Seit gestern wissen wir, was unser Ministerpräsident wohl als Kind am liebsten gemacht hat: Er hat in Atlanten geblättert. Er stammt aus einem liberalen Elternhaus und das wird der Jugend früh bildendes Material zugänglich gemacht und daher hat er schon früh das getan, was manch einer auch mal gern tut: Er ist “auf der Landkarte verreist”. Dabei müssen es ihm die großen Bahnlinien angetan haben, die er abgefahren hat und er wird die Städte leise vor sicvh hingesprochen haben und die sind dann vor seinen Augen erschienen.
“Stuttgart, München, Wien, Prag, Berlin, Warschau, Moskau”…. so hat sich das sicher angehört, wenn die Reise in den Osten ging. Oder “Stuttgart, Paris, Le Havre, blubbblubb, New York”, wenn es nach Westen ging. Und diese Reisen waren günstig und beflügelten die Phantasie des kleinen Noch-Nicht-Ministerpräsidenten.
Die Vorliebe für Streckenabfahrungen führten nun sazu, dass die Pressekonferenz gestern einige Minuten länger ging. Männer sind ja für bestimmte Dinge begeisterungsfähig. Gestern wurde nun ein Wirtschaftlichkeitsgutachten zu den neuesten Bahnprojekten in Baden-Württemberg vorgestellt. Und da stand natürlich “Stuttgart21″ im Mittelpu8nkt, das jetzt “Baden-Württemberg21″ heißt und das Land nach vorne katapultieren wird. Das natürlich umso mehr, weil nicht nur von West nach Ost, sondern auch noch von Nord nach Süd die Rheintalstrecke ausgebaut wird, außerdem noch die Gäubahn über Rottweil in die Schweiz und die Strecke durch Oberschwaben. Karlsruhe wird der Knotenpunkt, das pulsierende Herz.
Dies sind nach Aussagen unseres Ministerpräsidenten nicht nur schöne Strecken in Europa, sondern die Hauptverkehrsadern des modernen Europa. Und weil Männer gerne mit Eisenbahnen spielen und weil sich Günther Oettinger gerne an seine Reisefinger-Zeit erinnerte, schlug er für die anwesenden Journalisten nicht nur den Atlas Europas auf, sondern nahm sie alle mit. Und so war die Strecke nicht nur “Paris-Budapest”, sondern natürlich “Paris-Metz-Straßburg-Kehl-Stuttgart-Ulm-München-Wien-Budapest”, was einerseits natürlich länger dauert, aber andererseits auch den Hauch der großen, weiten Welt in die Pressekonferenz zauberte.
Wie langweilig ist die knappe Auskunft “Rotterdam-Norditalien” und wie ungleich eisenbahnromantischer ist die Streckenbeschreibung unter Nennung vieler Städte! Auf der “schwäb’schen Eisenbahn” gab es schließlichn auch “viele Haltstationen”, an denen der Bauer und “sei’ Böckle” angehalten haben, bevor das Tier etwas kopflos wurde.
Und zaubert uns dieser Vortrag eines Ministerpräsident an Bord eines “Orient-Express”, der mit extravaganten Schauspielerinnen und Aristokraten durch Europa schaukelt? Wobei der “Orient-Express” die Strecke des Films “Mord im Orient-Express” nie fuhr, sondern (zur Freude unseres Ministerpräsidenten) die Strecke Schweiz-Simplon-Mailand-Zagreb-Belgrad-Istanbul. Da hört man gleich eine Dampflok und die Stimmen fremder Menschen.
Wie viel angenehmer und interessanter könnten die Politiker uns mittels dieses Kopf-Kinos in Zukunft ihre Arbeit schildern! Zugegebenermaßen müsste die Geduld der Journalisten größer sein, aber schließlich wird jede Reise nach Tübingen spannender, wenn sie über Plochingen-Wendlingen-Metzingen-Reutlingen und vielleicht sogar Bempflingen geht und jeder Schwimmbadbesuch wird reizvoller, geht er über österreichischen Platz-Charlottenplatz-Stöckach. Und viele Politikerkarriere gehen über die bekannten Stationen Oberwichtig – Karriereplatz – Amtsstube – Skandalgasse – St. Dementi – Endstation.
Gute Reise!
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