Als es darum ging, ob Berlin die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland werden solle, war eines der Haupt-Gegenargumente, dass es sich auf Dauer nicht als gut für den geistigen Zustand vieler Politiker erweisen würde, wenn diese Damen und Herren jeden Tag in einer Millionenstadt in einem architektonisch aufgepeppten Prachtbau aus der wilheminischen Zeit aus- und eingehen sollen und dort Herrschaft ausüben sollen.
Dass Architektur sich auf die Moral legt, bzw. den Geist beeinflusst, ist bekannt. Dass dieser Einfluss verstärkt wird, wenn offenbar gewisse Grundanlagen vorhanden sind, wird nun klar.
Der Bundesfinanzminister gefällt sich offenbar sehr gut in der Rolle des preußisch.-schneidigen Knobelbechers, bei dessen Äußerungen sich mancher Bart wieder nach oben zwirbelt. Wie zu Kaisers Zeiten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen und erst recht am famosen deutschen Steuer- und Finanzsystem. Die anderen, die haben keinen Schmackes und keine Ahnung von großen Maßstäben und neigen zur kleinlichen, provinziellen Dummheit…
Und weil man gerade so schön dabei war und weil sich unser Bundesfinanzminister ja immer gerne so gibt wie der Panzergeneral der Steuererklärungen, hat er gnädigerweise einen Finanzgipfel in Aussicht gestellt, bei dem er jedoch gleich betonen musste, für wie idiotisch er die kleineren Staaten hielt. Also zählte er auf: Liechtenstein, Luxemburg, die Schweiz, Österreich und… Ouagadougou.
Es ist davon auszugehen, dass er keine Ahnung hatte, was er damit aussagte, sondern nur, dass er fand, dass sich dieses Wort lustig nach Kolonialzeit und dummen Ureinwohnern im Busch anhörte. Der Sprecher der “Zeit im Bild 2″ in Österreich, der diesen Redeauszug noch am selben Abend brachte, kommentierte es auch gar nicht weiter, sondern sagte nachsichtig lächelnd: “Ouagadougou ist übrigens kein Staats, sondern die Hauptstadt von Burkina Faso.”
Das Land hätte zwar in die Reihenfolge logisch gepasst, aber es wäre lautlich nicht so spöttisch rübergekommen.
Burkina Faso, lange Jahre bekannt als “Obervolta” heisst außerdem übersetzt “Das Land der ehrenwerten Menschen” und das passt ja nicht in die Reihe, denn unser launiger Finanzminister wollte ja das Halbseidene unserer Nachbarn in den Mittelpunkt stellen. Er hat es immerbhin geschafft, dass Ouagadougou, was in der dortigen Mossi-Sprache “Kommt, mich zu ehren!” heißt, in Deutschland bekannter geworden ist. Jeden Tag fliegt ein Flieger von Paris aus in diese ehemalige französische Kolonie, in der Französisch noch immer als Hauptverkehrssprache gilt, weil Mooré, die Mossi-Sprache, “schwierig zu lernen, weil sie ohne Sinn und Logik ist”, sagt einer Schweizerin, die dort schon seit einigen Jahren lebt und von der gleich noch zu reden sein wird. Ich finde das schon mal eine ziemlich treffende Ansicht über eine Sprache, denn: was ist schon wirklich von Sinn und Logik durchdrungen?
Ouagadougou ist nun mit einer Million Einwohner eine große Stadt in diesem armen Land. Reisende bezeichnen es als “riesiges, verstaubtes, heißes Dorf”", in dem Krankheiten wie Gelbfieber, Malaria und Hirnhautentzündung immer wieder viele Todesopfer fordern. Ein hoffnungsloser Fall, so scheint es und vielleicht gerade noch gut, um einem knarzigen norddeutschen Finanzminister als Witzgrundlage zu dienen.
Aber auch in Ouagadougou wohnt Hoffnung und eine Lektion für viele deutsche Politiker, die sich vor lauter Linkskurs gerade nicht mehr einkriegen können:
Eine junge Schweizerin kommt mit einem Forschungsaufenthalt nach Burkina Faso. Dort lernt sie einen jungen Mann kennen, der von dort kommt und der dafür sorgt, dass sie heiraten können und jetzt den schönen Familiennamen Kaguembega haben. Das ist an sich schon ein mutiger Schritt.
Die Idee, durch die sie anhand von Studien über die Pflanzenwelt Burkina Fasos kommt, ist ebenso einfach wie genial: Burkina Faso hat ein Problem: Zu wenige Bäume. Das hört sich zunächst nicht so schlimm an, aber Bäume bedeuten Boden, denn die Erosion wird aufgehalten. Bäume bedeuten Tiere, Früchte, Wasser und eben einfach Leben. Die Einwohner Ouagadougous wissen das auch, aber Bäume halten sich nicht, weil sie entweder von Herdentieren noch im zarten Alter verspeist werden, oder von Plantagen niedergebrannt werden, um andere Kulturen azusiedeln. Und die junge Schweizerin macht un etwas, was relativ einfach, sehr wirksam und für uns etwas merkwürdig ist: Sie baut Zäune. Während das Entfernen der Zäune in Europa das Ende des Kalten Krieges bedeutete, bedeuten Zäune in Burkina Faso wachsendes Leben.
Denn durch die Zäune bekamen die Menschen in Ouagadougou einen festen Bereich, der ihr Eigentum ist und um den sie sich kümmern. Sie hatten Verantwortung dafür und mussten sich lediglich verpflichten, Bäume wachsen zu lassen. So wurden diese Grundstücke zu Mittelpunkten für ganze Familien. Hier wachsen wirtschaftlich verwertbare Früchte und Stück für Stück wird das Land wieder grün, weil jeder Eigentum hat, auf das er oder sie aufpasst.
Die allgemeinen Flächen werden zwar auch neu bepflanzt. Dann kommt ein Minister, pflanzt einen Baum und steigt wieder in seine Limousine, nachdem das Foto gamacht wurde. Der Baum überlebt meistens die nächsten Tage nicht, was ja auch keinen stört: Was allen gehört, gehört keinem. Und bei 40 Grad im Schatten hätte ich auch was anderes zu tun, als auf Allgemein-Bäume aufzupassen.
Die junge Schweizerin hat sogar ein Kindermädchen, was jetzt zu einem allgemeinen “Aha” bei unseren linken Freunden führen wird. Dieses Kindermädchen hat einen prügelnden Mann zu Hause und wäre beinahe mit einem unbehandelten gebrochenen Arm gestorben. Jetzt hat sie Arbeit und ihre Würde wieder.
Ich wiederhole nochmals: Eigentum schafft hier Verantwortung. Verantwortung garantiert Leben und schafft vielleicht einen kleinen Wohlstand, wo vorher Armut war.
Steinbrück hatte keine Ahnung, was er da sagte. (Im Gegensatz zu allen anderen Politikern, die natürlich immer genau wissen, was sie den ganzen Tag daherreden). Hätte er es gewusst, hätte er sich vielleicht gedacht, dass man zumindest dieses Baumpflanz- und Zaun-Projekt als Vorbild nehmen könnte. Auch wenn die Aussage den dogmatischen Salonlinken mit ihrem preußischem Feldwebel nicht geschmeckt hätte.
Das “Land der ehrenwerten Menschen” eben…