Trololo

Beim folgenden Lied hatten die Zensoren der Sowjetunion 1976 den Text für “zu westlich” befunden. Statt dessen singt der gute Mann “lalala” und “trololo”.  Eduard Chil plant nun nach einem Millionenpublikums-Erfolg bei Youtube eine Welt-Tournee.

Ähnlichkeiten mit Äußerungen auf FDP-Parteitagen sind rein zufällig ;-)

gefunden via http://www.n24.de/news/newsitem_6017949.html

Elektromobilität: Keine Vision, nirgends

Die gute Nachricht vorweg: Der Hörsaal war voll. Über 300 Studierende, Professoren und Honoratioren der Friedrich Naumann Stiftung fanden am Mittwoch, den 21.4.10 den Weg auf den Campus der Uni Stuttgart in Vaihingen. Die Liberalen Hochschulgruppen Baden-Württemberg setzten  ihre Veranstaltungsreihe mit Spitzenreferenten* fort. Mit hohen Erwartungen besuchte ich die Veranstaltung “Elektromobilität: Revolution oder Evolution?” – mit keinem geringeren als Prof. Dr.-Ing. Hermann Scholl – Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH als Vortragenden.

Enttäuschte Erwartungen – ein Loblied auf den Verbrennungsmotor

Ich hatte eigentlich einen Impulsvortrag zum Aufbruch Deutschlands in die elektromobile Zukunft erwartet. Zum Einen, weil es dem Zeitgeist entspricht und zum anderen, weil Bosch ja bekanntermaßen auch Elektromotoren und elektronische Bauteile herstellt. Dabei ist das Unternehmen ein echter Global Player mit 45,1 Milliarden Euro Umsatz in 2008.

Zu hören bekam ich leider nichts Derartiges. Einer der großen deutschen Industriemagnate hielt einen Dreiviertelstundenvortrag über die Erfolge und Potenziale des Verbrennungsmotors. Erst gab Herr Scholl einen kompetenten und sachlich fundierten geschichtlichen Abriß über die vielzähligen Versuche, Automobile mit Blei-Akkus zu bewegen. Dann wurden die verschiedenen Antriebsmodelle der heutigen Automobil-Industrie vorgestellt – von Benzin- über den Diesel-, Erdgas-, Hybrid- und Plugin-Hybrid-Antriebe.

Sehr anschaulich wurde dem Publikum erläutert, warum und wie man die Emissionen der Verbrennungsmotoren in den letzten Jahrzehnten verringert habe und wie ineffizient und umweltbelastend Elektro-PKW mit dem gegenwärtigen deutschen Energiemix sind. Aber halt: das war  alles weitgehend bekannt. Wo war das Neue?

Es ging weiter – selbst die unsinnigsten technischen Verrenkungen der Automobil-Industrie, nämlich z.B. die, den sterbenden Diesel z.B. mit Harnstoffeinspritzung zur Sauberkeit zu zwingen, wurden vehement verteidigt. „Das ist gut für Bosch, da gibt es eine zweite Einspritzung“, meinte Scholl. Aha. Langsam begann ich mich zu fragen, ob ich in der richtigen Veranstaltung saß.

Der heilige Gral des 21. Jahrhunderts – Die Batterie

Wer die neue Standardbatterie für Elektrofahrzeuge erfindet – der hat den heiligen Gral des 21. Jahrhunderts in seinen Händen. Riesige Umsätze winken, wenn die westlichen Staaten ihre Flotten auf Strom umrüsten – in manchen Schwellenländern kann der moderne Verbrennungsmotor gänzlich übersprungen werden.

Was sind die Vorteile des E-Motors, fragen Sie? Er ist einfach, praktisch verschleißfrei, hat wenig bewegliche Teile und einen höheren Wirkungsgrad. Er ist reif, wartungsarm, langlebig. Keine Ölwechsel mehr, keine Reibungsverluste, keine aufwendige Kühlung. Er reduziert die beweglichen (und damit potenziell kaputt gehenden) Teile in einem KFZ um die Hälfte. Damit wird, in Massen produziert, das Auto billiger.

Bezugspunkt bei der Analyse Prof. Scholls, insbesondere beim Vergleich der Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Antriebsformen war immer der gegenwärtige Stand der Lithium-Ionen-Batterietechnik. So würden die Batterien für einen 1400kg PKW mit einem Energiegehalt ekvivalent eines 50 Liter Benzintanks gegenwärtig 9000 Euro kosten. Dabei betrage der OEM-Preis der Akku-Einheit geschätzte 4500 Euro.

Diese Kosten machen den Elektroantrieb auf 20 Jahre angeblich unrentabel.

Diese Aussage ist gleich aus zwei Gründen falsch: Zum einen werden eine reife Technologie mit einem Output von 68 Millionen Verbrennungs-Aggregaten (2008) mit einer neuen Technologie verglichen, die kaum in Stückzahlen produziert wird – zum anderen bezog sich Herr Scholl immer nur auf die gegenwärtige Leistungsdichte der Li-Ionen Akkus.

Ich begann, nachzudenken. Ich dachte an die neue chinesische Akkutechnik, von der ich erst gelesen hatte (http://www.kleinezeitung.at/allgemein/automotor/2325395/angriff-des-drachen.story). Die im Publikum zahlreich anwesenden Studierenden aus China und Indien rutschten unruhig auf ihren Stühlen herum. Wir befanden uns immerhin am elektrotechnischen Institut einer großen europäischen Universität – an der Spitzenforscher Materialien und Technologien u.a. für die baden-württembergische Automobil-Industrie entwickeln. Die anwesenden Forscher müssen sich ziemlich verar***t vorgekommen sein. So allgemeingültig waren manche Informationen im Vortrag.

Keine Alternativen?

Auch die Brennstoffzelle ist aus Sicht von Bosch keine marktreife Alternative für die Mobilität – wegen der zu geringen Wirkungsgrade bei der Spaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff und dem fehlenden Versorgungsnetz. Selbstredend wurde auch hier der gegenwärtige Energiemix Deutschlands zugrundegelegt – als ob dieser für immer und ewig unveränderlich sei. „In Frankreich mit seinem Atomstrom ist das natürlich anders“, so Scholl.

Ich hatte die Botschaft verstanden. Bosch gibt im nächsten Jahr eine Milliarde Euro für Forschung und Entwicklung in Antriebstechnik aus – davon 200 Millionen Euro für Hybrid- und Elektroantriebe. 80% der geplanten F&E-Mittel gehen also in die Weiterbastelei am Diesel und am Benziner. Dabei können wir doch den französischen Strom kaufen, oder? Und Wasserstofftankstellen bauen?

Marktchancen für neue Anbieter

Ich war sprachlos. Ist das die Innovationsfähigkeit der deutschen Großindustrie? Weiter machen, wie gehabt? Emissionen nur dann senken, wenn es der Gesetzgeber fordert? An einem Chart bekamen wir zu sehen, wie die Auto-Industrie die sich selbst gesetzten Emissionsreduktionsziele verfehlt hat und immer nur auf das Drängen der Politik zu Innovationsschüben fähig war.

Ich dachte, man müsse das ganze Konzept des Autos überdenken. Es war keine Rede von neuen, leichteren Werkstoffen für die Karosserie. Keine Rede von neuen Konzepten bei der Leichtbauweise. Keine Rede von Solarzellen in Folienform auf den Autodächern.

Nicht alles Neue macht Sinn: Ich mache hier mal eine kleine Beispielrechnung. Ein Auto hat eine Dachfläche von 4 m². Wenn in Deutschland 20 Millionen PKW mir Solardächern herumstehen würden, wäre das eine Fläche von 80 Millionen Quadratmetern. Die Sonne scheint in Deutschland mit 1000kWh/Jahr/m². Der Wirkungsgrad einer Dünnschichtzelle liegt momentan bei ca. 15%. Somit produziert das Autodach im Jahr 1000×0,15×4=600kWh. Das Mal 20 Millionen ergibt 12.000.000.000 kWh, also 12.000.000 MWh oder 12.000 GWh oder 12 TWh. Zum Vergleich: Das Kernkraftwerk Krümmel leistet im Jahr 10.848 GWh. Wenn wir also die Hälfte aller Autodächer im Deutschland mit Solarzellen voll kleben, sparen wir gerade ein Kernkraftwerk. Das macht derzeit also keinen Sinn.

Aber man hätte es wenigstens diskutieren können! Und damit ganz nebenbei einigen grünen Träumern ein paar Illusionen nehmen.

Professor Scholl hat in einem Punkt völlig recht: Die vergleichsweise hohe Energiedichte von Benzin und Diesel, deren billige Herstellung und Überall-Verfügbarkeit machen sie für lange Zeit konkurrenzlos für lange Strecken. Nun fährt aber der Durchschnittsmensch „nur“ 50km am Tag. Und dafür können sich Elektroantriebe auch heute schon eignen.

Neue Konzepte sind gefragt

Wir sollten das komplette Konzept Auto umdenken – ein Wagen für die City muss nicht schneller als 100km/h fahren. Er muss meistens auch nur einen Passagier tragen. Er muss für den Einkauf variabel sein und überall aufladbar. Er darf nicht viel wiegen und muss aus Materialien bestehen, die nicht verbeulen und zerkratzen. Es ist kein Statussymbol mehr und muss daher preiswert sein. Das heißt: Kunststoff statt Stahl, Strom statt Benzin und leicht statt schwer, einfach statt kompliziert. Bosch will ein solches Konzept offensichtlich nicht entwickeln – genauso wenig wie die deutschen KFZ-Hersteller. Das eröffnet grandiose Marktchancen für neue, smarte Unternehmen.

Es wird kommen, wie es wohl kommen muss – eines Tages werden wir alle im Google-Mobil (manche auch im Apple-Mobil) umherfahren. Weil die deutsche Industrie im Jahre 2010 nicht bereit ist, Kapital in neue Technologien zu investieren, werden es andere mit dem hierzulande nicht vorhandenen Risikokapital tun. Genau so, wie wir die Internet-Industrie an die Kalifornier abgeben haben (Google oder Apple machen im Quartal so viel Gewinn wie Daimler im ganzen Jahr) werden wir auch die Elektro-Mobilitätsrevolution verschlafen.

Die deutsche Großindustrie macht den Eindruck: Sie könnte, aber sie will nicht.

Es ist wie bei jedem Technologiezyklus: Am Ende bäumt sich die alte Technik ein letztes Mal auf (was Prof. Scholl selbst ja auch anmerkte und damit die Spätphase des Verbrennungsmotors selbst sogar bestätigte), sie wird immer komplexer (und damit teurer), bevor die neue Technologie sie verdrängt. Zum Vergleich: Dampfmaschinen vs. Verbrennungsmotoren im 19. Jahrhundert, Segelschiffe vs. Dampfschiffe, Pferdekutschen vs. Automobile.

Und zu deutschen Krankheit gehört, dass wir die Technik erfinden (z.B. mp3) und andere (z.B. Apple mit dem i-Pod) machen die fetten Gewinne. Apple z.Zt. 3 Mrd. $ im Quartal!

Eines kam im Vortag von Prof. Scholl gar nicht vor: Wir Kunden. Wir, die anfangs jede Stunde unsere Laptops aufluden, unsere Handys jeden Tag – wir, die mit vielen unreifen, aber coolen Technologien SPIELEN wollen. Auch hier brauchen wir dringend mehr „Jobs“ im Land. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, sich auf das Abenteuer Elektro-Mobilität einzulassen – auch wenn es anfangs einige Einbußen mit sich bringt.

Keine Vision, nirgends

In ein paar Jahren wird „Stromen“ Mode sein. Ob mit deutschen Fahrzeugen oder chinesischen hängt von den Management-Entscheidungen der Unternehmen hierzulande ab. Ich hätte von Bosch eine klare Aussage zu den Angebotenen Antriebs-Systemen erwartet – zu den künftigen E-Motoren, Kupplungen, Getrieben. Sie wurden nur kurz gezeigt, das war’s. Es gibt sie also. Mehr auch nicht. Dabei sind gerade die Motoren und die Steuerungselektronik das Gebiet, auf dem wir Deutschen traditionell stark sind.

Es gibt keine ganzheitliche Vision einer elektromobilen Gesellschaft – dafür will man weiter mit „investitionssichernden“ Strategien hochkomplizierte Verbrenner bauen. Das scheint die Strategie von Bosch zu sein. Das erinnert mich irgendwie an Quelle – die hatten das Internet auch nie nötig.

Vergeblich wartete ich auf Themen wie Induktions-Stromschienen in Straßen, öffentliche Ladestationen (die ja Bosch auch bauen könnte…), Wechsel-Akkus.

Ganz untätig ist Bosch dennoch nicht. Man habe anstelle der dem Aufsichtsratsvorsitzenden bekannten 500 mittlerweile 800 Mitarbeiter im Bereich Elektromobilität (bei insgesamt 237.000) – „die letzten 100 kamen gerade aus China dazu“, merkte ein Abteilungsleiter mit spöttischem Lachen an.

Es könnte aber sein, dass den Herren schon bald das Lachen vergeht – dazu braucht es nur einen erneuten Anstieg des Rohölpreises. Immerhin hat Bosch vorgesorgt: Man habe Zugriff auf jede Menge neuer Lithiumvorkommen. Das ist der Stoff, aus dem die Chinesen dann die Akkus bauen, mit denen die Autos der Zukunft fahren. Mit oder ohne Stern.

Fazit: Wenig Innovation in Deutschland

Ergo: Die deutsche Automobil-Industrie wehrt sich gegen Veränderungen und den Sprung in eine neue Technik. Sie kann, aber will nicht. Sie hat die Umsätze, die Finanzmittel, die Ressourcen und die Mitarbeiter – aber sie hat die Manager nicht.

Genau da setzt der politische Auftrag ein. Sinn eines Wirtschaftsunternehmens ist nun mal Wirtschaften – weniger das Gemeinwohl. Normative gesamtgesellschaftliche Entscheidungen muss man daher politisch fällen – auch und gerade da, wo Großkonzerne und Monopolstrukturen der gesellschaftlichen Entwicklung im Wege stehen. Wenn wir nichts tun, wird die deutsche Automobil-Industrie sich an der alten Technik festkrallen und damit an Bedeutung verlieren. Sie wird nicht verschwinden aber schrumpfen, neue Anbieter werden auf die Märkte drängen und uns als Technologie-Spitzenreiter ablösen.

Daher muss die Politik mit Anschubhilfen der neuen Technlogie zum Durchbruch helfen.

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“, sagte schon Heraklit. Die Chancen im Wandel zu suchen – das ist die Quelle des zukünftigen Erfolges und das eigentliche Kapital Deutschlands.

PS. Gerade findet die Auto-China in Peking statt. Alle chinesischen Anbieter setzen voll auf das Elektro-Auto. http://www.stern.de/auto/service/peking-autoshow-2010-mit-strom-faehrt-china-allen-davon-1561009.html

Update 28.4.2010: Dass es auch anders geht zeigt BMW, die ab 2013 ein Verbundstoff-E-Auto herausbringen wollen: http://www.focus.de/auto/neuheiten/spritsparkonzepte/bmw-megacity-vehicle-elektro-kunststoff-auto-ab-2013_aid_501552.html (und raten Sie mal, wer die Akkus baut? Bosch zusammen mit Samsung!)

*mehr unter www.lhg-bw.de

(Der Autor hat u.a. in Turku/Finnland Ingenieurwissenschaften studiert, auch mit den Fächern Elektrotechnik, Automatisierungstechnik, Anlagentechnik, Chemie)

Aschewolke schrottet finnische Kampfjet-Motoren in Minuten

Finnen nehmen Luftproben mit Hawk-Spezialflieger Tage vor Deutschen

Update 19.4.: Jetzt hat es auch F-16 Jets der Nato erwischt. http://www.focus.de/politik/ausland/vulkanwolke-nato-beruhigt-nach-kampfjet-vorfall_aid_500153.html

Nachdem die Lufthansa und die Air-Berlin die Gefährlichkeit der Aschewolke aus Island bezweifeln, hier nun ein paar stichhaltige Beweise aus Finnland, die in den deutschen Medien bislang nicht auftauchten (siehe auch meine Tweets @mlochmann):

Am Donnerstag vegangener Woche flogen drei finnische Hornet F-18 Kampfjets in Nordfinnland auf einem Übungsflug durch die Aschewolke. Dabei wurden die Motoren der Maschinen schon nach einem Durchflug von nur Minuten schwer beschädigt. Im Ansaugtrakt der Turbinen wurde Staub gefunden, in der Brennkammer hingegen bei über 1000 Grad geschmolzene, tropfenförmige glasartige Gebilde (siehe Foto).

yle.fi
Foto:yle.fi

Das Problem ist, dass die Schmelze die Kühlöffnungen der Brennkammern zusetzt, damit eine Überhitzung der Triebwerke verursacht und zum Totalausfall führt. Also: Schon ein kurzer Flug durch die Aschewolke beschädigt Jet-Turbinen ernsthaft und gefährdet die Flugsicherheit. Die Motoren der Jets müssen zur Analyse abgebaut und zerlegt werden.


Foto: iltasanomat.fi

In den finnischen Medien wurde an mehreren Stellen hierüber berichtet und die Fotos schon am Freitag veröffentlicht. Ausserdem führt die finnische Luftwaffe Messungen mit einer “Hawk”-Maschine in der Wolke durch. Warum die Maschine nicht über Deutschland fliegt, ist unklar.

http://www.iltasanomat.fi/uutiset/kotimaa/uutinen.asp?id=2096042

http://yle.fi/alueet/keski-suomi/2010/04/tuhka_vaurioitti_ilmavoimien_hornet-havittajia_1610459.html

Auf Englisch:

http://www.vancouversun.com/technology/Finnish+fighter+jets+damaged+volcanic+cloud/2914603/story.html

http://www.flightglobal.com/articles/2010/04/16/340727/pictures-finnish-f-18-engine-check-reveals-effects-of-volcanic.html

Update: Das ZDF scheint die Fotos zu kennen – hat sie aber nicht gezeigt.

Animation: Weltweiter Flugverkehr 24h

Jeder gelbe Punkt in folgendem Video ist ein Flugzeug, das Tageslicht wandert von Ost nach West. Verblüffend ist die große Rolle Europas im internationalen Flugverkehr. Nahezu alle diese Flüge fallen jetzt aufgrund der Vulkanaschewolke aus Island weg.

Mehr zum Thema: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-04/europa-luftfahrt-chaos

Nehmt die CSU endlich vom Netz!

Das Internet und die CSU passen offensichtlich nicht zusammen. Nachdem die CSU-Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sich schon mehrfach unqualifiziert gegen Internet-Anbieter erbost hat (sein Fett weg bekam das grandiose Google street view genauso wie das populärste Social Network schlechthin, Facebook), will sie und ihre Partei nun auch die gerade erst verlorene Stoppschild-Debatte wieder anfangen.

Hier meine kleine, freundschaftliche Anmerkung an die CSU:

Liebe CSU. Vielleicht solltet ihr eure Website komplett abschalten. Oder das ganze Internet. Das Internet und Ihr passt einfach nicht zusammen. Für Euch ist das Netz ja das Böse schlechthin. Und Ihr seit doch die Guten, oder? In eurer heilen Welt gibt es nur gute Kirchenmänner in guten Klosterschulen, gute ehrbare Kaufleute in guten bayerischen Landesbanken und, überhaupt, ihr Christsozialen verkörpert das Reinste im Menschen schlechthin. Fremdgehen? Scheidung? Uneheliche Kinder? Bei Euch? Im Reich des Unfehlbaren? Amigos? Bestechung? Ha, das waren doch nur gute Freunde, würde ich sagen.

Nein, wirklich. Das böse, böse Internet ist nichts für christsoziale Gutmenschen. Dass die Wertschöpfung über das Netz mittlerweile größer ist, als die des ganzen Maschinenbaus in Deutschland, braucht euch nicht weiter zu interessieren. Dass die halbe Welt bei Amazon einkauft, auch nicht. Die CSU braucht kein Google. Schließlich habt Ihr Katholiken ja schon einen Allwissenden.

Macht es doch einfach wie die Chinesen: In Bayern wird das Netz zünftig zensiert – gelernt wird wieder in der Kirche und bestellt wird wieder per Katalog. Das hat gleich mehrere Vorteile: Es gibt wieder Arbeit in Fürth, die CSU diktiert wieder die Meinung und alles ist so wie früher. Nur der Strauß fehlt noch. Aber vielleicht stellt Ihr den ja als Kopie in ein gläsernes Mausoleum in München. Da könnt ihr dann immer schön im Kreis drumrum laufen und dabei fröhlich Eure Volkslieder singen. Sozial und Sozialist. So weit auseinander ist das doch gar nicht.

Da Ihr das Grundgesetz nicht unterschrieben habt, ist das alles für Euch auch gar kein Problem. Der Stammtisch brüllt wieder zufrieden. Die Kühe muhen fröhlich im Stall. Und die Ilse auch. Nur vom Internet solltet Ihr in Zukunft die Finger lassen. Von Computern sowieso. Und vom Ausland. Da kommt doch nur so kriminelles Zeugs daher.

Doch habt keine Sorge: Wir in Baden-Württemberg machen das für Euch. Wir tun Euch etwas Gutes: Ihr habt den ganzen Ärger nicht, die Arbeit nicht und den ganzen neumodischen Kram nicht. Keine Sorge: Ihr müsst Euch um nichts kümmern: Wir nehmen Euch gerne die ganzen lästigen Software-Firmen ab, mit ihrem blöden Englisch. Die Autofirmen und das ganze Bio-Gen-Zeugs. Die TV-Sender. Und die Werbeagenturen. Da sind ja eh nur liberale Yuppies drin.

Seht, Ihr in Bayern könnt euch in aller Ruhe wieder der traditionellen Landwirtschaft widmen: Ohne Gen, ohne Traktor und ganz ohne lästige Technik. Mit Pflug und Gaul auf den Acker. Ja mei, da freut sich die Ilse. Und wir auch: Denn so billig wie die Arbeit in Bayern dann wieder ist… und der Urlaub, die Kaufkraft! Ein Traum.

Ihr seht, liebe CSU, macht einfach in Bayern das Internet ganz zu. Das ist besser für Euch und besser für uns. Aber bitte: Kommt dann nicht mit blöden Fragen zu uns. So etwa wie, was man tut, wenn das Volk gar nicht mitmacht, was die Obrigkeit will. Oder warum das Volk hungert. Oder warum wir immer ärmer werden. Da gibt es in Bayern ja seit jeher nur zwei probate Mittel: Beten und Freibier. Und wenn das nicht wirkt, ja mei…

Mehr Infos:

“Die Software- und IT-Dienstleistungsbranche in Deutschland entwickelt sich zu einem eigenständigen Wirtschaftsfaktor, dessen Bruttowertschöpfung und Beschäftigung sich in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln wird. Doch derzeit wird der Sektor als treibende Wirtschaftskraft und Querschnittsfunktion in der Standort- und Industriepolitik systematisch unterschätzt.

Die in Deutschland aus volkswirtschaftlicher Sicht oftmals besonders beachteten Sektoren Maschinen- und Fahrzeugbau werden in den kommenden 15 bis 20 Jahren im Wachstum stagnieren, während die Software- und IT-Dienstleistungsbranche ihren Anteil an der Bruttowertschöpfung verdoppeln wird.

Quelle: Fraunhofer ISI-Studie: Deutsche IT-Branche unterschätzt

Türkische Gymnasien, warum eigentlich nicht?

Die Bildungsstagnation bzw. Dequalifikation der deutschen Erwerbsbevölkerung steht in krassem Widerspruch zu den steigenden Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft. Damit droht  Deutschland einen traditionellen Standortvorteil im internationalen Wettbewerb zu verlieren. Ohne eine bildungspolitische Kehrtwende sind angesichts von technischem Fortschritt und fortschreitender Globalisierung negative Folgen für Wohlstand und Arbeitsmarkt absehbar.  http://www.iwg-bonn.de/fileadmin/user_upload/pdf/11_Bildungsniveau_04-2007.pdf

Der türkische Ministerpräsident forderte jüngst die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland. Wenn man die reaktionär-islamistische Argumentation Herrn Erdogans kennt – ist dieser Vorschlag, so wie er ihn verwirklicht sehen will, grundweg abzulehnen.

Aber: Es spricht meines Erachtens gar nichts dagegen, fremdsprachige Gymnasien unter deutschen, säkularen Lehrplänen mit fremdsprachigen, deutschen(!) Lehrkräften und nicht-religiösen Trägern einzurichten. Denn: Tatsache ist, dass das deutsche Bildungssystem bei Migrantenkindern komplett versagt – die Quoten der Abbrecher sind enorm und die der Abiturienten und Studierenden horrend gering.

Mal ehrlich: Ein türkisches Abitur ist allemal besser als gar keins. Und es ist nicht im Geringsten abzusehen, dass mit diesen CDU-Ministern bald ein Systemwechsel im Bildungswesen gelingt, der eine akzeptable Ausbildung der benachteiligten Kinder mit Migrationshintergrund ermöglichte. Selbst meine eigenen Parteifreunde sind da nicht sehr progressiv, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Dazu kommt, dass sich immer mehr Kinder der dritten und vierten Einwanderergeneration in der sog. Zweisprachenfalle befinden – die Eltern können kein richtiges Türkisch mehr – aber auch kein richtiges Deutsch – und so lernen die Kinder weder die eine noch die andere Sprache richtig. (Dasselbe Symptom wurde in den 70ern bei einer halben Million Finnen beobachtet, die nach Schweden ausgewandert waren.)

Ich habe meinen mittleren Schulabschluss in Finnisch gemacht – und es hat mir weiß Gott nicht geschadet. Im Gegenteil. Durch die zweite Muttersprache habe ich ein zweites Denkmodell geschenkt bekommen, meinen geistigen Horizont erweitern können und kann umso besser jetzt neue Fremdsprachen lernen. Natürlich war es schwer, als Kind eine neue Sprache richtig(!) lernen zu müssen – es mache sich keiner die Hoffnung, Deutschtürken würden auf Türkisch einfacher lernen können – eher das Gegenteil ist der Fall. Denn: alles muss in beiden Sprachen fehlerfrei(!) gelernt werden. Also doppelt.

Aber eigentlich sollten wir türkische Gymnasien haben – genauso wie italienische, griechische, amerikanische, russische und afrikanische auch. Denn unsere Zukunft ist global – unsere Bevölkerung wird vielschichtiger und wir brauchen genau diese Internationalität, um nicht in einer falschen Deutschtümelei-Romantik langsam aber sicher unterzugehen.

PS. Meine Tochter wächst, obwohl kaum jemals in Finnland gewesen, zweisprachig auf. Und auch mit “nur heimischem” Input, kann sie sich im Alltag verständigen, Zeitung lesen oder einkaufen. Es geht, wenn man nur will.