese Leerstelle aus. Ein Schuljahr hat 40 Arbeitswochen, bei 25 Unterrichtsstunden pro Woche ergäben das im Jahr 1000 solcher Stunden. Da sie allerdings nur 45 Minuten dauern, sind es nur 750 Zeitstunden – im Jahr. Nun sind Lehrer Beamte und müssen daher genau so viel wie die anderen Beamten arbeiten, nämlich 1845 Stunden (45 Wochen zu 41 Stunden). Es fehlen somit 1095 Stunden, in denen die Pädagogen nicht in der Schule sind.

Die eigentliche „Schul-Zeit“ könnte man leicht messen, und zwar mithilfe einer Stech-Uhr (oder Stächele-Uhr): Wenn die Lehrkraft morgens das Schulhaus betritt, begänne die Uhr zu laufen, wenn sie am Mittag nach Hause fährt, würde sie mit dem Zählen aufhören. Aber wie sorgt man dafür, dass die Lehrer zu Hause nicht faulenzen, und vor allem, wie überprüft man die Lehrerarbeitszeit außerhalb des Schulgebäudes? Dazu gehören die Vorbereitung und Nachbereitung des Unterrichts sowie das Korrigieren von Klassenarbeiten und das Schreiben von Gutachten, dazu gehören der Besuch von Fortbildungen, das Lesen von Fachliteratur und die Erstellung von Stoffverteilungsplänen, dazu gehören die Telefonate mit den Eltern, den Kollegen, die Fahrten zur Abnahme von Prüfungen sowie die Tage und Nächte im Schullandheim und anderes mehr.

Gesetzt den Fall, man könnte diese Zeit messen, was würde Stächele tun, wenn einige Lehrkräfte die 1845 Stunden im Jahr unterschritten oder – noch schlimmer – überträfen? Den einen das Gehalt kürzen und den anderen die Überstunden bezahlen? Man darf gespannt sein, was aus der Stächele-Idee wird. Häckerling vermutet: nichts.

(Blog-Eintrag Nr. 207)