Was haben wir nicht alles den Tschechen zu verdanken! Bier und Musik und gutes Essen, Pan Tau und eine Art von Humor, die ganz eigenen Regeln folgt. Dass die Tschechoslowakei der einzige Staat östlich von Deutschland war, der bis zu Hitlers Niederwalzung demokratisch blieb, wird oft vergessen. Dass Thomas Mann nicht als deutscher, sondern als tschechoslowakischer Bürger ins Exil in die USA ging, wird auch oft vergessen. Und dass die Tschechen zwar noch keinen Krieg gewonnen haben aber auch noch nie einen angefangen haben, sollte klar machen, dass das Herz Europas in Böhmen gut schlägt, auch wenn der derzeitige Präsident von Tschechien sich zu gut in seiner Rolle als widerborstiger Europäer gefällt. Eine Pragerin hat mir das mal damit erklärt, dass die Tschechen aus der Geschichte heraus empfindlich gegen allzu liebenswürdige Umarmungen seien. Ob die nun aus Wien kamen (wobei sie damit recht gut gefahren sind, nicht nur kulinarisch), aus Berlin als Schutzmacht, aus Moskau als liebender Bruderstaat oder als Brüssel als moderne Fürsorge: Ein bisserl Skepsis gehört da hinein wie der Powidl in die Buchtel und dann können sich die Tschechen hinter ihrer scheinbar groben Fassade bestens dumm stellen.
Aber aus Tschechien kommen nicht nur habhaftes Bier, sättigendes Essen und ein wenig Skepsis, sondern auch feingeistige Dinge: kein anderes Volk hat nach der Wende vom Kommunismus einen seiner besten Dichter und Schriftsteller zum Präsidenten gemacht. Dieser hat den Drang zu Macht als künstlerische Pflicht verstanden. Durch die langen Gänge der Präsidenten-Burg Hradschin ist er mit dem Tretroller gefahren und die Uniformen seiner Palastwachen liess er von einer befreundeten Bühnenschneiderin entwerfen. Weswegen die tschechischen Präsidentenwachen wohl zu den schmucksten und zivilsten Wachen der Welt zählen. Die strahlen vor allem Würde aus und kommen nicht daher wie Laubfrösche auf Teichmanöver.
Und noch eine wichtige Sache haben uns die Tschechen jetzt geschenkt: Das Sommerkabinett. Bisher kannte man so etwas in Deutschland nur aus den 60er Jahren, als der damailige Bundeskanzler Kiesinger, der ja sonst sehr auf Etikette achtete, Tisch und Stühle des Bundeskabinetts an einem sonnigen Sommertag einfach in den Garten unter die Bäume des Kanzleramts stellen ließ. Das Bild gilt heute noch als kleine Sensation. Und warum? Weil die Schwere der politischen Beratungen durch die leichte sommerliche Atmosphäre abgemildert wird. Weil da frische Luft und Sonne statt Mief und Staub waren. Und was befürchtet man von solch einem Kabinett? Keine schwere Entscheidungen, sondern leichte Dinge wie Steuerentlastungen, Arbeitszeitverkürzungen und offene Natürlichkeit.
Und jetzt gibt es in der Tschechischen Republik so etwas auch, aber viel, viel länger und offizieller. Nachdem der bisherige Ministerpräsident mit dem schönen Namen Topolánek (wobei darauf zu achten ist, dass die tschechischen Wörter immer auf der ersten Silbe betont werden und bei einem Betonungszeichen… eben nochmal), es nicht mehr für eine Regierung zusammengebracht hat, hat nun der Präsident Klaus alle in seine Burg geladen und dort haben sie ein SOMMERKABINETT beschlossen. An dem sollen alle mitmachen, Ministerpräsident soll ein unambitionierter und kundiger Statistiker werden mit dem sehr unauffälligen Namen Jan Fischer. So geschieht nichts, was jenseits denrstatistischen Werten liegt. Solch einem trauen die Tschechen sowieso mehr, denn wie heißt es schon beim braven Soldaten Schwejk: “Zum Schluss hat sichs herausgestellt, dass der Mann ein tschechischer radikaler Abgeordneter war, der einen Ausflug in die Laner Wälder gemacht hat, wie er vom Parlament genug gehabt hat. Deshalb sage ich euch, dass allle Menschen Irrtümern unterliegen, dass sie sich irren, obs nun ein Gelehrter oder ein blöder ungebildter Trottel is. Sogar Minister irren sich.”
Ein Sommerkabinett! Welch eine nette Idee! Das hört sich nach zwangloser Stimmung, leichter Thematik und Beratungen im Freibad an. Und das Schönste ist ja, dass sichb der Sommer-Ministerpräsident Jan Fischer ganz entspannt zeigt und die anderen auch. Jetzt hat ihm ein Ministervorschlag nicht gefallen, also wird eben ein anderer Minister. Es wird ja mal wieder Sommer.
Und diese Haltung würde man sich hier in Deutschland auch wünschen, wo momentan wieder alle grimmiger und wahlkämmpferischer dreinschauen und kein Politiker einem anderen auch nur einen Sitz in der Straßenbahn gönnt. Da sitzen sie und knirschen mit den Zähnen und haben kein Sommerkabinett, sondern immer nur Dezemberstimmung und Wahlkampfkrieg. Ein wenig mehr Sommerkabinett, dann werden auch die Wahlen für alle erträglicher. Dabei fallen die Entscheidungen doch oft ganz anders. Lassen wir am Ende noch einmal Jaroslav Hasek zu Wort kommen mit seinem braven Soldaten:
“Wir gewinnen den Krieg ganz bestimmt, ich wiederhols nochmals, meine Herren!”, mit diesen Worten verabschiedete sich Schwejk von der Menge, die ihn begleitete.
Und irgendwo in weiten Fernen der Geschichte senkte sich auf Europa die Wahrheit herab, dass das Morgen die Pläne der Gegenwart zunichte machen würde.
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