Mit dem geistigen Verfall von Walter Jens verliert die Bundesrepublik, ganz sicher aber die Stadt Tübingen, einen herausragenden Kopf. Dass jemand, der als geistiger Titan bekannt war, mit seinen geistigen Fähigkeiten seine wichtigste Methode verliert, sich der Welt mitzuteilen, ist ein großer Verlust für uns. Ob er deshalb unglücklich ist, wissen wir nicht zu sagen.
Das, was mir bei Walter Jens als erstes einfällt, ist, dass mir vor Jahren einmal einer seiner Assistenten in Tübingen verraten hat, dass sein Spitzname hinter vorgehaltener Hand “Alter Senf” sei. Dies war dadurch zu erklären, weil er zu allem, was in der Republik geschah, seinen Senf dazugeben musste. Das ist das Los der Götter am Himmel der Zeit-Leser. Die Tatsache, das ich das nicht vergessen habe, zeigt, dass wir uns große und ernste Menschen oft über kleine und lustige Geschichten merken können.
Doch die Lücke, die Walter Jens gerissen hat, blieb nicht lange ungenutzt. Den Platz im geistigen Gewürzregal nimmt ja einer gerne ein, der schon in den vergangenen Jahren immer wieder durch Meinenmüssen auffiel. Die Rede ist von Peter Sloterdijk, dem Hans Kant in allen Gassen. Um es gleich zu sagen: Er hat ein neues Buch geschrieben. Uns daher ist er natürlich – rein zufällig und sicher auch von Journalisten bedrängt – in den letzten Tagen in allen Zeitungen. Unter anderem in einer Sonntagszeitung, hinter der ich neulich meinen klugen Kopf steckte.
Das Interview, das er dazu gegeben hat, sagt viel über das von ihm geschriebene Buch aus. Noch mehr allerdings sagt es etwas aus über die Methode, Bücher zu schreiben, die man sich in betuchten Kreisen gerne mal auf den Marmortgabentisch legt. Das Rezept seiner Philosophie ist nicht allzu kompliziert: Erst mal Bescheidenheit predigen und neue Denkmethoden. Wer wird da nicht dafür sein? Und damit es nicht zu weltfremd aussieht, bringt er als lächerliches Beispiel den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten, der zur Ankurbelung der Konjunktur ampfahl, seiner Frau einen Pelzmantel zu kaufen. Die Kreise, die Sloterdijk anzusprechen wünscht, finden das sicher höllisch witzig, weil ihr Frau schon mindestens einen Pelzmantel im Schrank hängen hat und daher Politiker, die solche Tips geben, bestenfalls lächerlich sein können. Ich bin nun gewiss kein Anhänger Edmund Stoibers, aber wenn ich die augenblickliche konjunkturdebatte so ansehe, fallen mir mindestens ein Dutzend dümmerer Ideen ein, die die Allgemeinhait nachhaltig schädigen.
Aber wir hören es immer wieder gerne, wenn ein Mann der mit Professorengehalt sicher keine Gagenzahlung auslässt, den heiligen Franziskus von den Mülltonnen gibt. Besonders dann nicht, wenn er noch weitere Knaller bereit hat.
Der Knaller ist: Die Welt geht unter, wenn wir uns nicht ändern. Zum Glück erklärt uns Professor Sloterdijk, wie man das macht. man wird bescheidener und irgrdwie braucht es eine Art Weltkonsens, dass sich Politiker über Methoden und Philosophien unterhalten und die Welt mittels eines gigantischen Workshops gerettet wird. Bin ja mal gespannt, welche Nation die Wölkchen an die Flipchart kleben darf… Und zu Beginn muss jedes Land sich vorstellen.
Ich bin immer etwas misstrauisch, wenn Menschen, die kaum eine Talkshow auslassen, Bescheidenheit predigen. Und wenn es dann allzu erzieherisch wird, wird es auch gefährlich. Da kommt dann oft der Satz “Wir müssen das Bewusstsein ändern”. Vom “richtigen Bewusstsein” hatten es schon viele in der Weltgeschichte und es bekam vielen Menschen sehr schlecht, erzogen worden zu sein. Wie sagte Stalin so nett: “Kein Mensch – kein Problem”.
Hinter der Bescheidenheit versteckt sich also oft nicht nur ein Wichtigtuer, sondern ein Umerzieher.
Und da setze ich einem Sloterdijk doch lieber einen ehrwürdigen Sir Kalr Popper entgegen, der für Intellektuelle postulierte: “Optimismus ist Pflicht” und der die Gefahren beschrieb, die Propheten für eine offene Gesellschaft bedeuten können.
Aber eine Inspiration gab mir Sloterdijk: Ich dachte nicht an alten Senf, sondern an Alten Quark und so wurde aus der Philosophie doch noch ein brauchbarer Käsekuchen. Guten Appetit!
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