Willkommen im Denunziantenstaat, Teil 3

Es gibt keinen größeren Fehler als haben wollen.
(Laotse, Tao te king)

Wir Deutschen waren schon immer gut im Denunzieren. Spätestens seit den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war allen die Gemütslage der Nation klar: Nicht ein Volk von Mitläufern hat die Nazis an die Macht gebracht – ein Volk von Mit-Tätern und Mit-Wissern war es, welches in Scharen seine Nachbarn an die Gestapo verraten hat; aus Neid, aus Missgunst, aus Konkurrenzdenken und aus schlichter Boshaftigkeit.

Auch die Bürger der DDR standen dieser urdeutschen „Tugend“ in nichts nach. Nicht nur in Einzelfällen wurde der Nächste bespitzelt – die Zahl der „inoffiziellen“ Mitarbeiter der Stasi bewegte sich in schwindelerregenden Millionenzahlen. Das Ausspionieren seiner Nachbarn war wahrer Volkssport in der DDR. Es scheint auch nichts geschadet zu haben, dass dabei unschuldige Menschen eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden.

Und nun sind wir im dritten Teil des Denunziantenstaats angekommen. Aus allen Ecken tauchen plötzlich Daten-CDs mit Daten von vermeintlichen Steuerhinterziehern auf. Und der Staat, allen voran die „Volksparteien“ CDU und SPD, stehen jederzeit bereit, unsere Steuergelder zum Kauf dieser geklauten Hehlerware auszugeben.

Wie die Gier die Banken und Börsen regiert hat, regiert die Gier jetzt die Politik. Gab es da nicht noch ein paar andere Konzepte irgendwo: Gewaltenteilung? Rechtsstaat? Unschuldsvermutung? Verhältnismäßigkeit? Alles vergessen, wenn der schnelle Erfolg winkt – der Zweck heiligt scheinbar alle Mittel. Und diese Leute sollen das globale  Finanzwesen kontrollieren? Dass ich nicht lache. Hoffentlich macht ein Gericht diesem Niedertrampeln von Staatsprinzipien ganz schnell ein Ende. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die unabhängige Justiz die Übergehung ihrer selbst einfach so hinnimmt.

Was kommt sonst als nächstes? Gibt es eine Prämie, wenn man seinen schwarzarbeitenden Nachbarn verpfeift? Zahlt Schäuble für die CD, auf der IPs mit Tauschbörsennutzern stehen? Gibt es Kohle vom Staat, wenn ich einen Alkoholsünder anzeige, der besoffen Auto fährt? Ich sehe sie schon an den Fenstern, meine „lieben“ Nachbarn, scharf auf die Denunziantenprämie, immer bereit allen und jeden anzuschwärzen, der auch nur einen Hauch anders denkt als sie selbst.

Der deutsche Staat, allen voran Wolfgang Schäuble, hat einen gravierenden Fehler gemacht. Ein Fass ohne Boden wurde geöffnet und der urdeutsche Instinkt des Denunziantentums wurde wieder geweckt. Schon zwei Mal waren wir in den letzten hundert Jahren einem totalitären System, welches vom unermüdlichen Denunziantentum seiner Bevölkerung gelebt hat. Und nichts, aber auch gar nichts, haben wir daraus gelernt.

Denn was tun denn diejenigen, die jetzt vom deutschen Fiskus bedrängt werden? Brav ihre Steuern nachzahlen und dann kleinlaut schweigen? Falsch gedacht. Jeder derer, der einigermaßen klar denken kann, wird sein komplettes Vermögen in Deutschland aufgeben und ins Ausland transferieren. Schließlich wird keiner mit Geld gezwungen, hier zu leben. So wird diese vermeintlich sinnvolle Aktion eine weitere Kapitalflucht aus diesem Land auslösen.

Die Politik hat nicht kapiert, wie Kapitalismus funktioniert. Warum, meinen Sie, haben die USA mit Delaware die weltgrößte Steueroase im eigenen Land? Weil man so das scheue Kapital wenigstens im eigenen Land behält! Wir haben nicht zu viele Reiche in diesem Land – wir haben zu wenige. Demnächst wieder einige weniger. Und wenn alles gleich verteilt wird, werden nie alle gleich reich, es werden immer alle gleich arm. Dass man nach vierzig Jahren Kommunismus das immer noch nicht verstanden hat, bleibt mir ein Rätsel.

Nicht, dass ich Steuerhinterziehung gutheiße. Aber der deutsche Staat ist mit seiner idiotischen Steuerpolitik ein gutes Stück selbst daran schuld, wenn sich das Kapital andere Wege sucht. Die Bekämpfung von Schwarzgeld ist zweifellos wichtig. Aber: Man hätte es auch richtig machen können – hinter den Kulissen, in Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden. Und nicht als Marktschreier.

Nicht verstanden ist der Grundantrieb einer erfolgreichen Wirtschaft: Unternehmertum, Risikofreunde, Leidenschaft und Fleiß. Das alles wird in Deutschland systematisch bestraft. Arbeitsplätze fallen nicht vom Himmel – und, liebe CDU, sie werden auch nicht von der Politik geschaffen. Das ist die Krankheit des Über-Egos der politischen Kaste. Sie meint alles und jeden beherrschen zu können. Dabei ist der Unternehmer derjenige, welcher die Leute anstellt. Und nicht der Staat.

Rette sich, wer kann. Die Schweizer wird’s freuen. Denn sie bekommen viele neue, wohlhabende Bürger. Bei uns bleibt dann das übrig, was nicht gehen kann, oder was keiner haben will. Die dumme, schlecht gebildete und arme Masse. Schon jetzt sind wir beim BIP in der OECD unteres Mittelfeld, mit fallender Tendenz.

Selbst schuld, sag ich da.

Handeln Sie jetzt, Herr Rösler

In Deutschland kosten Medikamente bis zu 50% mehr als in EU-Nachbarländern. Gleichzeitig lamentiert die Regierung an Zusatzbeiträgen für Krankenkassen. Diese hätte man jedoch verhindern können; Einsparpotentiale in Milliardenhöhe werden nicht realisiert, wie z.B. die folgende Reportage des ZDF beweist:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/963650/Preistreiber-Medikamente-#/beitrag/video/963650/Preistreiber-Medikamente-

Mein Vorschlag: Wir erlauben den Krankenkassen, Verträge über Medikamente EU-weit (wie es sich für einen echten Binnenmarkt gehört!) abzuschließen. Und: wir geben die rezeptfreien Medikamente in den Einzelhandel. Wetten, dass die Preise innerhalb kürzester Zeit sinken?

Jährlich zahlen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und der Bund rund 150 Milliarden Euro in den Gesundheitsfond ein. Alleine die Aufteilung dieser Gelder auf mehr als 200 gesetzliche Krankenkassen verursacht Verwaltungskosten von rund zehn Millionen Euro. Der größte Teil des Gesundheitsfonds wird für Krankenhausbehandlungen ausgegeben. Im Jahr 2008 beliefen sich die Kosten dafür auf knapp 53 Milliarden Euro…

Gleich dahinter kommen schon Arzneimittelkosten von knapp 30 Milliarden Euro, also mehr als 19 Prozent des Gesamtbudgets. Ärztliche Behandlungen beliefen sich auf knapp 26 Milliarden und weitere acht Milliarden Euro wurden für zahnärztliche Leistungen ausgegeben. Die restlichen 35 Milliarden Euro wurden für Maßnahmen wie Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen, Krankengeld, Heilmittel und häusliche Krankenpflege ausgegeben.

… Um den Anstieg der Gesundheitskosten zu begrenzen fordern Kassen und Politiker nun Arzthonorare, Krankenhausbudgets und vor allem Medikamentenkosten zu kürzen. In Deutschland werden fast ausschließlich Originalpräparate verschrieben, die um ein Vielfaches teurer sind als Analogpräparate mit identischen Inhaltsstoffen.

Es fehlen zudem zentral festgelegte Preisgrenzen, wie es in anderen Ländern üblich ist. Dadurch kann die Pharmaindustrie in Deutschland Preise für patentgeschützte Medikamente völlig autonom festlegen. So stiegen in den letzten Jahren die Ausgaben für Medikamente um weitere fünf Prozent. Zudem bemängeln Kritiker, dass Ärzte oft zu viele und vor allem zu teure Medikamente verschrieben. Häufig könnten diese durch billigere Generika ersetzt werden.

http://reporter.zdf.de/ZDFde/inhalt/31/0,1872,8025375,00.html

Gute Regierungsführung wird nach den Ergebnissen beurteilt und nicht nach Absichtserklärungen.

Die spinnen, die US-Demokraten

Update 5.2.: Ich habe diesen Artikel selbstverständlich nicht ohne Bezug auf die aktuelle Lage in der deutschen Politik verfasst. Auch bei uns droht, die Mehrheit für Schwarz-Gelb im Bundesrat bei der NRW-Wahl verloren zu gehen, was ähnliche Zustände in unseren Parlamentskammern herbeiführen könnte und so zentrale Reformvorhaben der Regierung erheblich erschweren würde. Und letztendlich leidet auch die FDP unter dem “Obama-Syndrom”: gelungene Kampagne, gewonnene Wahl, große Reden – und kaum verwertbare Ergebnisse.

Warum alleine die Demokratische Partei entscheidet, ob die Gesundheitsreform in den USA stattfindet.

http://s3.moveon.org/images/final_backbone_graphic.jpgAmerikanische Politik kann manchmal ganz schön verwirrend sein. Nicht nur das für uns etwas befremdlich wirkende Mehrheitswahlrecht und das daraus resultierende Zweiparteiensystem wirkt seltsam, auch die Eigenarten der Funktionsweise des Zweikammerparlaments zeigen Irrungen und Wirrungen, die die deutsche Presse nicht und der deutsche Leser schon gar nicht kapiert.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein wenig zur Aufklärung beitragen. Und gleichzeitig mit einigen Mythen der deutschen Berichterstattung über die USA aufräumen. Konkret mache ich dies am Beispiel der Reform der Krankenversicherung in den USA, die ja in den letzten Monaten heftigst diskutiert wurde.

Zum einen gibt es im US-Parlament (genannt der Kongress) zwei Kammern: Das Repräsentantenhaus und der Senat. Im „House“ sitzen 435 Abgeordnete, die nach Bevölkerungszahlen der einzelnen Staaten gewichtet sind, im Senat hingegen ist jeder Bundesstaat mit zwei Senatoren vertreten, also insgesamt gibt es 100 Senatoren. Die Gesetzesinitiativen für Bundesgesetze in den Vereinigten Staaten können nur vom Kongress ausgehen. Dabei hat das „House“ die alleinige Kompetenz in Steuerangelegenheiten. Der Senat muss allen Bundesgesetzen zustimmen, kann aber auch eigene Initiativen starten. Vorschläge für neue Gesetze können von jedem Mitglied einer der beiden Kammern oder einem der Delegierten eingebracht werden. Die Bearbeitung findet in den Ausschüssen, den sog. Committees statt.

Jeder Gesetzesvorschlag muss identisch von beiden Kammern verabschiedet werden. Dazu übermittelt der Vorsitzende einer Kammer den fertigen Gesetzesentwurf an die andere Kammer. In dieser „zweiten Bearbeitung“ wird der gleiche Vorgang wie oben beschrieben noch einmal durchlaufen. Nachdem beide Kammern den Gesetzesentwurf verabschiedet haben, wird überprüft, ob etwaige Änderungsvorschläge in der zweiten Kammer von denen der ersten Kammer abweichen. Sollte dies der Fall sein und die erste Kammer diese Änderungen ablehnen, wird ein Conference Committee (Vermittlungsausschuss) angerufen. Dieser besteht aus einer gleich hohen Anzahl von Abgeordneten und Senatoren und versucht nun, die beiden Fassungen zu vereinen. Danach müssen beide Kammern noch einmal über die endgültige Fassung abstimmen. Nachdem der Entwurf von beiden Kammern verabschiedet wurde, wird dieser dem Präsidenten übermittelt. Dieser kann das Gesetz annehmen oder per Veto ablehnen. Das Veto wiederum kann mit Zweidrittelmehrheit beider Kammern überstimmt werden. (Siehe auch Gesetzgebungsverfahren Vereinigte_Staaten)

Genau nach diesem Schema wurde von der demokratischen Mehrheit im „House“ am 8. November 2009 der America′s Affordable Health Choices Act of 2009 verabschiedet. Das ist der Gesetzentwurf der Demokraten, in dem Präsident Obamas Pläne eingearbeitet sind. Parallel dazu verabschiedete der Senat am 24. Dezember 2009 den Patient Protection and Affordable Care Act mit der bemerkenswerten Mehrheit von 60 zu 39 Senatorenstimmen. Das ist die Senatfassung des obigen Gesetzes. Beide sind, wohlgemerkt, von der selben Partei! Aber in unterschiedlicher Fassung. Beide Fassungen sind umfangreiche Werke, mit mehreren tausend Seiten Gesetzestext.

Und genau hier liegt eine der Gründe für die Ablehnung der Reform in der US-Öffentlichkeit: Nicht so sehr die Reform an sich wird abgelehnt, sondern die Art, wie sie zustandegekommen ist – und die Art, in der das Vorhaben formuliert wurde. Anstelle von einfachen Sätzen beinhalten beide Entwürfe Endlos-Gesetzprosa – etwas, was wir auch aus deutschen neueren Gesetzen kennen. Hier wiederum stellt sich eine Fundamentalkritik der modernen Demokratie ein – immer weniger Bürger haben das Gefühl, ihre Anliegen von der Politik gerecht behandelt zu bekommen – anstelle von Einfachheit gibt es immer weitere Verkomplizierung (siehe die Debatte um die Hotel-MwSt.!). Immer weniger schafft es die Bürokratie, legislative Sachverhalte zu kommunizieren. Das gilt für die USA wie für uns.

Im „House“ gibt es eine strikte Redezeitbeschränkung, im Senat hingegen kann jeder Senator beliebig lange zu einem Thema reden. Dies wurde als Taktik zur Verschleppung von Abstimmungen benutzt und ist unter dem Namen „Filibustering“ bekannt geworden.

Und nun wird es richtig wichtig! Beide Kammern benötigen zur Beschlussfassung einfache Mehrheiten. Die Demokratische Partei stellt Anfang 2010 257 von 435 Abgeordneten im „House“ (59%) und im Senat 60 von 100 Senatoren (60%). Dabei sind zwei Senatoren offiziell unabhängig, stimmen jedoch i.d.R. mit dem Demokraten. Die Demokratische Partei hat also in beiden Parlamentskammern eine satte Mehrheit und stellt zudem den Präsidenten.

Und dennoch kommt kein Gesetz zur Reform des Gesundheitssystems zustande. Warum? Die Regel des Filibustering besagt, dass man 60 Senatorenstimmen benötigt, um die Redezeit im Senat zu beschränken und somit die Verzögerungstaktik zu verhindern. Diese Mehrheit hat die Demokratische Partei mit der Nachwahl des Senators aus Massachusetts am 19. Januar 2010 verloren. Der Republikaner Scott Brown wurde als Nachfolger des demokratischen Senators Edward Kennedy gewählt. Die Demokraten stellen nun also 59 Senatoren und können keinen Filibuster mehr verhindern.

Die amerikanische und auch die deutsche Presse, allen voran der Rechtssender FOX-News, aber auch der moderate CNN, folgern daraus, dass die Gesundheitsreform Obamas gescheitert sei. Das wurde und wird so auch in allen Mainstream-Medien Deutschlands verbreitet.

Doch wie der US-Amerikanische Autor Barry Eisler in seinem Blog („Artikel: Democratic Crybabies“) so passend schreibt: Die komplette Regel des Filibustering kann mit einfacher Senatsmehrheit, also mit 50(!) Stimmen abgeschafft werden!

Ja, Sie lesen richtig. Die Demokraten können jederzeit die sie selbst lähmende Regel mit ihrer Senatsmehrheit einfach abschaffen und die Gesundheitsreform in Kraft treten lassen. Sie könnten aber auch einfach den Senatsentwurf im „House“ beschließen. Dann wäre der Gesetz.

„If the Democrats wanted to pass health care reform, or anything else, they could do it today. Any time they wanted, with a simple majority vote, they could end the filibuster rule that enables Republicans to block legislation.“ http://www.barryeisler.com/blog.html

Das ganze Drama um diese Gesundheitsreform ist nur von den Demokraten selbst inszenierter Theaterdonner! Wenn ihnen die Sache so wichtig ist, werden sie die geeigneten Maßnahmen treffen und ihre Reform auch durchboxen, auch wenn das Änderungen an den prozeduralen Regeln erfordert.

Technisch wäre zwar die Änderung der Geschäftsordnung des Senats ihrerseits der Endlosdebatte unterworfen und eine Zweidrittelmehrheit der Anwesenden Senatoren notwendig, um diese zu beenden. Aber es besteht die Möglichkeit, die sog. Nukleare Option anzuwenden, bei der der Präsident des Senats, heute wäre das bei einer wichtigen Debatte Vizepräsident Joe Biden, die Verfassungmäßigkeit der Debatte per Geschäftsordnungsantrag infrage stellt und zur sofortigen Abstimmung bringt. Oder der Senat bedient sich einer Verfahrenstaktik namens “reconciliation“, wobei der Senat sich die Sonderrechte des Houses in Sachen Steuerrecht zunutze macht und so die 60-Stimmen-Hürde umgeht.

(Links: Siehe Fox hier und hier, der Ablauf genauer hier, Schilderung der Taktik hier und des inflationären Filibusterings hier. Allerdings kommen auch die US-Medien schon mal durcheinander, wenn es um die Begriffe geht, siehe z.B. Fox hier.)

Barry Eisler:

This is so simple, it’s useful to break it down the way a child might approach it.
Democratic Senator: Sorry, little girl, we can’t pass health care reform without 60 votes.
Child: In school they taught us there only 100 Senators. So don’t you need only 50 votes?
Dem: Yes, but there’s a Senate rule that allows the minority party to do something called a “filibuster,” and when they do, the majority party needs 60 votes to overcome it. Filibusters used to be rare, but now the Republicans do one for every bill we try to pass. Those meanies.
Child: Well, where did the rule come from?
Dem: The Senate passed it.
Child: By a majority vote? I mean, 50 Senators?
Dem: Yes.
Child: Then don’t you need only 50 Senators to repeal it?
Dem: Huh?
Child: I mean, if you think Republicans are meanies who aren’t being fair about the rule, why don’t you just change the rule?
Dem: That would make the Republicans really mad!
Child: So you’re afraid of them?
Dem: Of course not!
Child: Then why don’t you change the rule?
[Silence]

Für uns Koalitionsdemokraten wirkt diese Art, Politik zu machen einigermaßen befremdlich – wie oft wurden bei uns schon große Gesetze mit nur wenigen Stimmen Mehrheit durch Parlamente gejagt – ohne Netz und doppelten Boden. Würde bei uns eine Koalition auf ein Gesetz verzichten, nur um eine Geschäftsordnung nicht ändern zu müssen, weil der politische Gegner eventuell in Zukunft dieselbe Änderung gegen einen verwenden könnte? Nein. Bei uns ändert man dafür schon mal die Verfassung höchstselbst, wenn man dazu nur die Stimmen hat.

Man kann aus der Debatte zweierlei lernen: 1. Wenn historische Mehrheiten da sind, muss man sie umgehend und umfassend nutzen und darf eben nicht auf parteipolitisches Klein-Klein zurückfallen, und 2. auch politische Institutionen dürfen im Laufe der Zeit nicht statisch verharren, vor allem in ihren prozeduralen Strukturen nicht. Sonst werden sie zu lähmenden Strukturen.

Wenn die US-Demokraten es nicht schaffen, diese Reform zu machen, mit all ihren Mehrheiten und Möglichkeiten; wenn sie lieber am alten, starren Regelsystem festhalten als ihren politischen Inhalt durchzusetzen – dann sollen sie (und sie werden es auch) die Wahlen im November, bei der das House und ein Drittel des Senats neu gewählt werden, verlieren.  Denn alleine die Demokraten und Obama haben es in der Hand, ob die Politik des „Change“ mehr ist, als nur reine Wahlkampfrhetorik.

Ich bin mal gespannt, ob die Demokratische Partei ihrem Präsidenten folgt oder ob das System Washington Obamas Reform einfach zerreibt. Das wäre das Ende des „Change“ und „Hope“ und eröffnete eine klaffende Lücke der (eh schon stark wachsenden) Politikverdrossenheit in den USA und damit vom großen Geld gesteuerten Demagogen Tür und Tor.

So blöd können die Demokraten nicht sein. Oder?

Afghanistan-Konferenz: Bankrotterklärung des Westens

Die Taliban haben gut lachen. Das Einzige, was sie tun müssen, um innerhalb von fünf Jahren wieder an die Macht in Afghanistan zu kommen, ist, ganz ruhig in den Bergen Pakistans abzuwarten. Der Westen hat soeben auf der Londoner Afghanistankonferenz den Anfang vom Ende seiner Mission für die Freiheit erklärt. Auch Westerwelles gepriesener „Ausstiegsplan“ für Mitläufer ist weiter nichts als ein Geständnis des „wir wissen nicht, was wir weiter tun sollen“. Der geneigte Taliban-Mitläufer lässt sich eben die nächsten paar Jahre vom Westen bezahlen, bevor er dann wieder mit wild wehenden Fahnen in Osamas Schoß zurückkehrt, nachdem die Ungläubigen das Land endlich verlassen haben.

Nun also befindet sich die NATO just an dem selben Punkt wie einst die Rote Armee: Nach einem knappen Jahrzehnt sinnlosem Dahinkämpfelns, ohne ausreichend Truppen, ohne klaren Auftrag und ohne echtes Kriegsziel, sieht man endlich ein, dass der Krieg in Afghanistan „mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist“.

So ein Blödsinn – es wurde mit richtigem Einsatz schließlich gar nie versucht. Die Vorstellung, man könnte ein paar tausend Mann nach Afghanistan schicken, dort ein paar schicke Zeltlager errichten, ein bisschen Polizei spielen und mit erhobenem Moralfinger umherlaufen – der gemeine Taliban würde dann schon die Überlegenheit des westlichen Systems einsehen – diese Vorstellung ist so absurd naiv, dass es schon unglaublich erscheint, dass gestandene Staatsmänner und –frauen sich ihrer hingegeben haben.

Wollte man die Taliban wirklich besiegen, müsste man Afghanistan und die Berge Pakistans regelrecht besetzen. Zehntausende würden sterben, Milliarden verpulvert. Und das will wirklich niemand.

Der Westen hat die alten Fehler der Sowjets wiederholt. Er hat, ohne die Eigenheiten des Landes anzuerkennen, eine korrupte, unbeliebte Regierung installiert – die ohne westlichen Einfluss sofort gestürzt werden wird. Er hat es nicht geschafft, den Geldhahn der Taliban und damit den Waffenfluss abzudrehen. Ein Faktum, welches in Zeiten, in denen ich meinen Hund bei Google Earth erkennen kann (wirklich wahr, siehe hier) umso unglaublicher erscheint – fast denkt man, es wäre gar nicht gewollt  den Heroinfluss aus Afghanistan zu stoppen. Ja, da verdienen eben ganz viele mit. Oder warum gibt es die Opiumfelder dort immer noch?

Mit einem Anteil von derzeit 93 Prozent am illegalen Weltmarkt für Opiate (Opium, Morphin, Heroin) hat das asiatische Land eine Monopolstellung erlangt. Seit kurzem ist Afghanistan auch wieder zu einem global führenden Produzenten von Cannabis (Haschisch) geworden.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,674762,00.html

Nicht nur am Opium wird verdient – auch die Waffen der Taliban muss ihnen jemand verkauft haben. Ich will gar nicht wissen, wie viele Dienste und schleimige Gestalten a la Schreiber da drinstecken. Wundern würde mich dabei gar nichts – auch nicht, wenn deutsche Firmen ihre Finger im schmutzigen Spiel hätten. (Das wäre doch was für Monitor und Co.; oder trauen sich die Damen und Herren „investigativen“ Journalisten da etwa nicht ran? Klar, auf FDP-Ministern rumhacken ist viel gemütlicher)

Es ist ja auch dreckig in Afghanistan. Und nicht nur dort. Die Welt wollte(!) sich schon in Kopenhagen auf nichts einigen und die westliche Wertegemeinschaft schafft es nicht einmal im Angesicht einer real existierenden Bedrohung Antworten auf religiöse Fanatiker und „failed states“ zu finden.

Immer mehr Staaten zerfallen – wie eine Epidemie grassiert die Anarchie in Ländern wie Somalia, Jemen, Sudan, Kongo, dem Gaza-Streifen und Haiti. Aber auch Zentral-Afrika, Nigeria, Teile Indonesiens, Thailands, Laos, Pakistans, Kolumbiens, des Tschad, des Libanon und den Philippinen werden schon heute nicht mehr von staatlichen Organen, sondern von Terrorgruppen regiert. Auf der Liste der Kandidaten als „failed states“ stehen auch solche Länder wie Venezuela, Peru und Bolivien (zunehmend sozialistisch) oder Kambodscha, Burma oder Sri Lanka.

List of failed states: 1 Somalia, 2 Zimbabwe, 3 Sudan, 4 Chad, 5 Dem. Rep. of the Congo, 6 Iraq, 7 Afghanistan, 8 Central African Republic, 9 Guinea, 10 Pakistan, 11 Ivory Coast, 12 Haiti, 13 Burma, 14 Kenya, 15 Nigeria, 16 Ethiopia, 17 North Korea, 18 Yemen, 19 Bangladesh, 20 East Timor, 21 Uganda, 22 Sri Lanka, 23 Niger, 24 Burundi, 25 Nepal, 26 Cameroon, 27 Guinea-Bissau, 28 Malawi, 29 Lebanon, 30 Republic of Congo, 31 Uzbekistan, 32 Sierra Leone, 33 Georgia, 34 Liberia, 35 Burkina Faso, 36 Eritrea, 37 Tajikistan, 38 Iran

Für keines dieser Länder hat die Weltgemeinschaft irgendeine Lösung parat. Die Entwicklungshilfe ist gescheitert, die Kolonialzeiten will keiner zurück – zur Selbständigkeit jedoch sind diese Staaten nicht willens, fähig oder beides gleichzeitig. Die vielen Deklarationen, die die vom Westen hofierten und dabei fett gewordenen Eliten unterschrieben haben, sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Menschenrechte werden mit Füßen getreten und Freiheiten gnadenlos unterdrückt. Die Welt ist heute in einem schlechteren Zustand als vor vierzig Jahren.

Der immer schneller wachsende materielle Reichtum der westlichen Welt (wobei ich der felsenfesten Überzeugung bin, dass wir nicht zuviel Reichtum in der Welt haben, sondern zu wenig, was mich signifikant von jedweder Linksideologie unterscheidet) hat leider nicht ein Jota mehr an Sendungsbewusstsein in Sachen Menschenrechte gebracht. Im Namen des wirtschaftlichen Wachstums haben wir sträflich die Wertorientierung vernachlässigt – in unserer Nabelschau haben wir die unterdrückten Menschen in den armen Ländern vergessen. Das beginnt sich jetzt zu rächen.

Denselben Fehler macht gerade jetzt Obamas Amerika. Obamas Strategie der Kompromisse (das ist, was bleibt nach der Lektüre seiner beiden Bücher) ist innenpolitisch sicher notwendig und richtig. Außenpolitisch gibt er damit, wenn er nicht energisch argumentiert, willfährig Amerikas Rolle als geistig-moralische Weltmacht auf – zugunsten windiger Gestalten wie Chavez, Putin und anderen Despoten. Diplomatie ist eine hohe Kunst – wenn es denn etwas zu verhandeln gibt. In den „failed states“ jedoch ist längst nichts mehr zum Verhandeln da! Was mit Moskau noch geht, geht mit Khartum eben nicht mehr.

Der internationale Terrorismus ist auch ein Produkt unseres übersteigerten Egoismus. Zu viele Hoffnungen wurden geweckt und enttäuscht. Zu lange haben wir weggesehen und das Elend der Welt verdrängt. Wir haben uns um ein nicht existierendes Waldsterben gekümmert, dabei hat es ein echtes Menschensterben gegeben. Wir installieren Umwelt-Zonen wo andere verhungern. Zu wenig haben die Reichen abgegeben, zu wenig wurde die Armut bekämpft. Und zu vielen Diktatoren wurde von der CIA unter die Arme gegriffen.

Wahrscheinlich braucht die Welt (leider schon wieder) erst einen richtig großen Krieg, bevor sie sich zurück an den Verhandlungstisch setzt, an dem einst die UNO und deren Grundgedanken entworfen worden sind. Im Augenblick jedenfalls ist nirgends ein Ansatz zu erkennen, der die Staaten dieser Erde dazu bringen könnte, sich dem Problem der „failed states“ ernsthaft(!) anzunehmen. Es lebt die Staatenwelt im Hobb’schen Urzustand, als hätte es Supranationales nie gegeben; es sonnen sich eitle Lichtgestalten im Kameralicht von teuren und sinnlosen Gipfelkonferenzen wie einst die am Hofe zu Versailles. Witzfiguren, Selbstdarsteller und Plaudertaschen bestimmen die „große“ Politik.

Und draußen in der Welt hungert das Volk. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass der (bildliche) Sturm auf die Bastille eines Tages kommen wird. Und, oh welch’ Erkenntnis; auch unsere Menschenrechte wurden erst aus dem Blut der Massen geboren. Der Westen müsste sich ab und zu nur an seine eigene Genese erinnern. Haben wir als Menschheit denn gar nichts gelernt?

1945 wurde in der UNO-Charta die Verwirklichung der Menschenrechte beschlossen – 2010 werden sie in über 100 Staaten missachtet. 1948 wurde zur Erlösung des jüdischen Volkes Israel gegründet – 2010 haben wir es immer noch nicht in seiner Existenz gesichert; die Palästinenserfrage ist immer noch nicht gelöst. 1966 einigte sich die UNO auf die ersten beiden völkerrechtlich verbindlichen Menschenrechtskonventionen und 2010 werden Menschen weiter gefoltert und hingerichtet. 2009 hungerten erstmals mehr als eine Milliarde Menschen, mehr als jemals zuvor. Die meisten davon in Regionen mit „failed states“.

Und die Herrschaften im Berlin schicken 500 Soldaten mehr nach Kabul. Die anderen Herrschaften in London ein paar tausend. Als ob das den Weltenbrand löschen könnte! Das gemeine am Terroristen ist nämlich seine Gemeinheit – Der gemeine Taliban geht halt nach Pakistan wenn’s in Afghanistan zu brenzlig wird. Der gemeine El-Kaida-Terrorist hingegen reist gerne mal nach Somalia, in den Sudan oder, wer weiß, demnächst nach Haiti. Das Böse sucht sich seine Nische, immer da, wo keine staatliche Ordnung mehr existiert. Wo Geld, Korruption und Gewalt herrschen, wird sich die tödliche Brut niederlassen – und weiter morden.

Wenn die Welt sich der fallenden Staaten nicht annimmt und eine große Strategie entwickelt, wie alle Menschen als Menschen ihre Rechte leben können – wenn keine Institutionen zur Staatenbildung geschaffen werden – keine wirklich Handlungsfähigen internationalen Truppen, die auch zum wirklich effektiven Einsatz legitimiert sind, keine echte Weltbank und keine echte, ausreichende, mit politischem Willen begleitete Entwicklungshilfe existiert; solange der Westen sich geniert, seine in blutigen Freiheitskämpfen und in zwei Weltkriegen teuer erworbenen Erkenntnisse und menschlichen Fortschritte aktiv und mit Kraft in internationales Gesetz zu pressen und durchzusetzen, solange es keine tragfähige Strategie zur Rettung von Menschen aus Genoziden und Diktaturen gibt;

solange wird der Reflex des Griffs zum Portemonnaie der einzige sein, der dem schwächer werdenden Westen noch bleibt. Dass dieser Trick jedoch keine Lösung bringt, liegt in der Natur der Sache. Mit Geld kann man eben keine Ehre und keine Überzeugung kaufen, kein Pathos und keine Empathie – auch in Afghanistan nicht. Umso trauriger stimmt mich, dass deutsche Politiker, die sich selbst als personifizierte Vertreter der Freiheit begreifen, in ihrer Verlegenheit eben diesen billigen Reflex ausüben. Anstatt die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um tragbare Strategien zum Wiederaufbau von gefallenen Staaten zu entwickeln, verfallen wir in spätmittelalterliches Söldnertum. Ist das nun die viel gepriesene Fortsetzung der deutschen Außenpolitik? Nichts als Scheckbuchdiplomatie?

Deshalb ist die Londoner Konferenz die Bankrotterklärung des Westens. Er gibt seinen moralischen Anspruch auf global gültiges Menschenrecht auf und verneint seine Bereitschaft, die Menschen außerhalb seines direkten Einflussbereiches vor Despoten und religiösen Fanatikern zu schützen. Er zieht sich auf eine monetäre Position zurück, die er sich aufgrund seiner immensen Verschuldung eigentlich gar nicht mehr leisten könnte. Besonders die Rolle Europas ist traurig – militärisch ein Nobody, finanziell angeschlagen, introvertiert, schlecht geführt, innerlich zerstritten und politisch im Spiel der Großmächte USA und China de facto bedeutungslos, fungiert die Gemeinschaft mal als Anhängsel der Amerikaner, mal als halbherzige Schutzmacht am Horn von Afrika. Dabei wäre es im ureigensten Interesse Europas, ein prosperierendes Afrika zu haben. Stattdessen überlassen wir den skrupellosen chinesischen Kommunisten das Feld.

Noch könnte der Westen – wenn er denn wollte. Noch hätten wir die Kraft, der Welt ein neues, besseres, gerechteres Modell zu geben. Jetzt, gerade jetzt, ist die letzte Generation westlicher Politiker an der Macht, die es alleine schaffen könnten, Frieden, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verbindlich für alle auf diesem Planeten zu machen. Jetzt, heute, gerade in diesem Augenblick, tragen Menschen in unseren westlichen Ländern die Verantwortung für diese eine, ganze Welt.

Diese Menschen sind es auch, die sich werden sagen lassen müssen, eine historische Chance vertan zu haben. Denn die nächste Generation an westlichen Politikern wird die Mittel zur Durchsetzung von globalen Normen aus eigener Kraft nicht mehr besitzen. Das sagt uns alleine schon die Demographie. In dieser Krise lag die Chance, die Welt zum Besseren zu verändern. Der Westen hat sie nicht genutzt.

Auch Athen hatte auf Dauer keinen Bestand. Rom nicht. Und auch der Westen wird keinen haben. Wenn von der Blüte dieser unseren Kultur etwas bleibt, sollte es das universelle Menschenrecht sein. Das Recht eines JEDEN auf dieser Erde in Freiheit, Sicherheit und in Bildung, Aufklärung und Liebe zu leben. Und nicht der profane Griff zum Geldbeutel.

Obama, der Kämpfer ist zurück?

Islamkritik: Spiegel gegen Süddeutsche

UPDATE 23.1.: Der Streit weitet sich aus. In der FAZ kontert hervorragend eine direkt Betroffene, Türkin und selbst Muslima, Necla Kelek: Ihr habt mit Hass gekocht, die Süddeutsche hingegen scheint immer mehr dem Appeasement anheimzufallen: Die radikale Religionskritik des Islam. Und Islamkritiker Henryk M. Broder bekommt eine eigene Fernsehsendung in der ARD, während in den Niederlanden der ex-liberale Abgeordnete Geert Wilders vor Gericht steht.

Immerhin: Die Debatte ist angekommen und spaltet die deutsche “Qualitäts”-Presse. Gleichzeitig hat Großbritannien die Terror-Warnstufe auf die zweithöchste erhöht.

Es tobt (mal wieder) eine Feuilleton-Schlacht im deutschen Blätterwald. Verwundert las auch ich den Artikel “Unsere Hassprediger” von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen und dachte, mein Weltbild wäre nun endgültig verschoben. Da werden die wenigen Tapferen, die in Deutschland in Sachen Islamismus der allgemeinen Political Correctness widerstehen als “Hassprediger” bezeichnet – Menschen, die ihren Ruf, ihre Karriere und ihr Leben aufs Spiel setzen, um für unsere freie, säkulare und demokratische  Gesellschaft zu kämpfen. Verkehrte Welt! Schließlich werden ja WIR bedroht. Und nicht umgekehrt.

Doch heute schlägt der Spiegel zurück: Reinhard Mohr rückt in “Peinlicher Aufklärungsunterricht” die Welt wieder gerade:

… die Opfer des westlich-abendländischen Kulturkampfs kommen in dieser Feuilleton-Debatte nur als Schimäre vor, als westlich-negative (Angst-)Projektion, Gestalten ferner Ereignisse dort drunten, wo die Völker scheinbar grundlos aufeinanderschlagen. Islam, Islamismus und Terror sind da nicht mehr als eine feuilletonistische Duftmarke. [...]

In dieser geradezu phantastischen Verharmlosung stehen die Dinge endgültig auf dem Kopf, und die Wirklichkeit kommt gar nicht mehr vor. Es scheint, als solle die globale, asymmetrische Bedrohung durch den islamistischen Terror mit einer scheinbaren Symmetrie weggezaubert werden. Motto: Die einen sind so schlimm wie die anderen.

Andersherum gilt die gleiche Äquilibristik: Die historischen Errungenschaften von Humanismus, Aufklärung und Säkularisierung werden ebenso grotesk kleingeredet wie die weltweiten Freiheitsbedrohungen, die von den vielfältigen Strömungen eines radikalisierten Islam ausgehen.

Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, warum man die Werte unseres Grundgesetzes nicht aktiv bewerben darf. Schließlich haben alle UNO-Staaten deren Charta und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben. Und darin stehen im Wesentlichen genau die Menschenrechtsgrundsätze, wie sie auch unserem Staatsverständnis zugrunde liegen. Es gibt keine Wertneutralität bei den Menschenrechten! Man kann sie nicht wegdrücken, abmildern, abschaffen, verstümmeln oder verbiegen. Nicht aus religiösen Gründen (was ja an sich schon ein Widerspruch sein muss – was für eine Religion lässt schon Menschenrechtsverletzungen zu?), nicht aus politischen Gründen und auch nicht, liebe Genossen, aus sozialen Gründen.

Wenn die Welt irgendwann einmal eine gemeinsame Welt für alle Menschen werden soll, dann kann das nur aufgrund der uneingeschränkten Einhaltung aller Menschenrechte funktionieren. Wenn es überhaupt eine Geschäftsgrundlage zwischen den Religionen dieser Erde geben kann, ist das die Anerkennung der Rechte des Anderen – und des Eingeständnisses der Religiösen, das der Staat nicht gleich Kirche sein kann.

Wer die (gewollte) Verbindung von Religion und Staat im Islam leugnet, verkennt auch die Tatsache, dass auch wir erst vor nicht allzulanger Zeit unsere Klöster säkularisiert haben (1803), um der Kirche die politische Macht zu nehmen. Doch auch wir bedurften erst eines Luther und dann eines Napoleon um das Diktat der Bischöfe und Kardinäle endlich los zu werden.

Die Ruinen der Kirchenherrschaft lassen sich auch heute noch besichtigen: Die Klöster Maulbronn, Hirsau, Bebenhausen und andere im Ländle zeugen von der einstigen kirchlichen Großmacht. Übrigens: Württemberg wäre ohne die Säkularisierung um die Hälfte kleiner geblieben. Und Baden-Württemberg gäbe es als Bundesland heute so sicher nicht. (Wer die große Landesaustellung 2003 in Schussenried zur Säkularisierung besucht hat, wird sich erinnern.) Freiwillig war die Kirchenentmachtung auch bei uns beileibe nicht. Dafür brachte sie eine der ersten Menschenrechtsurkunden überhaupt zustande; die “Zwölf Artikel” von Memmingen, 1525

Es steckt also mehr dahinter, hinter dem Feuilletonkampf, als nur der Kampf um das vermeintlich “Gute”. Der Säkularisierungsprozess der Macht ist der entscheidende Faktor bei der Beurteilung der politischen Bedeutung von Religionen – und um nichts anderes geht es bei der Ausweitung des Islam nach Europa. Wir diskutieren im Grunde gar nicht mehr über Glaubensfragen, wir diskutieren über politische Macht. Der radikale Islam mißbraucht die individuelle Religionsfreiheit zur kollektiven politischen Machtgewinnung, genau so wie die katholische Kirche einst bei uns die Menschen ohne Rechtsfreiheiten unter ihr Joch drückte. Das ist die zentrale These von Broder und Co., die verstanden werden muss.

Terrorismus ist nie religiös. Er ist immer und zutiefst politisch.

Wie schwer auch wir uns immer noch mit der Trennung von Staat und Religion tun, zeigen auch die Flügelkämpfe der C-Parteien. Zum Glück scheint der Protestantismus in der Union gerade Oberwasser zu haben, was eine pragmatische Politik ermöglichen sollte. Doch auch ein Rückfall in christliche Fundamentalpositionen scheint mir nicht ganz ausgeschlossen zu sein – zumal bei der CSU nicht.

Meine Meinung: Religion gehört ins Gotteshaus (egal welcher Art) und Politik gehört ins Parlament. Wir sollten das nicht unnötig mischen. Soll jeder glauben, was er will. Doch wenn Handeln für alle angesagt ist (und nichts anderes ist Politik), darf der Glaube (und somit die Religion) des Einzelnen keine Rolle mehr spielen.

Den Islam, den wir gegenwärtig in manchen Regionen dieser Welt erleben, will genau das Gegenteil. Und dagegen müssen wir uns wehren dürfen.

Lesen Sie selbst die beiden Artikel:

Thomas Steinfeld: Unsere Hassprediger
http://www.sueddeutsche.de/politik/846/500117/text/

Reinhard Mohr: Peinlicher Aufklärungsunterricht
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,672117,00.html

Stuttgart: Eltern zahlen Zeche für Porsche-Spekulationen

Der Stadt Stuttgart steht das Wasser bis zum Hals. Sie muss in den kommenden Jahren mehr Schulden aufnehmen als jemals zuvor. Ein Grund hierfür ist der Gewerbesteuerausfall der Firma Porsche, der im vergangenen Jahr sogar zur Rückzahlung in Millionenhöhe führte.

Gleichzeitig leidet die Stadt unter Strukturproblemen, die sich durch jahrzehntelanges Nichtstun noch verstärkt haben – so setzt man in der Landeshauptstadt weiterhin auf industrielle Fertigung, die rasant abnimmt, anstatt konsequent neue Wertschöpfungen zu ermöglichen. So ist das Thema Medienstandort Stuttgart nichts weiter als ein teuer subventioniertes Trauerspiel. Auch wir haben das Quelle-Syndrom.

In ihrem Sparzwang greift nun die Stadt Stuttgart (wie früher schon) da zu, wo sich keiner wehren kann: Bei den Kindergartenkindern werden die Gebühren erhöht, der für arme Familien gedachte Familienpass wird zusammengekürzt, Bäder und Schul-Essen werden teurer.

Nirgends lese ich, dass städtische Angestellte entlassen würden, Pensionen, Renten oder Subventionen an die Industrie gestrichen würden. Kein einziger Städtischer Gutverdiener muss bluten. Keine Limousine wird gestrichen, kein Festmahl storniert. So sichert sich die festgewachsene CDU-Elite die eigenen Pfründe.

Gleichzeitig gibt man Millionen für einen sinnlosen Stadionumbau oder überflüssige Feuerwehrgebäude aus.

Doch halt! Haben wir nicht seit kurzem einen Grün-Rot-Freie Wähler-dominierten Gemeinderat? In der Tat. Und was macht der? Kürzt bei den Familien!!! Versprochen, gebrochen, würde ich da sagen.

Doch zurück zum Kindergartenbeitrag: An kaum einem anderen Beispiel kann man deutlicher machen, wie der Artikel 14 des Grundgesetzes wirken müsste, es aber nicht tut.

Art 14 (2) GG: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Im Gegenteil. Wegen der Milliarden-Spekulationen eines Herrn Wiedekind fallen der Stadt die Steuereinnahmen weg – und die Zeche dafür zahlen die Eltern der minderjährigen Kinder. Das ist falsch, ungerecht und gehört geahndet.

Der Stadt Stuttgart kann ich nur eines raten: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Und wenn oben nicht gespart wird, und zwar mit radikaler Hand, werden die Bürger dieser Stadt es der Stadtverwaltung auch zeigen. Eigentlich sollte die Stuttgarter Schickeria durch etliche Bürgerbegehren und zum Teil gewalttätige Demonstrationen vorgewarnt sein. Durch die dicken Scheiben der S-Klasse hört man die Schreie des Pöbels halt nicht.

Doch: Mittlerweile aber trifft es auch uns, die Menschen in der Mitte der Gesellschaft. Wir, die arbeiten, Steuern zahlen und unsere Kinder groß ziehen. Und mit anschauen müssen, wie ein kommunaler Wasserkopf unser Geld verprasst.

So zu tun, als könne man weitermachen wie bisher, geht einfach nicht. Vor allem die CDU muss sich warm anziehen. Schließlich hat sie die verfehlte Politik und den Filz weitestgehend zu verantworten.

Es ist ein Armutszeugnis der Stadtverwaltung, dass sie bei den ärmsten zuerst zulangt, anstatt endlich sich selbst neu und effizienter aufzustellen. Mein Vorschlag: Als Sofortmaßnahme streichen wir 30% der Gehälter der fünf obersten Gehaltsstufen der Stadt  und alle Sitzungsgelder. Wir sagen alle Feste der Stadtverwaltung ab. Bei Empfängen werden nur noch Brezeln gereicht.

Danach kürzen wir das Personal um 20% und privatisieren endlich die viel zu teure Müllabfuhr. Danach verkaufen wir das Stadion an den VfB und verlangen marktgerechte Preise für die Polizei-Einsätze. Wir erheben eine Eintrittsgebühr auf dem Wasen und streichen das Stadtmarketing. Wir schaffen nicht rentable Buslinien ab und ersetzen sie durch Taxis. Wir legen Schulen und Kindergärten zusammen und verkaufen nicht mehr benötigte Immobilien.

Wir erhöhen die Preise für Oper und Theater auf marktwirtschaftliches Niveau. Wir ersetzen Bürokratie duch Web-Portale, streichen 30% aller Vewaltungsvorschriften. Wir erneuern den Vollzugsdienst und geben ihm wirtschaftlich sinnvolle Aufgaben. Wir streichen die Subventionen für die City-Bauern. Wir verkaufen das städtische Weingut. Wir erhöhen die Vergnügungssteuer um 100%. Wir führen eine Steuer auf Prostitution ein. Wir erhöhen die Zahl an Steuerfahndern und Kontrolleuren der Schwarzarbeit und blitzen auch mal nachts in Tempo 30-Zonen.

Und da sag einer, es ginge nichts…

Same procedure as every year

Allen ein guter Rutsch!

Kundus-Gate – Der nächste bitte

Was nun folgt, gleicht fast schon einem Ritual. Da tauchen plötzlich neue Berichte auf, es wird darüber geschrieben. Da werden Gerüchte zu News und Vermutungen zu Fakten. Am Ende muss jemand dann die “politische Verantwortung” für etwas übernehmen, was jede/r eh längst wusste. Auch jetzt riecht es wieder stark nach Rücktritt.

Die WELT schreibt:

Kundus-Affäre – Wusste die Regierungszentrale früher von Opfern?

Die Kritik an der Informationspolitik der Bundesregierung zu dem Luftangriff bei Kundus Anfang September weitet sich auf die Bundeskanzlerin aus. Dreh- und Angelpunkt der Diskussion ist, ob Angela Merkel schon vor ihrer Regierungserklärung vom 8. September über zivile Opfer unterrichtet war oder nicht.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article5655949/Wusste-die-Regierungszentrale-frueher-von-Opfern.html

Es sieht nicht gut aus für Angela Merkel. Denn: War sie informiert, hat sie gelogen. Oder zumindest Tatsachen beschönigt. War sie nicht informiert, ist auch das ein Skandal und die Schuld daran trägt dann der jetzige Bundesinnenminister und damalige Kanzleramtschef  Thomas de Maizière, dessen Behörde geschlampt und das de facto-Staatsoberhaupt in Unwissenheit belassen hat.

Ich tippe auf ein Bauernopfer, um die Sache ruhig zu bekommen. Auch das gehört zum Ritual.

Übrigens: In Finnland tritt gerade ein Premierminister sowohl vom Parteivorsitz als auch vom Amt zurück. Weil ein Bauunternehmer ihm angeblich ein paar gehobelte Bretter für sein Haus geschenkt hat. Die wurden zwar auch bei einer medial per öffentlich-rechtlichem Fernsehen begleiteten Untersuchung des Anwesens nirgends entdeckt. Aber dafür taten sich plötzlich andere Abgründe wie zum Beispiel unerklärliche Wahlkampfspenden auf. Und nun ist der Minister überraschend amtsmüde.

Wie gesagt – es ist ein Ritual. Mal sehen, wie lange der Tanz bei uns diesmal geht.

Aber: Was wusste eigentlich der damalige Außenminister Steinmeier? Und alle anderen in der SPD? Wir warten gespannt (und wahrscheinlich bis zum Sanktnimmerleinstag) auf “lückenlose Aufklärung”.

Mich macht traurig, wie die ganze Berliner Polit-Kaste das Volk zum Narren hält. Irgendwie erinnert mich die ganze Sache an Watergate und Nixon. Was damals das Vertrauen der Amerikaner in ihr politisches System nachhaltig erschütterte, spielt sich jetzt vor unser aller Augen ab.

Liebe Politiker der so genannten Volks-Parteien: Warum nicht einfach gleich die Wahrheit sagen, anstatt immer wieder rumzudrucksen? Am Ende schadet ihr mit eurem Verhalten doch uns allen.

Esslingen a.N.? Nein, danke.

Der tiefe Fall der einstmals so stolzen Freien Reichstadt Esslingen am Neckar vor den Toren Stuttgarts wird so langsam zum bundesweiten Politikum. Doch nach dem Motto „immer auf die anderen“ wird seitens der Verantwortlichen mit dem Finger mal dahin mal dorthin gezeigt, um das eigene Versagen zu kaschieren. Der Fall Esslingen a.N. ist jedoch mehr als nur ein Einzelfall – er steht  symptomatisch für die Städte einer ganzen Region. Anbei ein persönlicher und rein subjektiver Bericht eines Insiders. Doch vorab eine kleine aktuelle Einleitung:

Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) am 25.12.2009 im Interview mit der Stuttgarter Zeitung:

…Wir werden Leistungen verteuern müssen und uns mittelfristig verschulden müssen. Die letzte Antwort darauf, wie das System Stadt aussieht, werden wir erst noch erarbeiten müssen – politisch im Gemeinderat, aber auch im Dialog mit der Bürgerschaft.

StZ: Es gibt momentan auch wirtschaftsstrukturelle Probleme in der Region – denken Sie nur an Daimler und Sindelfingen. Welche Auswirkungen wird die Daimler-Entscheidung auf Esslingen haben?

Wir erleben gerade wieder ein deutliches Beispiel von Deindustrialisierung in unserer Region. In Esslingen kennen wir das durch die Entwicklungen bei Müller Weingarten, auch bei anderen Unternehmen, die hier ihren Standort haben, aber ihre Produktion verlagert haben. Wir stehen dabei nicht am Ende dieser Entwicklung, sondern leider erst am Anfang. Ein bisschen werden wir Opfer einer Wirtschaftspolitik im Land und in der Region, die zu sehr auf alte, traditionelle Unternehmen setzt und die Frage neuer Wertschöpfungsketten nicht genügend fördert. Wir sind leider nur Patentweltmeister. Aber es wird viel zu wenig versucht, diese Patente in die Produktion zu überführen. Wir brauchen so etwas wie Risikokapital. Das ist in anderen Bundesländern üblich. In Bayern wird uns das gerade wieder vorbildlich vorgemacht. Ich mahne dringend: Das Land Baden-Württemberg und die Region müssen sich dem Thema offen stellen, um der Erosion von Arbeitsplätzen etwas entgegenzusetzen.

http://stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2329415_0_7008_-esslinger-ob-im-interview-wir-sind-leider-nur-patentweltmeister-.html

Blogeintrag vom 20.8.2009

Als ich acht Jahre alt war, war es schick, in Esslingen am Neckar einzukaufen. Pünktlich zur 1200-Jahr-Feier 1977 hatte sich die ehemalige Freie Reichstadt herausgeputzt: Die schöne aber bis dahin ziemlich marode Altstadt wurde saniert und die größten Schandflecken (bis auf den bis heute  erbärmlichen Bahnhof) beseitigt. Ich habe die Stadt als schmuckes, schickes Kleinstädtchen in guter Erinnerung. Schließlich haben meine Eltern dort investiert, sich eine Wohnung gekauft, und auch ich habe ich dort zwei Jahre (1977-79) lang im Stadtteil Sulzgries gewohnt.

Der Esslinger an sich war immer etwas Besonderes. Er schwäbelt etwas breiter als der Stuttgarter, isst mehr Delikatessen, trinkt den besseren Wein, kleidet sich nobler und ist besonders Stolz auf seine Stadt. Das ist der Stuttgarter prinzipiell nicht. Der ist stolz auf den ganzen Südweststaat und nimmt seine Vorreiterstellung als Landeshauptstädter mit erhobener Nase gewissermaßen als naturgegeben hin.

Esslingen a.N. hatte über Jahrzehnte auch großes Glück: Daimler in Hedelfingen, Festo, Nokia, Hirschmann, Hengstenberg und andere investierten kräftig am und um den Neckar und auf den Fildern.

Dreißig Jahre später ist vom einstigen Glanz nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Einkaufen geht man von Uhlbach* aus in das viel weiter entfernte Stuttgart. Niemand geht mehr nach Esslingen a.N.. Nokia ist genauso weg wie Samsung oder Hirschmann.  Auch die einstigen Höhepunkte, die Feste in Esslingen a.N., werden zugunsten Stuttgarts geopfert. Ich war seit Jahren auf keinem Fest in Esslingen a.N. mehr. Früher war unsere ganze Familie dort quasi Stammgast.

Warum ist das so? Wenn Sie heute durch Esslingen a.N. gehen, treffen Sie auf eine besondere Mischung aus überalternden megafitten Rentner-Deutschen, die gerne ohne Rücksicht mit ihrem 2000-Euro Rennrad durch die Fußgängerzone brettern oder sie gleich ganz mit ihrer neuen E-Klasse umfahren, und aus Ausländern aus krasser Unterschicht, die ihre „Geschäfte“ lauthals in aller Öffentlichkeit tätigen. Es gibt (bezeichnenderweise) haufenweise Handyläden, ein-Euro-Shops und alle möglichen „Import-Exports“. Der früher in Esslingen a.N. angesiedelte gehobene, deutsche Fachhandel ist größtenteils verschwunden – auch weil für so manches Eigentümer-Geschäft schlicht der Nachfolger fehlte. Oder, noch schlimmer: die Stadtverwaltung sich hartnäckig geweigert hat, zum Beispiel Elektronikmärkte in die Innenstadt zu lassen. Zwar wurde nach jahrzehntelangem Streit endlich ein neues Einkaufszentrum gebaut – aber viel zu spät.

Esslingen a.N. ist aufgrund fehlerhafter Stadtplanung seit den 80er Jahren zum Vorstadtghetto Stuttgarts verkommen. Ein Grund ist die falsche Ausdehnung und Gemeindepolitik auf den Fildern, wo man traditionelle Esslinger Dörfer zu künstlichen Gemeindekonstrukten zusammengepfercht hat – mit der Folge, dass der Stadtkern ausblutete, weil auf dem Acker das Bauland noch bezahlbar war und der Bezug zum Stadtzentrum wegfiel.

Zweitens fehlte für die Innenstadt ein schlüssiges Konzept im Umgang mit der historischen Bausubstanz – die Idee, durch Ateliers und Künstlershops die Altstadt am Leben zu erhalten war nicht tragfähig. Die Stadtmitte hat auch die einstigen Magnete – die früher oftmals besser als in Stuttgart geführten und sortierten Warenhäuser, eins nach dem anderen verloren. So haben wir jetzt eine Art teuer saniertes Freilichtmuseum für Sozialhilfeempfänger. Dabei ist die Esslinger Altstadt eine der schönsten der Welt.

Die Wohnbevölkerung in der Innenstadt sinkt im Niveau immer weiter ab, ähnlich den Neckarvororten in Stuttgart auch. Beispiel Gastronomie: Erst war die traditionelle schwäbische Imbissbude da, dann der Jugoslawe, Italiener, Grieche, McDonalds und jetzt gibt es eine Döner-Bude neben der anderen. (bezeichnend: das nicht gerade als Nobelmarke bekannte McDonalds hat seine Filiale in Esslingen a.N. schon vor Jahren geschlossen und eine Besitzerin dieser besagten Dönerläden wurde erst kürzlich wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verurteilt.) An und in diesen Dönerbuden lungern auch tagsüber Gestalten herum, denen man bei seinem Einkauf lieber nicht begegnete.

Das sind die Kollalateralschäden des Industriesterbens – vornehmlich arbeitslose Migranten der dritten Generation, die sich erst gar nicht um eine Ausbildung oder Arbeitsstelle bemühen, dafür aber umso eifriger Passanten belästigen. In Baden Württemberg haben 43% der 30-35jährigen Ausländer keine Berufsausbildung. Dabei ist Arbeitslosigkeit ein Schichten- und kein Nationalitätenproblem. In Esslingen trifft dann beides zusammen.

Neben der menschlichen Tragödie gibt es in Esslingen a.N. aber auch Hausgemachtes. Es macht keine Freude, wenn man bei jeder Besorgung einen Strafzettel kassiert – egal, ob aufgrund Parkplatzmangels oder einer sinnlosen Radarfalle. So ist Esslingen a.N. die einzige Stadt, die ich kenne, in der Rotlichtblitzer auch bei überhöhter Geschwindigkeit blitzen – so dass gerade dann, wenn man über die gelbe Ampel beschleunigt, der Starenkasten zuschlägt. Ich habe drei solcher Strafzettel bekommen, insgesamt flossen ungefähr 100 Euro in die Stadtkasse. Seither gehe ich in Esslingen a.N. nicht mehr einkaufen. Bei vorsichtiger Schätzung hat die Stadt in den Jahren also 30.000 Euro Umsatz nur an mir wegen dieser modernen Wegelagerei verloren. Und ich bin nicht der einzige – auch der Rest der Familie meidet mittlerweile die Stadt. Frage an die Esslinger Bürokraten: Hat sich das für Sie gelohnt?

Nicht gerade ermutigend sind auch Berichte anderer: So wird über unsinnige Bürokratie und lächerliche Sturheit der Stadtverwaltung gegenüber Unternehmern geklagt – mit der Folge, dass vor ein paar Monaten ein weiterer Gutverdiener und Arbeitgeber die Innenstadt zugunsten einer ländlichen Region verlassen hat.

So, liebe Kommunalpolitiker in Esslingen a.N., macht man vorsätzlich seine Stadt kaputt.

Mit dem schleichenden Tod der Stadt Esslingen a.N. geht mir persönlich ein ganzes Stück Kindheit verloren. Doch die Lage der einstigen Freien Reichstadt, die schon lange vor Stuttgart existierte, scheint hoffnungslos. Weder politisch, noch wirtschaftlich gibt es Hoffnung für das historische Kleinod. Die Vertreter auf kommunaler Ebene sind reihum in allen Parteien nur Sekunda, zerstritten und kleinstbürgerlich sind sie noch dazu. Es fehlt ein Konzept für den Strukturwandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und keine Partei kann eines vorweisen.

Die Schlagzeilen aus Esslingen a.N. werden durch marode Infrastruktur (man erinnere sich an die zwei Toten beim aus dem Parkhaus fallenden Auto…), Firmenschließungen und migrantische Schlägerbanden bestimmt (so hat eine kriminelle Vereinigung aus jungen Türken vor ein paar Wochen einen Unschuldigen krankenhausreif geprügelt )

Die Probleme der Stadt Esslingen sind jetzt so groß, dass man sie auch aus Politischer Korrektheit nicht mehr wegdiskutieren kann. Und ich denke, Esslingen a.N. steht Pate für viele Klein- und Satellitenstädte in Deutschland. Vielleicht ist sie aber auch nur ein Vorbote für das kommende „Detroit Deutschlands“. Hoffentlich nicht.

Denn: Die Stadt Stuttgart hat, und das bei all ihren Strukturproblemen, in den letzen Jahren deutlich an Lebensqualität hinzugewonnen. Stuttgart hat kräftig in sein Image investiert und mit einer sinnvollen Innenstadtpolitik auch neue Freunde in der Region gewonnen. Viele attraktive Veranstaltungen und eine rigide Sicherheitspolitik stärken die Stadt. Wenn nur der Verkehr nicht wäre…

Mein Fazit, gerade auch nach der letzten Kommunalwahl, bleibt bis auf weiteres: Esslingen a.N.? Nein, danke.

*Uhlbach, seit 1931 ein Stadtteil Stuttgarts, liegt im südöstlichen Zipfel der Stadt und ist geographisch wie historisch näher an Esslingen als an der Innenstadt der Landeshauptstadt.




Was ist das hier?

Hier schreibt Markus Lochmann, Webmaster der FDP-BW über Politik, Privates und allerlei aus der IT-Welt. Die hier veröffentlichten Beiträge sind meine alleinige Meinung und müssen nicht zwangsläufig mit den Positionen der FDP übereinstimmen.

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