Einsatz für Europa

Am Ende eines Wahlkampfes stellt sich irgendwann mal die Situation ein, wo es etwas ruhiger wird. Wo alles getan ist, was von Seiten der Demokraten getan werden kann. An diesem Sonntag sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, darüber abzustimmen, wie die Parlamente vor Ort und in Europa aussehen sollen.

Und wenn wir jetzt auf den Wahlkampf zurückblicken, was ist jetzt schon zu erkennen?

Zunächst ist es viel angenehmer, bei sommerlichem Wetter Wahlkampf zu machen. Das ist schon mal gelungen.

Und dann wird deutlich, dass es trotz sommerlicher Temperaturen und trotz Pfingstferien und trotz eines allgemein beschworenen Europa-Desinteresses möglich ist, Menschen zu mobilisieren. Da sind zum einen die vielen ehrenamtlichen Helfer und Kandidaten, die Zeit und Kraft einsetzen, um den Bürgern eine Wahl zu geben. Ja, diese Menschen machen das aus Überzeugung. Sie stellen sich vorne hin, geben einer Auffassung Gesicht, Stimme und Position und müssen sich dabei dann noch blöde Kommentare anhören. Es ist ja angeblich so schick, sich aus allem rauszuhalten. Die Extremisten sind sicher erfreut: Werden doch ihr Stimmen stärker. So kommt es, dass viele Menschen so lange vornehm nicht zur Wahl gehen, bis sie irgendwann mal keine Wahl mehr haben.

Die Liberalen haben gezeigt, dass es möglich ist, Menschen aus der Lethargie zu reißen. Tausende Interessierte kamen zu den Veranstaltungen zur Europawahl. Damit hat die FDP gezeigt, dass dies möglich ist, während die organisatorisch viel stärkeren Parteien CDU und SPD müde besuchte Hinterzimmer hatten . Mehr braucht man ja auch nicht, wenn es nur um einen formalen Akt geht, bei dem zu Recht vollkommen unbekannte Politiker wieder für ein paar Jahre nach Brüssel und Straßburg zu schicken, um dort etwas zu tun, was keiner weiß und auch keinen interessiert. Wenn die Wahlbeteiligung am Sonntag nicht höher ist – an den Liberalen lag es sicher nicht.

Und weil sich halt so gar niemand für die Hinterzimmer interessiert, geht es wie im Märchen: Die Königin geht aus dem Schloss, um dem hübscheren Schneewittchen einen vergifteten Apfel anzudrehen. Und weil mehr Leute lieber Silvana Koch-Mehrin nicht nur hören, sondern auch anschauen, wird halt verbal gegiftet. Obst bleibt in der Schublade. Klar: Wer so gut aussieht und eloquuent ist, der kann ja nicht viel Zeit für andere Dinge haben. Und weil der CDU sonst nichts einfällt und die Häppchen-Büffets für die Abgeordneten in Brüssel schon warten, wird halt schnell mit Dreck geschmissen. Da werden dann komplett unbekannte Abgeordnete plötzlich zu Musterschülern: “Die war kaum in dem und dem Ausschuss”.

“Herr Lehrer, Herr Lehrer, die Silvana schaut immer zum Fenster raus!” – was in der 3. Klasse Grundschule schön war, ist es bei manchen ein Leben lang. Zum Denunzianten muss man taugen, das ist wohl war.

Silvana Koch-Mehrin macht das europäische Parlament bekannt durch ihre Person und ihren Einsatz, der tausende erreicht und interessiert.

Neid ist eine sehr hässliche Sache – so wie manche CDU-Politikerin im Abendkleid.

Ougadougou

Als es darum ging, ob Berlin die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland werden solle, war eines der Haupt-Gegenargumente, dass es sich auf Dauer nicht als gut für den geistigen Zustand vieler Politiker erweisen würde, wenn diese Damen und Herren jeden Tag in einer Millionenstadt in einem architektonisch aufgepeppten Prachtbau aus der wilheminischen Zeit aus- und eingehen sollen und dort Herrschaft ausüben sollen.

Dass Architektur sich auf die Moral legt, bzw. den Geist beeinflusst, ist bekannt. Dass dieser Einfluss verstärkt wird, wenn offenbar gewisse Grundanlagen vorhanden sind, wird nun klar.

Der Bundesfinanzminister gefällt sich offenbar sehr gut in der Rolle des preußisch.-schneidigen Knobelbechers, bei dessen Äußerungen sich mancher Bart wieder nach oben zwirbelt. Wie zu Kaisers Zeiten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen und erst recht am famosen deutschen Steuer- und Finanzsystem. Die anderen, die haben keinen Schmackes und keine Ahnung von großen Maßstäben und neigen zur kleinlichen, provinziellen  Dummheit…

Und weil man gerade so schön dabei war und weil sich unser Bundesfinanzminister ja immer gerne so gibt wie der Panzergeneral der Steuererklärungen, hat er gnädigerweise einen Finanzgipfel in Aussicht gestellt, bei dem er jedoch gleich betonen musste, für wie idiotisch er die kleineren Staaten hielt. Also zählte er auf: Liechtenstein, Luxemburg, die Schweiz, Österreich und… Ouagadougou.

Es ist davon auszugehen, dass er keine Ahnung hatte, was er damit aussagte, sondern nur, dass er fand, dass sich dieses Wort lustig nach Kolonialzeit und dummen Ureinwohnern im Busch anhörte. Der Sprecher der “Zeit im Bild 2″ in Österreich, der diesen Redeauszug noch am selben Abend brachte, kommentierte es auch gar nicht weiter, sondern sagte nachsichtig lächelnd: “Ouagadougou ist übrigens kein Staats, sondern die Hauptstadt von Burkina Faso.”

Das Land hätte zwar in die Reihenfolge logisch gepasst, aber es wäre lautlich nicht so spöttisch rübergekommen.

Burkina Faso, lange Jahre bekannt als “Obervolta” heisst außerdem übersetzt “Das Land der ehrenwerten Menschen” und das passt ja nicht in die Reihe, denn unser launiger Finanzminister wollte ja das Halbseidene unserer Nachbarn in den Mittelpunkt stellen.  Er hat es immerbhin geschafft, dass Ouagadougou, was in der dortigen Mossi-Sprache “Kommt, mich zu ehren!” heißt, in Deutschland bekannter geworden ist. Jeden Tag fliegt ein Flieger von Paris aus in diese ehemalige französische Kolonie, in der Französisch noch immer als Hauptverkehrssprache gilt, weil Mooré, die Mossi-Sprache, “schwierig zu lernen, weil sie ohne Sinn und Logik ist”, sagt einer Schweizerin, die dort schon seit einigen Jahren lebt und von der gleich noch zu reden sein wird. Ich finde das schon mal eine ziemlich treffende Ansicht über eine Sprache, denn: was ist schon wirklich von Sinn und Logik durchdrungen?

Ouagadougou ist nun mit einer Million Einwohner eine große Stadt in diesem armen Land. Reisende bezeichnen es als “riesiges, verstaubtes, heißes Dorf”", in dem Krankheiten wie Gelbfieber, Malaria und Hirnhautentzündung immer wieder viele Todesopfer fordern. Ein hoffnungsloser Fall, so scheint es und vielleicht gerade noch gut, um einem knarzigen norddeutschen Finanzminister als Witzgrundlage zu dienen.

Aber auch in Ouagadougou wohnt Hoffnung und eine Lektion für viele deutsche Politiker, die sich vor lauter Linkskurs gerade nicht mehr einkriegen können:

Eine junge Schweizerin kommt mit einem Forschungsaufenthalt nach Burkina Faso. Dort lernt sie einen jungen Mann kennen, der von dort kommt und der dafür sorgt, dass sie heiraten können und jetzt den schönen Familiennamen Kaguembega haben. Das ist an sich schon ein mutiger Schritt.

Die Idee, durch die sie anhand von Studien über die Pflanzenwelt Burkina Fasos kommt, ist ebenso einfach wie genial: Burkina Faso hat ein Problem: Zu wenige Bäume. Das hört sich zunächst nicht so schlimm an, aber Bäume bedeuten Boden, denn die Erosion wird aufgehalten. Bäume bedeuten Tiere, Früchte, Wasser und eben einfach Leben. Die Einwohner Ouagadougous wissen das auch, aber Bäume halten sich nicht, weil sie entweder von Herdentieren noch im zarten Alter verspeist werden, oder von Plantagen niedergebrannt werden, um andere Kulturen azusiedeln. Und die junge Schweizerin macht un etwas, was relativ einfach, sehr wirksam und für uns etwas merkwürdig ist: Sie baut Zäune. Während das Entfernen der Zäune in Europa das Ende des Kalten Krieges bedeutete, bedeuten Zäune in Burkina Faso wachsendes Leben.

Denn durch die Zäune bekamen die Menschen in Ouagadougou einen festen Bereich, der ihr Eigentum ist und um den sie sich kümmern. Sie hatten Verantwortung dafür und mussten sich lediglich verpflichten, Bäume wachsen zu lassen. So wurden diese Grundstücke zu Mittelpunkten für ganze Familien. Hier wachsen wirtschaftlich verwertbare Früchte und Stück für Stück wird das Land wieder grün, weil jeder Eigentum hat, auf das er oder sie aufpasst.

Die allgemeinen Flächen werden zwar auch neu bepflanzt. Dann kommt ein Minister, pflanzt einen Baum und steigt wieder in seine Limousine, nachdem das Foto gamacht wurde. Der Baum überlebt meistens die nächsten Tage nicht, was ja auch keinen stört: Was allen gehört, gehört keinem. Und bei 40 Grad im Schatten hätte ich auch was anderes zu tun, als auf Allgemein-Bäume aufzupassen.

Die junge Schweizerin hat sogar ein Kindermädchen, was jetzt zu einem allgemeinen “Aha” bei unseren linken Freunden führen wird. Dieses Kindermädchen hat einen prügelnden Mann zu Hause und wäre beinahe mit einem unbehandelten  gebrochenen Arm gestorben. Jetzt hat sie Arbeit und ihre Würde wieder.

Ich wiederhole nochmals: Eigentum schafft hier Verantwortung. Verantwortung garantiert Leben und schafft vielleicht einen kleinen Wohlstand, wo vorher Armut war.

Steinbrück hatte keine Ahnung, was er da sagte. (Im Gegensatz zu allen anderen Politikern, die natürlich immer genau wissen, was sie den ganzen Tag daherreden). Hätte er es gewusst, hätte er sich vielleicht gedacht, dass man zumindest dieses Baumpflanz- und Zaun-Projekt als Vorbild nehmen könnte. Auch wenn die Aussage den dogmatischen Salonlinken mit ihrem preußischem Feldwebel nicht geschmeckt hätte.

Das “Land der ehrenwerten Menschen” eben…

Sommerkabinett

Was haben wir nicht alles den Tschechen zu verdanken! Bier und Musik und gutes Essen, Pan Tau und eine Art von Humor, die ganz eigenen Regeln folgt. Dass die Tschechoslowakei der einzige Staat östlich von Deutschland war, der bis zu Hitlers Niederwalzung demokratisch blieb, wird oft vergessen. Dass Thomas Mann nicht als deutscher, sondern als tschechoslowakischer Bürger ins Exil in die USA ging, wird auch oft vergessen. Und dass die Tschechen zwar noch keinen Krieg gewonnen haben aber auch noch nie einen angefangen haben, sollte klar machen, dass das Herz Europas in Böhmen gut schlägt, auch wenn der derzeitige Präsident von Tschechien sich zu gut in seiner Rolle als widerborstiger Europäer gefällt. Eine Pragerin hat mir das mal damit erklärt, dass die Tschechen aus der Geschichte heraus empfindlich gegen allzu liebenswürdige Umarmungen seien. Ob die nun aus Wien kamen (wobei sie damit recht gut gefahren sind, nicht nur kulinarisch), aus Berlin als Schutzmacht, aus Moskau als liebender Bruderstaat oder als Brüssel als moderne Fürsorge: Ein bisserl Skepsis gehört da hinein wie der Powidl in die Buchtel und dann können sich die Tschechen hinter ihrer scheinbar groben Fassade bestens dumm stellen.

Aber aus Tschechien kommen nicht nur habhaftes Bier, sättigendes Essen und ein wenig Skepsis, sondern auch feingeistige Dinge: kein anderes Volk hat nach der Wende vom Kommunismus einen seiner besten Dichter und Schriftsteller zum Präsidenten gemacht. Dieser hat den Drang zu Macht als künstlerische Pflicht verstanden. Durch die langen Gänge der Präsidenten-Burg Hradschin ist er mit dem Tretroller gefahren und die Uniformen seiner Palastwachen liess er von einer befreundeten Bühnenschneiderin entwerfen. Weswegen die tschechischen Präsidentenwachen wohl zu den schmucksten und zivilsten Wachen der Welt zählen. Die strahlen vor allem Würde aus und kommen nicht daher wie Laubfrösche auf Teichmanöver.

Und noch eine wichtige Sache haben uns die Tschechen jetzt geschenkt: Das Sommerkabinett. Bisher kannte man so etwas in Deutschland nur aus den 60er Jahren, als der damailige Bundeskanzler Kiesinger, der ja sonst sehr auf Etikette achtete, Tisch und Stühle des Bundeskabinetts an einem sonnigen Sommertag einfach in den Garten unter die Bäume des Kanzleramts stellen ließ. Das Bild gilt heute noch als kleine Sensation. Und warum? Weil die Schwere der politischen Beratungen durch die leichte sommerliche Atmosphäre abgemildert wird. Weil da frische Luft und Sonne statt Mief und Staub waren. Und was befürchtet man von solch einem Kabinett? Keine schwere Entscheidungen, sondern leichte Dinge wie Steuerentlastungen, Arbeitszeitverkürzungen und offene Natürlichkeit.

Und jetzt gibt es in der Tschechischen Republik so etwas auch, aber viel, viel länger und offizieller. Nachdem der bisherige Ministerpräsident mit dem schönen Namen Topolánek (wobei darauf zu achten ist, dass die tschechischen Wörter immer auf der ersten Silbe betont werden und bei einem Betonungszeichen… eben nochmal), es nicht mehr für eine Regierung zusammengebracht hat, hat nun der Präsident Klaus alle in seine Burg geladen und dort haben sie ein SOMMERKABINETT beschlossen. An dem sollen alle mitmachen, Ministerpräsident soll ein unambitionierter und kundiger Statistiker werden mit dem sehr unauffälligen Namen Jan Fischer. So geschieht nichts, was jenseits denrstatistischen Werten liegt. Solch einem trauen die Tschechen sowieso mehr, denn wie heißt es schon beim braven Soldaten Schwejk: “Zum Schluss hat sichs herausgestellt, dass der Mann ein tschechischer radikaler Abgeordneter war, der einen Ausflug in die Laner Wälder gemacht hat, wie er vom Parlament genug gehabt hat. Deshalb sage ich euch, dass allle Menschen Irrtümern unterliegen, dass sie sich irren, obs nun ein Gelehrter oder ein blöder ungebildter Trottel is. Sogar Minister irren sich.”

Ein Sommerkabinett! Welch eine nette Idee! Das hört sich nach zwangloser Stimmung, leichter Thematik und Beratungen im Freibad an. Und das Schönste ist ja, dass sichb der Sommer-Ministerpräsident Jan Fischer ganz entspannt zeigt und die anderen auch. Jetzt hat ihm ein Ministervorschlag nicht gefallen, also wird eben ein anderer Minister. Es wird ja mal wieder Sommer.

Und diese Haltung würde man sich hier in Deutschland auch wünschen, wo momentan wieder alle grimmiger und wahlkämmpferischer dreinschauen und kein Politiker einem anderen auch nur einen Sitz in der Straßenbahn gönnt. Da sitzen sie und knirschen mit den Zähnen und haben kein Sommerkabinett, sondern immer nur Dezemberstimmung und Wahlkampfkrieg. Ein wenig mehr Sommerkabinett, dann werden auch die Wahlen für alle erträglicher. Dabei fallen die Entscheidungen doch oft ganz anders.  Lassen wir am Ende noch einmal Jaroslav Hasek zu Wort kommen mit seinem braven Soldaten:

“Wir gewinnen den Krieg ganz bestimmt, ich wiederhols nochmals, meine Herren!”, mit diesen Worten verabschiedete sich Schwejk von der Menge, die ihn begleitete.

Und irgendwo in weiten Fernen der Geschichte senkte sich auf Europa die Wahrheit herab, dass das Morgen die Pläne der Gegenwart zunichte machen würde.

In guter Verfassung

Ein Frühling ist derzeit im Land, der schon fast ein Frühsommer ist. Und da heißt es rechtzeitig an die Badehosen- oder Bikinifigur denken. Wer sich in der Fastenzeit vor Ostern nicht ausreichend zurückgehalten hat, merkt jetzt spätestens am Baggersee, dass die Weihnachtsgans in körperlich veränderter Form immer noch über die Badehose raushängt.

Wenn Sie feststellen sollten, dass Sie ein führendes Staatsamt bekleiden, gäbe es da jetzt einen Tip aus Bolivien. Dort hat der Präsident Evo Morales seine Figur dadurch attraktiver gemacht, dass er vom letzten Donnerstag bis gestern, also immerhin 6 Tage, in Hungerstreik getreten war. Das hat ihn – wenn er nicht doch heimlich aus seiner Präsidentenschatulle geknuspert hat – ca. 3-4 Kilo gekostet. Freilich hat er damit nicht – wie andere prominente Faster – eine Bundestagswahl gewonnen, aber er ist auch nicht mit knautschigem Gesicht und Mützchen durch Parks gerannt und war in Untersuchungsausschuss-Sitzungen grantig, wie sein grüner Freund Joschka Fischer. Außerdem wollte er keine Wahl gewinnen, sondern erst mal erreichen, dass eine stattfindet. Die böse bolivianische Opposition wollte nämlich ein Wahlgesetzt nicht beschließen, das im Dezember Neuwahlen ermöglicht. Und weil sie das jetzt doch taten, isst er wieder.

Politische Hungerstreiks von Staatsmännern gab es zuletzt von Mahatma Gandhi, der seine Landsleute friedlicher stimmen wollte. Mahatma Gandhi hatte aber eigentlich immer Badehosenfigur, deshalb kam es zwischen Indien und Pakistan auch nicht zu einem durchgehend friedlichen Einvernehmen.

A propos Badehose: Da fallen einem gleich die Fidschi-Inseln ein. Wer an Palmen in der Südsee denkt, denkt richtig. Aber die vielen Strände (Badehose!) verleiten den dortigen Präsidenten, der den klangvollen Namen Iloilo trägt, mitnichten zu Hungerstreik-Aktionen. Der denkt sich “Bei uns ist immer schönes Wetter, ich kann auch noch später auf meine Linie achten” und schafft Tatsachen. In Fidschi wurde nämlich 2006 die Regierung weggeputscht. Deshalb hat nun der oberste Gerichtshof der Inseln die letzten Wahlen für verfassungswidrig erklärt. Daraufhin erklärte Herr Iloilo wiederum den Gerichtshof für verfassungswidrig. Man sieht: Man kann Verfassungen ändern, ohne auch nur auf ein Cremetörtchen zu verzichten.

Das dachte sich auch Franz Müntefering. Und weil gerade nichts los ist schlug er einfach mal so vor, dass man die Verfassung in Deutschland neu schreibt. Die alte war jetzt zwar seit 60 Jahren sehr vernünftig, aber wenn einem die Wähler so abspringen wie der SPD, dann läuft man halt hinter jeder Musik her.

Wenn er gescheit ist, wird dort auf jeden Fall ein Hungerstreik-Paragraph eingeführt: Jedesmal, wenn die Regierung gegen die Verfassung verstößt, ordnet das Bundesverfassungsgericht eine Woche Hungerstreik an.

Mit dieser bolivianischen Lösung hätten wir bald ein schlankes Kabinett und kein Strandbad wäre mehr vor dieser Bikini-Regierung sicher.

Streckenfahrplan

Seit gestern wissen wir, was unser Ministerpräsident wohl als Kind am liebsten gemacht hat: Er hat in Atlanten geblättert. Er stammt aus einem liberalen Elternhaus und das wird der Jugend früh bildendes Material zugänglich gemacht und daher hat er schon früh das getan, was manch einer auch mal gern tut: Er ist “auf der Landkarte verreist”. Dabei müssen es ihm die großen Bahnlinien angetan haben, die er abgefahren hat und er wird die Städte leise vor sicvh hingesprochen haben und die sind dann vor seinen Augen erschienen.

“Stuttgart, München, Wien, Prag, Berlin, Warschau, Moskau”…. so hat sich das sicher angehört, wenn die Reise in den Osten ging. Oder “Stuttgart, Paris, Le Havre, blubbblubb, New York”, wenn es nach Westen ging. Und diese Reisen waren günstig und beflügelten die Phantasie des kleinen Noch-Nicht-Ministerpräsidenten.

Die Vorliebe für Streckenabfahrungen führten nun sazu, dass die Pressekonferenz gestern einige Minuten länger ging. Männer sind ja für bestimmte Dinge begeisterungsfähig. Gestern wurde nun ein Wirtschaftlichkeitsgutachten zu den neuesten Bahnprojekten in Baden-Württemberg vorgestellt. Und da stand natürlich “Stuttgart21″ im Mittelpu8nkt, das jetzt “Baden-Württemberg21″ heißt und das Land nach vorne katapultieren wird. Das natürlich umso mehr, weil nicht nur von West nach Ost, sondern auch noch von Nord nach Süd die Rheintalstrecke ausgebaut wird, außerdem noch die Gäubahn über Rottweil in die Schweiz und die Strecke durch Oberschwaben. Karlsruhe wird der Knotenpunkt, das pulsierende Herz.

Dies sind nach Aussagen unseres Ministerpräsidenten nicht nur schöne Strecken in Europa, sondern die Hauptverkehrsadern des modernen Europa. Und weil Männer gerne mit Eisenbahnen spielen und weil sich Günther Oettinger gerne an seine Reisefinger-Zeit erinnerte, schlug er für die anwesenden Journalisten nicht nur den Atlas Europas auf, sondern nahm sie alle mit. Und so war die Strecke nicht nur “Paris-Budapest”, sondern natürlich “Paris-Metz-Straßburg-Kehl-Stuttgart-Ulm-München-Wien-Budapest”, was einerseits natürlich länger dauert, aber andererseits auch den Hauch der großen, weiten Welt in die Pressekonferenz zauberte.

Wie langweilig ist die knappe Auskunft “Rotterdam-Norditalien” und wie ungleich eisenbahnromantischer ist die Streckenbeschreibung unter Nennung vieler Städte! Auf der “schwäb’schen Eisenbahn” gab es schließlichn auch “viele Haltstationen”, an denen der Bauer und “sei’ Böckle” angehalten haben, bevor das Tier etwas kopflos wurde.

Und zaubert uns dieser Vortrag eines Ministerpräsident an Bord eines “Orient-Express”, der mit extravaganten Schauspielerinnen und Aristokraten durch Europa schaukelt? Wobei der “Orient-Express” die Strecke des Films “Mord im Orient-Express” nie fuhr, sondern (zur Freude unseres Ministerpräsidenten) die Strecke Schweiz-Simplon-Mailand-Zagreb-Belgrad-Istanbul. Da hört man gleich eine Dampflok und die Stimmen fremder Menschen.

Wie viel angenehmer und interessanter könnten die Politiker uns mittels dieses Kopf-Kinos in Zukunft ihre Arbeit schildern! Zugegebenermaßen müsste die Geduld der Journalisten größer sein, aber schließlich wird jede Reise nach Tübingen spannender, wenn sie über Plochingen-Wendlingen-Metzingen-Reutlingen und vielleicht sogar Bempflingen geht und jeder Schwimmbadbesuch wird reizvoller, geht er über österreichischen Platz-Charlottenplatz-Stöckach. Und viele Politikerkarriere gehen über die bekannten Stationen Oberwichtig – Karriereplatz – Amtsstube – Skandalgasse – St. Dementi – Endstation.

Gute Reise!

Alter Quark

Mit dem geistigen Verfall von Walter Jens verliert die Bundesrepublik, ganz sicher aber die Stadt Tübingen, einen herausragenden Kopf. Dass jemand, der als geistiger Titan bekannt war, mit seinen geistigen Fähigkeiten seine wichtigste Methode verliert, sich der Welt mitzuteilen, ist ein großer Verlust für uns. Ob er deshalb unglücklich ist, wissen wir nicht zu sagen.

Das, was mir bei Walter Jens als erstes einfällt, ist, dass mir vor Jahren einmal einer seiner Assistenten in Tübingen verraten hat, dass sein Spitzname hinter vorgehaltener Hand “Alter Senf” sei. Dies war dadurch zu erklären, weil er zu allem, was in der Republik geschah, seinen Senf dazugeben musste. Das ist das Los der Götter am Himmel der Zeit-Leser. Die Tatsache, das ich das nicht vergessen habe, zeigt, dass wir uns große und ernste Menschen oft über kleine und lustige Geschichten merken können.

Doch die Lücke, die Walter Jens gerissen hat, blieb nicht lange ungenutzt. Den Platz im geistigen Gewürzregal nimmt ja einer gerne ein, der schon in den vergangenen Jahren immer wieder durch Meinenmüssen auffiel. Die Rede ist von Peter Sloterdijk, dem Hans Kant in allen Gassen. Um es gleich zu sagen: Er hat ein neues Buch geschrieben. Uns daher ist er natürlich – rein zufällig und sicher auch von Journalisten bedrängt – in den letzten Tagen in allen Zeitungen. Unter anderem in einer Sonntagszeitung, hinter der ich neulich meinen klugen Kopf steckte.

Das Interview, das er dazu gegeben hat, sagt viel über das von ihm geschriebene Buch aus. Noch mehr allerdings sagt es etwas aus über die Methode, Bücher zu schreiben, die man sich in betuchten Kreisen gerne mal auf den Marmortgabentisch legt. Das Rezept seiner Philosophie ist nicht allzu kompliziert: Erst mal Bescheidenheit predigen und neue Denkmethoden. Wer wird da nicht dafür sein? Und damit es nicht zu weltfremd aussieht, bringt er als lächerliches Beispiel den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten, der zur Ankurbelung der Konjunktur ampfahl, seiner Frau einen Pelzmantel zu kaufen. Die Kreise, die Sloterdijk anzusprechen wünscht, finden das sicher höllisch witzig, weil ihr Frau schon mindestens einen Pelzmantel im Schrank hängen hat und daher Politiker, die solche Tips geben, bestenfalls lächerlich sein können. Ich bin nun gewiss kein Anhänger Edmund Stoibers, aber wenn ich die augenblickliche konjunkturdebatte so ansehe, fallen mir mindestens ein Dutzend dümmerer Ideen ein, die die Allgemeinhait nachhaltig schädigen.

Aber wir hören es immer wieder gerne, wenn ein Mann der mit Professorengehalt sicher keine Gagenzahlung auslässt, den heiligen Franziskus von den Mülltonnen gibt. Besonders dann nicht, wenn er noch weitere Knaller bereit hat.

Der Knaller ist: Die Welt geht unter, wenn wir uns nicht ändern. Zum Glück erklärt uns Professor Sloterdijk, wie man das macht. man wird bescheidener und irgrdwie braucht es eine Art Weltkonsens, dass sich Politiker über Methoden und Philosophien unterhalten und die Welt mittels eines gigantischen Workshops gerettet wird. Bin ja mal gespannt, welche Nation die Wölkchen an die Flipchart kleben darf… Und zu Beginn muss jedes Land sich vorstellen.

Ich bin immer etwas misstrauisch, wenn Menschen, die kaum eine Talkshow auslassen, Bescheidenheit predigen. Und wenn es dann allzu erzieherisch wird, wird es auch gefährlich. Da kommt dann oft der Satz “Wir müssen das Bewusstsein ändern”. Vom “richtigen Bewusstsein” hatten es schon viele in der Weltgeschichte und es bekam vielen Menschen sehr schlecht, erzogen worden zu sein. Wie sagte Stalin so nett: “Kein Mensch – kein Problem”.

Hinter der Bescheidenheit versteckt sich also oft nicht nur ein Wichtigtuer, sondern ein Umerzieher.

Und da setze ich einem Sloterdijk doch lieber einen ehrwürdigen Sir Kalr Popper entgegen, der für Intellektuelle postulierte: “Optimismus ist Pflicht” und der die Gefahren beschrieb, die Propheten für eine offene Gesellschaft bedeuten können.

Aber eine Inspiration gab mir Sloterdijk: Ich dachte nicht an alten Senf, sondern an Alten Quark und so wurde aus der Philosophie doch noch ein brauchbarer Käsekuchen. Guten Appetit!

Schlangenfanger

Wer sich in Schwaben ein wenig auskennt, der weiß, dass “Schlangenfanger” neben “Scherenschleifer” wohl der bekannteste Ausdruck für einen grundunsoliden Menschen ist. Woher der Begriff “Scherenschleifer” kommt, ist klar, denn der Beruf der Scherenschleifens war der klassische Beruf des fahrenden Volkes, das einen schlechten Ruf hatte. Ein “Schlangenfanger” ist jedoch einer, der selbst die als trickreich und falsch geltende Schlange noch an Verschlagenheit übertreffen muss, um sie zu fangen.

Dabei lässt sich mit Schlangen ja heute gutes Geld verdienen. In Nordamerika sind wirkliche Schlangenfanger unterwegs, um an das Gift zu komen, das – bearbeitet und in anderer Dosis – in der Medizin zum Segen wird. Das ist anders als in der Politik: Hier sind Giftzähne oft nicht heilsam.

Von dieser kleinen Giftidylle (für die es innerhalb der EU sicherlich eine gesetzliche Regelung gäbe, während man in den verwegenenen USA einfach zupacken darf, wenns klappert und zischelt) mal weg und hin zun einem wirklichen Aufstand. In Bengalen, wo die Schlangen nicht nur gefangen, sondern auch traditionell beschwört werden, haben nun internationale Tierschutzbehörden erreicht, dass das Schlangenbeschwören aus Gründen des Tierschutzes verboten ist. Viele dachten ja, dass Tierschutz sich nur auf putzige oder zumindest interessante Tiere bezieht (wer würde z.B. Kopfläuse oder Nacktmulle schützen wollen?), aber das stimmt nun eben nicht und die armen Schlangenbeschwörer müssen drunter leiden. Warum eine Schlange leidet, wenn Sie in einem Korb gehalten werden, wissen sicher internationale Schlangenpsychologen gut zu begründen. Davon sind immerhin 80.000 berufstätige Menschen betroffen und ich möchte schwören, dass da in Deutschland schon mal die Kanzlerin angereist wäre.

Aber so ist das nicht. Unsere führenden Politiker reisen lieber zu Opel. Und in der Tat weist die Sache doch Parallelen auf. Schlangen tanzen nämlich nur deshalb, wenn sie sich im Korb aufstellen nämlich nicht wegen der Musik. Die ist egal, denn Schlangen sind taub. Sie folgen den Bewegungen des Beschwörers.

Die Menschen bei uns sind beunruhigt in den unsicheren Zeiten und mancher Politiker fürchtet den giftigen Biss des Wählers. Deshalb ist es wichtig, Bewegung zu zeigen und hin- und her zu hampeln. das freut den Bürger, denn er kann denken: “Was die alles bewegen!” Die Meldodie, die dazu gespielt wird, überhört er.

Und das kann gefährlich sein, denn die meisten Politiker können vielleicht gute Beschwörer sein. Aber es sind eben auch einige Schlangenfanger drunter, Und in diesem Fall hilft keine Tierschutz-Organisation.

zu: Guttenberg

Es sind schwere Zeiten. Das heißt: leichte Zeiten für Tausendsassas!

Und so einer ist unser neuer Wirtschaftsminister von und zu Guttenberg. In den Nachrichten lässt man nur das “zu” zu. Aber er zeigt, dass man als Politiker erstaunliches können muss. Mit 37 ist das Leben schließlich noch jung. Und was er nicht alles schon gemacht hat!

Wenn unsereins sein Leben so Revue passieren lässt, dann sagt er: Erst mal nicht viel gedacht, nach dem Zivi an die Uni geschlendert, dort einige Jahre einen interessierten Gesichtsausdruck gemacht und nachher tat sich eine nette Stelle auf. Das geht sicher vielen so, aber diese können damit natürlich nicht Wirtschaftsminister werden. Da hat man bis 37 schon ein ganz anderes Aktionspaket vorzuweisen: Abitur machen, Gebirgsjäger-Unteroffizier werden, Jura UND Politik studieren, nach drei Jahren schon eine Familienholding leiten, nebenher noch promovieren, in einer Klinikleitung mitarbeiten, in den Bundestag kommen, in New York mit ARD-Korresponendenten Scherzchen machen, CSU-Generalsekretär werden, eine von Bismarck heiraten und Inhaber eines quadratischen Grinsens werden. Und dann eben noch Wirtschaftsminister werden.

Vor so einem Hintergrund stinkt natürlich jeder ab, das ist klar. Die Medien waren aber erst mal verdutzt, dass Michael Glos nicht mehr Bundeswirtschaftsminister sein will. Beim Auftreten einer solchen Lichtgestalt ist das natürlich klar. Alle haben aber so getan, wie wenn das das höchste Glück der Erde wäre, Bundeswirtschaftsminister zu sein. Wobei ich mal wissen möchte, ob in einem ballsaalgroßen Büro rumsitzen und dauernd von irgendwelchen aufgeblasenen Gustav-Gans-Typen wichtig angequakt zu werden wirklich so schön ist. Das wollte er halt nimmer, der Glos Michel und ist gegangen. Da passen Menschen mit einem Lebenslauf, der schon mit 37 für vier Personen reicht (und das quadratische Lächeln!) sicher noch besser.

Aber bei aller Freude sollte der baden-württembergische Ministerpräsident doch eine Sache in der Zeit der Wirtschaftskrise bedenken: Die Burgen der Guttenbergs wurden schon mal restlos zerstört. Das waren keine russischen Panzer und keine Bankenkrise, sondern der Schwäbische Städtebund im Jahr 1523. Hoffen wir, dass der neue Wirtschaftsminister vergesslich ist und nichts gegen die Schwaben hat

Erschüttert

Ich bin erschüttert. Ich bin viel zu erschüttert, um zu sagen, wie erschüttert ich bin.

Da dachte ich wie viele: naja, die Frau Professor Schwan, etwas merkwürdige Frisur, aber Akademikerin und von ausgleichendem Wesen. Und dann stellt sich die Frau, die Bundespräsidentin werden will, im Anschluss an eine SPD-Gremiensitzung vor die Presse und tut eben nicht das, was klug gewesen wäre: Staatsfraulich von der demokratischen Wahl der Bundesversammlung zu reden, um möglichst viele zum Zweifeln zu bringen ob der Mischung aus weiblicher Durchhaltekraft und kluger Lebensbildung. Nein: Sie stellt sich hin und gibt bekannt, dass es ja zuvörderst ihr Ziel sei, um “die Linke”, den älteren noch als SED, SED/PDS und PDS bekannt, zu werben. Nach dem Motto: Wer von den Linksextremen mich wählt, wäscht sich demokratisch rein! Schwanenweiß, sozusagen. Dass die “Linke” in manchen Bundesländern nicht ohne Grund vom Verfassungsschutz beobachtet wird: Geschenkt. Dass sie bis zum heutigen Tage ein glaubhaftes Bekenntnis zur bundesdeutschen freiheitlich-demokratischen Grundsordnung schuldig geblieben ist: Kann ja passieren. Dass sie in der ununterbrochenenRechtsnachfolge und Tradition der SED sieht, das schreibt offenbar nur noch die Neue Zürcher Zeitung, weil die anderen sich das alle nicht mehr trauen. Aber dass eine Frau, die in Sichtweite der Mauer aufgewachsen ist und die halbwegs über Bildung verfügt, sich dazu bekennt, für das höchste Staatsamt um diese Geister Grauer Zeiten zu buhlen, das schlägt alles. Erschütternd.

Wobei: Ich hätte misstrauisch werden sollen, als ich unmittelbar vor ihrer Aussage eine Dokumentation über sie gesehen habe, die mit obligatorischen verschwommenen Wasseraufnahmen endete und die “Brücken für jeden” oder so hieß. Dabei wurde eine Feier ihres akademischen Fachbereichs an der Viadrina-Universität gezeigt, bei der es in den Uni-Räumlichkeiten selbstgemachte Verpflegung in Form von Salaten, etc. stand. Und was stand drüber? Ein großes Schild mit dem Wort “ESSEN”. Das haben sie vermutlich gemacht, dass die Akademikerinnen und Akademiker sich nicht draufgesetzt haben, weil sie dachten “FAHRRAD”.

Auf die Frau Professor hätten sie mal lieber “DEMOKRATIN” draufgeklebt. Damit es da nicht zu Verwechslungen kommt.

Wunderbar in Genua

Der Staat gehört uns allen! – Haben Sie da schon mal drüber nachgedacht? Teuer genug ist er ja und eigentlich sind doch wir Bürger alle kleine Shareholder. Was sich da jetzt ein wenig arg kapitalistisch anhört, ist doch gar nicht so falsch: Die Dividende wird zwar nur sehr indirekt ausgezahlt und meistens hat man den Eindruck, dass der Kurs nicht so hoch steht, aber eigentlich ist es doch so wie bei einer Aktengesellschaft. Nur, dass es etwas schwierig ist, eine Halle für die Vollversammlung zu bekommen und das Catering zu organisieren. Daher ist die Hauptversammlung dezentral und nur alle vier Jahre im Bund und alle fünf Jahre im Land organisiert. Und Würstchen oder Buffet gibt’s auch keins. Dafür kann man auch immer schön den Vorstand wählen und recht bürgerlich-selbstbewusst sein. Es schafft schon ein wenig mehr Selbstvertrauen, wenn man denkt “Dein Gehalt zahle ich”, wenn man einem Beamten gegenübertritt. Sie müssen es ja nicht sagen, aber denken darf man das ja.

Wir müssen das Spielchen ja nicht so weit treiben, wie die Bürger des schönen Genua, die nicht nur ein fabelhaftes Pesto und einen fabelhaften Entdecker hervorgebracht haben (“Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika!”), sondern die Anfang des 15. Jahrhunderts auch eine wunderbare Idee hatten: Das Sagen hatten diejenigen, die die Staatsschulden finanziert hatten, also die Gläubiger. Das war exakt im Jahr 1407 mit der Gründung der unabhängigen St.-Georgs-Bank. Das war historisch gesehen wohl bisher die deutlichste Beantwortung der Frage “Wem gehört der Staat”. Das System hielt nicht lange und der dauernde Machtkampf zwischen Adelsgeschlechtern, Kirche, Franzosen, Patriziern und Zünften  fand nie ein Ende. Positiv gedacht gab es aber so wenigstens für Friedrich Schiller ein schönes Motiv für seine “Verschwörung des Fiesco zu Genua”. Und die Frage im ersten Satz war eindeutig und mit Brief und Siegel beantwortet.

Das ist nun schon über 600 Jahre her und wäre heute auch ein wenig schwer zu organisieren, aber das Land Baden-Württemberg gehört ja beispielsweise auch seinen Bürgern. Schließlich zahlen wir Steuern. Und das Land Baden-Württemberg hat Beteiligungen an sehr vielen Unternehmen. Wären diese Unternehmen Aktiengesellschaften, dann müssten sie im Rechenschaftsbericht jedes Jahr angeben, was der Vorstand so verdient. Die Angestellten und Manager von landeseigenen Unternehmen mussten das aber bis vor Kurzem nicht, obwohl sie doch vom Geld der Steuerzahler finanziert werden. Das hat sich nun geändert: Demnächst werden die Gehälter dieser Angestellten der Steuerzahler veröffentlicht. Alles wunderbar? Offensichtlich nicht: Das gilt nur für die neu Eingestellten. Die bisherigen dürfen weiterhin geheime Summen verdienen. Da werden sich ihr Kollegen in den AGs schon etwas wundern.

Dabei gehören diese Firmen doch uns allen! Wie war es da klar und wunderbar in Genua! Wie hieß der Untertitel zu Schillers Drama? “Ein republikanisches Trauerspiel”. Als ob der junge Friedrich was gewusst hätte!