Das Datenbank-Update nun auch im WPMU-System vollzogen. Bei Fehlern bitte kurze Mail an lochmann@fdp.de. Danke.
Archiv für den Monat Mai 2010
Mappus wie Petrus
“Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen” (Matth. 26, 34 )
Das erinnert mich an die Presse-Lage vom letzten Freitag:
- Mappus will nun auch mit den Grünen im Land
- Mappus hält plötzlich Hotel-Steuersenkung für falsch
- Baden-Württemberg enthält sich bei Stipendienprogramm und Bafög-Erhöhung
Hoppla. Was im Koalitionsvertrag steht, gilt für Herrn Mappus nicht? Eine bemerkenswerte politische Linienführung in einer schwarz-gelben Koalition zehn Monate vor der Landtagswahl. Meine ich.
Was ist “liquid democracy”?
Die Piratenpartei nimmt ein (weiteres) Tool zur internen Diskussion in einer Partei in Betrieb und feiert das als “Revolution”. Was steckt dahinter? Hat das Konzept der “liquid democracy” Potenzial, auch in etablierteren Parteien zum internen Diskurs beizutagen?
Die Berliner Piratenpartei hat mit der Einführung von „LiquidFeedback“ den parteiinternen Diskurs revolutioniert. Mit Hilfe der von Piraten entwickelten Software können trotz enormen Mitgliederwachstums dauerhaft alle Parteimitglieder an der Meinungsbildung beteiligt werden. Die Piratenpartei wird sich so auch weiterhin durch ihre Diskussionskultur, die allen Stimmen Gehör verschafft, von den etablierten Parteien absetzen. Erstmals in der deutschen Parteiengeschichte kann dauerhaft auf ein Delegiertensystem zur Entscheidungsfindung verzichtet werden. Die Software steht auch der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung.
Nun, meine Meinung: Interne Diskussionen in politischen Parteien laufen idealtypisch offen, frei, gleichberechtigt und fair ab. In der Wirklichkeit jedoch laufen Entscheidungsprozesse in einer Partei oft verdeckt, im Dunkeln und hierarchisch ab. Die theoretisch wünschenswerte Gleichheit aller Diskussionspartner existiert de facto nicht – die altgediente Kungelrunde behält ihre soziale Selektionsfunktion auch weiterhin. Und: Hierarchien sind Vereinfachungen für die unteren Stufen. Sie bedeuten Verantwortungsabgabe nach oben.
Politische Prozesse sind hochkomplexe Meinungsbildungsprozesse, in denen Macht, Dominanz und Führung eine wichtige Rolle bei der Mehrheitsfindung spielen. Kein mir bekanntes technisches System kann diese soziale Komponente bislang abbilden.
Aber: Die Technik ist da und wir nutzen sie zu wenig. Manche Entscheidungsprozesse in (allen) politischen Parteien sind in der Tat veraltet – und wir täten Gutes daran, diese zu modernisieren. Dazu habe ich als Webmaster einer Partei in den letzten zehn Jahren einiges getan – Es gibt Homepages mit Kommentarfunktionen, Blogs mit Comments, Parteitagsseiten, Wikis, Foren, Chats. Alle diese Tools haben jedoch, obwohl in anderen Lebensbereichen extrem erfolgreich, es NICHT geschafft, die Prozesse in der Partei abzubilden oder gar nachhaltig zu verändern.
Warum ist das so? Nun, die Responsivität der Allgemeinheit auf direkte politische Kommunikation ist gering. Es bestehen große Hemmungen beim allgemeinen Publikum, sich in politische Prozesse einzuklinken. Mehr noch: Selbst die Mitglieder einer Partei sind in der Mehrzahl passiv. Daher sind og. Tools immer von kleinen, aber dafür umso lautstärkeren Minderheiten oder Einzelaktivisten besetzt – bishin zur totalen Radikalisierung von Internetforen, welche letztlich dann auch geschlossen worden sind.
Was lernen wir daraus?
- Die Mehrheit der Menschen möchte sich nicht langfristig am Entstehungsprozess der politischen Entscheidungen beteiligen.
- Die Mehrheit der Menschen möchte über fertige politische Konzepte abstimmen – und nicht selbst welche entwerfen.
- Mittlerweile sind wir so weit, dass bei manchen Wahlen die Menschen in Mehrheit noch nicht einmal über die fertigen Konzepte abstimmen wollen.
- Politisch Aktive sind nicht der Querschnitt der Bevölkerung – die politischen Ränder sind überproportional vertreten.
- Die meisten Menschen verstehen den modernen, ausdifferenzierten politischen Prozess nicht – schon allein die Sprache ist für viele abstoßend.
Alle diese Punkte sprechen für eine weitere Professionalisierung und Ausdifferenzierung des politischen Systems. Es wird zusätzliche Brücken in andere Bereiche der Gesellschaft geben – die Presse, Rundfunk, Blogs, Foren, Chats, Videos. Ich glaube fest, dass die direkte Demokratie innerhalb von Parteien keine reelle Chance auf Verwirklichung hat – auch mit noch so ausgefeilten technischen Mitteln nicht. Es liegt nicht an der Technik. Es liegt am menschlichen Wesen schlechthin.
Es ist eben bequemer, andere für sich denken zu lassen und dann in Gönnermanier den Daumen zu heben oder zu senken. Die Arbeit, die in den politischen Ideen und Konzepten steckt, weiß nur derjenige zu würdigen, der solche schon mal gemacht hat – ganz egal in welcher politischen Richtung.
Ich halte die “Revolution” der Piraten eher für eine Utopie – die genauso enden wird, wie viele andere Versuche auch, das politisch System responsiver zu machen: Es wird ein kleiner, sinnvoller Teil der Funktionalität übernommen. Und der Rest bleibt, wie er ist.
Was ich mir aber durchaus vorstellen kann ist, dass Tools wie “liquid feedback” für einzelne Entscheidungen wie z.B. Mitgliederentschiede zu einzelnen Themen, genutzt werden – und so den Parteigremien helfen, Entscheidungen zu fällen. Von verbindlichen, Parteitage übergehenden Beschlüssen halte ich wenig.
Mit der Einführung von LiquidFeedback stellen wir sicher, dass wir behalten, was bisher oft als Privileg kleiner Parteien begriffen wurde: Einen immer offenen parteiinternen Diskurs und ein Abstimmungssystem, bei dem nicht nur alle beteiligt sind, sondern auch konstruktiv an den abzustimmenden Vorschlägen mitarbeiten können. LiquidFeedback zeigt, dass mit Hilfe neuer technischer Mittel Demokratie heute neu erfunden werden kann – und wir so der eigentlichen demokratischen Idee immer näher kommen. Demokratie wird interaktiv. Mit Habermas gesprochen, haben wir die Salons und Kaffeehäuser digitalisiert – für einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit.“ (Andreas Nitsche, Mitentwickler der Software)
Genau das ist doch das Problem – die Habermas’sche Diskurstheorie hat noch nie in der Praxis funktioniert.
Meines Erachtens bestehen bei dem Ansatz zwei grundlegende Schwierigkeiten: Die freizügige Delegation der Stimmen führt zu Meinungsmonopolen und Stimmenkauf - und man unterliegt dem verbreiteten Irrtum, dass die Aggregation von Einzelmeinungen eine konsensfähige Gruppenmeinung erzeugt. Dem ist nachweislich nicht so (siehe Schweigespirale). Daher sind die Ergebnisse eines solchen Systems (=der Output) nicht vorhersehbar, nicht kalkulierbar und somit von der Führung eines Organs nicht gewollt.
Mehr Info:
http://wiki.piratenpartei.de/Liquid_Democracy
http://www.zeit.de/digital/internet/2010-02/liquid-democracy-piraten
Die Software:
http://liquidfeedback.org/projekt/
Art. 14 (2) GG
„(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Artikel 14, Grundgesetz.
Ein bemerkenswerter Fernsehauftritt – Machtkampf zwischen Kapital und Politik
Es war der zweite bemerkenswerte Fernsehauftritt eines Herrn Schröder in den vergangenen Jahren. Gestern Abend bei Maybrit Illner zeigte der Finanzkapitalismus sein hässliches, wahres Gesicht.
http://maybritillner.zdf.de/ZDFde/inhalt/19/0,1872,1021235_idDispatch:9620482,00.html
(Video z.Zt. noch nicht verfügbar)
Was sich gerade zwischen der Wallstreet und dem Weißen Haus abspielt, zog nun ein in die deutschen TV-Stuben – der Machtkampf zwischen Politik und der Finanz-Industrie. Es wurde gestritten – um die Ursachen der gegenwärtigen Euro-Krise, der Finanzkrise von 2008; über die Mittel zur Bekämpfung derselben – über Regulierung und freie Märkte.
Dabei wurde mir eines klar. In Wahrheit geht es gar nicht mehr um die Finanzen. Es geht nur noch um eines – es geht um Macht.
Da sitzt doch im (öffentlich-rechtlichen!) Fernsehstudio ein Noname-Hedgefondsmanager und erklärt dem Fraktionsvorsitzenden der größten Regierungspartei des Landes, wie die Welt funktioniert und was die Politik nun gefälligst zu tun habe.
Das zeigt, wie weit wir schon sind – und warum die Finanzmärkte mittlerweile so gefährlich sind. Es reicht ihnen nicht mehr, Geld zu verdienen – sie wollen mehr. Sie wollen sich die Welt so gestalten wie es am besten ihren Interessen dient – und dabei erpressen sie mit immer neuen Drohungen die Politik.
Das ist kein Wunder – schließlich hat diese Taktik ja schon 2008 funktioniert. Und genau hier ist das Problem: Die staatliche Bankenrettung (mit unseren Steuergeldern) von 2008 ist maßgeblich für die gestiegenen Staatsschulden verantwortlich, gegen die jetzt von denselben Banken spekuliert wird.
Nochmal: Wir, also der Staat, retten die Banken und Börsen mit Milliarden – und zum Dank dafür spekulieren diese jetzt mit unserem eigenen Geld gegen uns alle.
Das können sie, weil sie angeblich „systemrelevant“ sind und „zu groß“ um Pleite gehen zu können. Sie können das auch, weil wir ihnen permanent zu billiges Geld geben. Und sie können es, weil sie über-staatlich agieren.
Nach dieser Erkenntnis war ich erst mal baff.
Gesamtgesellschaftliche Verantwortung des Kapitals
Anscheinend hat man in Bankerkreisen an der Uni die Vorlesungen im öffentlichen Recht nur bis zum Artikel 12 GG gehört. Ich war ein bisschen länger da und hörte auch die zum Artikel 14. Und da steht etwas ganz Erstaunliches drin.
Es ist eben in unserem Lande keineswegs so, dass das Kapital, ergo die Banken, keine gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen (wie Hubertus Heil von der SPD!) meinte. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Und zwar nicht nur hypothetisch. Das Grundgesetz ist unmittelbar geltendes Recht für alle. Auch für Hedge-Fonds.
Der bemerkenswerte Auftritt der deutschen Finanzindustrie scheiterte nicht nur an ihrer maßlosen Arroganz – schließlich saßen ihr langjährige Fernsehprofis wie Volker Kauder, Heiner Geißler und eben Hubertus Heil aus CDU und SPD gegenüber. Nein, das andauernde Ins-Wort-Fallen und die ewige Rechthaberei bei erwiesenermaßen falschen Positionen war das Unerträgliche.
Das zeigt die Lage der Nation – und die Selbstüberschätzung der Banker, Spekulanten und Hedge-Fonds-Manager. Haben die Herren denn nicht begriffen, dass sie ihre Geschäfte nur haben machen können, weil die Politik sie gelassen hat?
Damit ist es jetzt vorbei. Mit jedem weiteren Angriff auf die Politik zwingt sich die Finanzindustrie weitere Sanktionen selbst auf. Die Politik wird es nicht hinnehmen, dass man in ihrem Revier wildert – schließlich verzichtet jeder Spitzenpolitiker auf eine Menge Geld für die temporäre Macht, die er vom Wähler verliehen bekommt.
Politiker werden ihre Macht verteidigen
Und nun machen ihm ein paar Fondsmanager diese Macht streitig. Das lässt er kaum auf sich sitzen. Derselbe Kampf tobt seit einiger Zeit übrigens auch an der Wallstreet – mit der Folge, dass Staatsanwaltschaften Banken durchsuchen und Banken-CEOs vor Untersuchungsausschüssen landen. Ich erwarte hierzulande Ähnliches. Und zwar ziemlich rasch.
UPDATE 2.6. Mittlerweile gibt es staatsanwaltschaftliche Ermittlungen samt Durchsuchungen gegen die HSH Nordbank.
Demokratien sind nicht per se für das Kapital. So mancher Sonnenkönig und anderer Heilsbringer war in der Geschichte ihm weit wohler gesinnt. Auch wir Deutsche erinnern uns.
Das Geld hat noch nie in der Geschichte den Kampf um die politische Macht endgültig gewonnen – in den 1920er Jahren führte der Versuch erst in die Krise, dann in die Diktatur und letztlich in den Weltkrieg. 1789 war die die Folge einer Geldkrise die französische Revolution, die erst zur Entwicklung der Menschenrechte und dann zu den modernen Demokratien führte.
Ich hätte nicht gedacht, dass es zu unseren Lebzeiten wieder zu einer derartigen Zuspitzung kommen könnte. Doch scheinbar ist es wieder einmal so weit. Mittlerweile geht es um mehr als nur eine Wirtschafts- und Finanzkrise. Wir müssen die Systemfrage stellen. Das hat Angela Merkel völlig richtig erkannt.
Die Banken, Fonds und Spekulanten denken, sie könnten die Welt regieren und die Regeln diktieren. Dabei vergessen sie eines – der Staat hat das Machtmonopol. Und wenn die Finanzwelt die Politik mit ihren Mitteln (der Spekulation) angreift, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Staat mit seinen Mitteln (Gesetze, Verbote, Justiz, Gewalt) zurückschlägt.
Zur Not setzt der Staat (=die Politik) seine Ansprüche auch durch. Dazu hat er eben jene demokratische Legitimation, die den Banken fehlt.
Keine sicheren Häfen mehr
Nun zuckt der gemeine Bankster schnell mit der Maus – und flüchtet sich und die Milliarden anderer (der Bankster zockt immer nur mit fremdem Geld) in vermeintlich „sichere“ Länder wie die USA oder Großbritannien.
Nun, die Engländer waren nicht bereit den Euro zu stützen. Ich sehe keinen Grund, warum wir ggf. das Pfund stützen sollten. Im Gegenteil. Vielleicht sollten wir wilde Gerüchte über die Staatsschulden Großbritanniens streuen und dann mit Hilfe der EZB gegen das britische Pfund spekulieren. 16 gegen 1. Was denken sie, wie schnell die Engländer wieder im Boot sind? Jetzt aber mal ernsthaft: London steht heute noch auf der Seite der Finanzwirtschaft. Nach einem erneuten Angriff auf das Pfund ist das anders. Wahrscheinlich aber müssen wir gar nichts tun – der Markt wird’s auch alleine richten.
Die US-Regierung hingegen wird es sich nicht länger gefallen lassen, dass ein paar Bankster ihnen auf der Nase herumtrampeln. Die Staatsverschuldung in den USA beträgt mittlerweile astronomische 13 Billionen Dollar. Die US-Banken haben immer noch eine riesige Gewerbe-Immobilienblase in ihren Büchern und der überstarke Dollar macht alle Exportbemühungen der Amerikaner zunichte.
Es gibt für die Amerikaner überhaupt keinen gangbaren Weg aus ihrer Schuldenkrise – außer dem Totalabsturz – oder dem Krieg.
Die FED druckt Geld, welches billig in den Markt gedrückt wird – um letztendlich als Spekulations-Instrument GEGEN die Regierungen zu landen. Das geht so lange gut, wie gegen Euro, Pfund oder Yen spekuliert wird – und die anderen Staaten mit immer weiteren Konjunkturpaketen die Krise geradezu weiter anheizen.
Ein neues Bretton Woods? Nie wieder “too big to fail”
Doch Euroland macht da nicht mehr mit. Die deutsche Politik zeigt Handlungsfähigkeit und verbietet Dinge. Andere Eurostaaten werden folgen. Staatsdefizite werden abgebaut. Märkte werden reguliert. Die Spekulanten müssen abziehen. Und sich ein anderes Opfer suchen. Irgendwann wird es das Pfund, irgendwann wird es der Dollar sein.
Letzendlich stehen wir, wie vor Bretton Woods, vor einer Neuordnung des globalen Finanzsystems. Die immer wiederkehrenden Krisen und die immer schamloseren Auftritte der Finanzindustrie zeigen dessen Notwendigkeit.
Wir müssen die Banken wieder da hinführen, wo sie hingehören: Zum Finanzdienstleister für die Wirtschaft und die einfachen Menschen. Die Geldschöpfung der Banken über Kredite muss verringert, die Stellung der Zentralbanken wieder gestärkt werden.
Zur Not muss man den Handel einschränken, Börsen schließen, Fonds zerstückeln, Zinsen erhöhen, Manager in Haftung nehmen.
Nie wieder darf ein Unternehmen „zu groß“ sein, um nicht in Insolvenz gehen zu können. Nie wieder darf der Staat mit Steuergeldern Banken retten! Und nie wieder dürfen Hedge-Fonds so groß werden, dass ganze Weltwährungen bedrohen können.
- Wenn ein Unternehmen zu groß wird, muss man es zerschlagen. Punkt.
- Wenn ein Unternehmen seine Gläubiger nicht bedienen kann, ist es pleite. Punkt.
- Wenn ein Staat insolvent ist, müssen die Banken verzichten. Punkt.
- Wenn eine Bank sich insolvent verspekuliert, wird sie liquidiert. Punkt.
- Wenn ein Manager sich nicht an die Regeln hält, geht er in den Knast. Punkt.
Die markttheoretische Legitimation endet für ein einzelnes Subjekt genau da, wo der einzelne Marktteilnehmer so mächtig wird, dass er den Preis oder die Regeln auf dem Markt entscheidend beeinflussen kann. Insofern haben wir im Finanzsektor schon lange keinen echten Markt mehr.
Eine neue Wirtschaftsethik ist gefordert
Die traditionelle Ökonomie muss zur Kenntnis nehmen, dass neben dem egoistischen Selbstinteresse auch andere Werte für das menschliche Handeln maßgeblich sind, auch wenn sich beides regelmäßig gegenseitig beeinflusst (Amartya Sen: „On Ethics and Economics“, 1987).
Die Freiheit und der relative Wohlstand der letzten Jahrzehnte haben eine Generation von Bankern und Managern wachsen lassen, denen in ihren computerdiktierten Kasinofirmen jegliche Moral fern liegt. Unterstützt wurde diese Entwicklung von einem Bildungssystem, in dem jeder auf Mittelmaß, Anpassung und Egoismus gedrillt wurde – eine brandgefährliche Kombination der Belohnung menschlicher Schwächen, die in Krisenzeiten kläglich versagt.
Deshalb brauchen wir eine neue Wirtschaftsethik – und Gesetze, die alle Teilnehmer an unseren Märkten wieder an die Regeln unserer Verfassung(en) binden. Wir brauchen eine neue Bescheidenheit, wir brauchen Nachhaltigkeit und Solidität.
Es gibt keine Freiheit zur Unterdrückung, zur Folter, zur Erniedrigung. Genauso wenig darf es eine Freiheit zur Schädigung von Volkswirtschaften oder zur Vernichtung von Vermögen geben. Wer das nicht verstanden hat, hat den Liberalismus nicht verstanden.
Wer sich als eigenmächtiger supranationaler Akteur außerhalb jeglicher demokratischer Legitimation bewegt, hat keinen Anspruch auf staatliche Schutzrechte. Somit kann auch in sein Eigentum eingegriffen werden. Ein Pirat auf hoher See kann auch keinen Schutz der Küstenwache beanspruchen.
Die Finanzwelt lebt in unserer Gemeinschaft – sie atmet saubere Luft, trinkt sauberes Wasser, isst sichere Lebensmittel, fährt auf sicheren Straßen, genießt stetige Energieversorgung. Es gibt absolut keinen Grund, warum sie sich nicht substantiell an den Kosten all dessen Beteiligen soll.
Freiheit und Verantwortung sind immer eine Einheit – das ist in der Finanzbranche offensichtlich nicht angekommen. Die Verantwortung haben die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes getragen, als sie den Artikel 14 in die Verfassung geschrieben haben.
Moralisches Handeln bitte
“Aus Habsucht entstehen alle Verbrechen und Übeltaten.” – Cicero, Pro Roscio 75
Schon immer war Gier eine Todsünde – und auch jetzt versuchen die C-Parteien mit christlicher Moral zu argumentieren. Das ist meines Erachtens zu wenig. Um Gutes und Richtiges zu tun, brauchen wir keine Theologie.
Wir können durchaus eine Ethik auf rationaler Basis entwickeln – und diese auch in Gesetzen kodifizieren.*
Was den Banker vom Politiker unterscheidet, ist letztendlich die Motivation seines Handelns. Das Motiv des Bankers ist schnöder Mammon – und somit von geringer moralischer Qualität. Das Motiv des Politikers ist (oder jedenfalls sollte es sein) das Wohl der Allgemeinheit.
Alleine deshalb dürfen wir Macht nicht in die Hände von Bankern geben.
Geld regiert zum Glück eben nicht die ganze Welt. Und solange es starke Demokratien gibt, wird das auch so bleiben. Geld ist für die Politik immer Mittel zum Zweck, niemals Zweck alleine. Diese moralische Wertigkeit haben wir in den Kasinowirtschaftsjahren verloren. Wir sollten uns wieder auf sie besinnen.
*eine meiner Grundthesen ist die Schaffung aller Werte, inklusive aller Theologie, durch den Menschen selbst. Siehe dazu auch
- (philosophisch) Moral ist eine Kulturleistung
- (literarisch): Über die Religion
Mehr zur Ethik unter:
- http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftsethik
- http://de.wikipedia.org/wiki/Ethik
- http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Weber
- Siehe auch zur „rationalen Ethik“: http://epub.ub.uni-muenchen.de/5237/1/5237.pdf
War da was? Die “regulierte Marktwirtschaft”
Hmmmm…. manchmal lohnt es sich doch, in seinen eigenen Texten zu kramen. Hier ein Ausschnitt aus meinem “Besserland-Projekt” vom März 2007 – geschrieben also VOR den Finanzkrisen:
3.2 Markt braucht Regeln 22. March 2007 3:42
…Die Tendenz des Kapitals zur Akkumulation im Kapitalismus, d.h. Anhäufung bei nur wenigen, führt letztendlich zu Monopolstrukturen sowohl auf Anbieter-, wie auch auf Nachfragerseite. Somit ist der Kapitalismus als Idee alleine nicht dazu geeignet, eine liberale Markt- und Gesellschaftsordnung zu gewährleisten. Die oft von der politischen Linken aufgebrachte Anschuldigung an die politischen Liberalen, Vertreter des KAPITALS zu sein, ist somit grundlegend FALSCH.
…Dort, und nur dort, wo Wettbewerbsmärkte gegen die Grenzen unseres Wertekanons verstoßen, oder wo ein gesundes Marktgeschehen aufgrund struktureller Bedingungen (noch) nicht existieren kann, muss der Staat als Wertesetzende Institution Regeln erlassen und diese aktiv überwachen. Die damit einhergehende Verantwortung des Allgemeinen (=der Staat) für das Allgemeine(=die Gesellschaft) und das Individuum(=der Bürger) im Besonderen ist hoch – konsequent angewendet führt dieses Prinzip zu mehr Verantwortung in den Kontrollgremien als bisher – anstelle von Subvention und Geldverteilung tritt Kontrolle und Geldeinsammlung.
…Der Staat darf nicht als Unternehmer auf Wettbewerbsmärkten auftreten. Es ist nicht hinnehmbar, dass steuerlich subventionierte Betriebe den Wettbewerb verzerren und letztendlich entweder in staatlichen Monopolen oder in Marktversagen enden.
Markt braucht also Regeln. Deshalb sollten wir auch von einer “regulierten Marktwirtschaft” sprechen, oder aber mit besserem Terminus von einer ethischen – oder verantwortungsvollen Marktwirtschaft.
Die Idee von “Besserland” ist die theoretische Zusammenführung des klassischen (individualistischen) Liberalismus mit den kollektivistischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Leider habe ich im Moment nicht die Kraft, das Buch zu Ende zu schreiben – zu groß ist die geistige Hürde vor den sozialistischen Theorien. Dazu müsste ich mal zwei, drei Monate absolute Ruhe haben. SIC! Und nun hat mich die Realität (fast) überholt. Am Ende soll dann eine “Versöhnung” der alten links/rechts Denkstrukturen stehen – mit ganz neuen Denkansätzen. Die brauchen wir vielleicht schneller als uns lieb ist.
Lesenswert auch: http://www.n-tv.de/politik/dossier/Kann-ein-Buddhist-Hedgefonds-managen-article874827.html
Internet-Video: Money as debt – Über die Geldschöpfung der Banken über Kredite.
Wie Bill Gates das Atommüll-Problem beseitigen will
Es hat schon etwas von Andacht, wenn die kalifornische IT-Welt einem ihrer Gurus lauscht. Auf der diesjährigen TED-Konferenz in Long Beach enthüllte einer der Ikonen der Softwaregeschichte und vermutlich der zweitreichste Mann der Welt seine Pläne für die Lösung der Energieprobleme des Planeten. Ganz nebenbei will er eines der drängendsten Probleme der modernen Energiewirtschaft beseitigen: Den Atommüll.
Sollten wir etwa doch warten, bevor wir unsere ausgebrannten Brennelemente tief im Harzer Salz verbuddeln? Vielleicht. Denn in den USA tut man das, was man bei uns tun müsste: Man denkt weiter.
Es ist nicht irgendwer, der da an dem Konzept des neuen Reaktors arbeitet. Mit Geld kann man vieles tun, auch Gutes – und sich eben auch die besten Wissenschaftler kaufen. So hat Bill Gates laut eigener Aussage mehrere zehn Millionen Dollar in die Firma „TerraPower“ gesteckt – einem Spin-Off der kalifornischen Gedankenschmiede Intellectual Ventures. Diese Firma dient dem (zweit)reichtsten Mann der Welt als Brutstätte für neue Ideen. Neben einem Malaria-Projekt findet sich seit neuestem in dem Think-Tank auch ein neues Buzzword – Kernkraft.
Der Kopf hinter dem Projekt TerraPower heißt John Gilleland
und ist wahrlich kein Neuling in der Kerntechnologie-Forschung: Er ist Professor für Reaktortechnik an der renommierten Berkeley-Universität in Kalifornien, hat 16 Jahre lang an der Fusionsforschung (u.a. ITER) gearbeitet, dabei auch Verfahren zur Zerlegung von Atombomben erfunden. Und er hat dabei eine alte Entdeckung wiederbelebt.
Er hat den so genannten Laufwellen-Reaktor (dt.: http://de.wikipedia.org/wiki/Laufwellen-Reaktor) konzeptionell verfeinert und erstmals durch Supercomputer berechnen lassen. Zurzeit wird mit der japanischen Firma Toshiba über den Bau einer Versuchsanlage im Megawattbereicht verhandelt. Toshiba ist eines der führenden Unternehmen im Reaktorbau weltweit.
Worum geht es bei dem Konzept? Nun, Gates und Gilleland wollen eine Röhre mit dem in der Natur vorkommenden Uran-Isotop 238 füllen und in dieser eine thermonukleare Spalt-Reaktion auslösen, bei der zunächst Plutonium entsteht, welches dann im Reaktor selbst wiederum gespalten werden kann. Dies setzt Wärme-Energie frei, welche dann Wasser erhitzen und mit konventioneller Dampftechnik Strom erzeugen kann.

Das Revolutionäre an dem Konzept ist, dass es möglich sein soll, auch ausgebrannte Brennstäbe aus konventionellen Atomkraftwerken zu verbrennen und so die Menge an strahlendem Material auf einen Bruchteil zu reduzieren.
Der Reaktor soll nur einmal geladen werden und dann 60 Jahre am Stück laufen – ohne dass Brennmaterial nachgefüllt werden muss. Damit entfallen unsichere Wartungsarbeiten im Reaktorkern und man kann die Anlage komplett unterirdisch bauen.
Das Projekt ist auf vierzig Jahre ausgelegt: Zwanzig Jahre für die Entwicklung und weitere 20 Jahre für den Bau kommerzieller Kraftwerke. Es ist also keine Lösung für morgen.
Aber es zeigt, dass in den USA, in denen die Kernkraft gerade eine Renaissance erlebt, das gemacht wird, was bei uns in Deutschland aus ideologischen Gründen und ökologisch verklärten Scheuklappen nicht geht. Schuld daran sind die Grünen.
Die Probleme der Menschheit kann man nicht dadurch lösen, dass man Kraftwerke außer Betrieb nimmt, Technologien verbietet und sich damit aus dem internationalen Rennen um die Energiehoheit nimmt.
Bill Gates macht das, was bei uns die Staaten tun sollten. Denn so viel privates Kapital ist bei uns gar nicht in Bewegung – ein Geburtsfehler unserer zu konservativen Wirtschafts- und Bildungslandschaft. Ein weiteres Mal zeigt sich, dass die immensen Gewinne der erfolgreichen IT-, und Internetwirtschaft in den USA auch für gesamtgesellschaftliche Zwecke genutzt werden. Ich bin mir sicher, Google wird irgendwann Ähnliches tun.
Niemand garantiert Gates, dass sich seine Investition jemals lohnen wird. Die Hürden für ein Gelingen sind in der Tat hoch, die Technik ist kompliziert. Doch anstatt, wie bei uns, von vorneherein nichts zu tun, weil es ja „schwierig“ ist, wählt er den Weg des Risikos. Und er ist ein Getriebener seiner Vision – etwas bei uns mittlerweile völlig Unbekanntes.
So wird Bill Gates seine Atom-Müllverbrennungsanlage bauen (das Geld dazu hat er ja) – allerdings nicht in Deutschland und wahrscheinlich nicht einmal in Europa. Brasilien, Russland und Indien sind wohl als Standorte im Gespräch. Kein Wunder – dort herrscht Wachstum. Hier herrscht Stagnation.
Einmal mehr haben wir Europäer uns, ohne Not, aus einer technologischen Entwicklung hinausgekegelt – weil die „political correctness“ es so will. Einmal mehr werden andere Nationen von Innovation profitieren. Und während wir Subventions-Milliarden in unzuverlässige Windparks stecken, die unsere Stromnetze überlasten – oder unsinnige uralt-Solarzellen mit Bergen von Steuergeldern schmieren, stehen andere am Anfang eines neuen Weges.
Schön ist der Weg der nuklearen Müllverbrennung gewiss nicht. Aber notwendig. Wir sollten einfach wieder mehr in die Kraft des menschlichen Geistes vertrauen. Und forschen, experimentieren, Neues denken, Neues wagen.
Weitere Info:
- http://www.heise.de/newsticker/meldung/Toshiba-und-Terrapower-arbeiten-an-Mini-Atomkraftwerken-961707.html
- http://earth2tech.com/2010/02/15/terrapower-how-the-travelling-wave-nuclear-reactor-works/
- http://intellectualventureslab.com/?tag=terrapower
- http://intellectualventureslab.com/?p=687
- http://www.medlibrary.org/medwiki/Intellectual_Ventures
Wer in der Regierung nicht regiert, verliert
Rien ne va plus – nichts geht mehr. Unglückliche Minister-Auftritte, Rent-a-Rüttgers, verbockte Koalitionsverhandlungen, schlecht geschriebene Klientel-Gesetze, Euro-Geeiere – wer so agiert, muss sich nicht wundern, wenn er vom Wähler die Quittung bekommt. Weil in Berlin nicht regiert worden ist, hat Schwarz-Gelb die Wahl in NRW verloren. Nur noch 41% der Wähler in NRW stimmten für die Berliner Koalition. Kein Wunder.
Dazu kommt die Ewig-Gestrigkeit der CDU in der Bildungspolitik, das Unvermögen der Landespolitiker, über ihre Grenzen hinaus zu denken und die Verleugnung der bildungspolitischen Tatsachen, die in jedem OECD-Bericht der letzten zehn Jahre zu lesen sind.
Dogmatismus behindert
Die FDP hat die Zeichen der Zeit leider auch nicht verstanden: dogmatisch hält gerade sie, die eigentlich am Pragmatismus orientierte, an ihren Wahlkampf-Forderungen fest – obwohl die Welt um sie herum sich rasant verändert. Man kann eben nicht den freien, unregulierten Markt propagieren, wenn gleichzeitig Hedgefonds unsere Währung kaputt spekulieren. Mann kann nicht nur die Steuern senken wollen, wenn der Staat in Schulden versinkt. Man kann nicht als bestens bezahlter Bundesminister Hartz4-Empfänger schelten. Und: Man kann nicht die Botschaft der Freiheit vergessen und mit calvinistischer Besserwisser-Moral alles nur auf Wirtschaft, Steuern und Arbeit reduzieren. Gesellschaftlicher Anstand in allen Ehren. Aber zu viel ist einfach zu viel.
Es ist das Risiko einer Einthemenpartei, welches jetzt mit voller Kraft zurückschlägt. Da hilft auch nicht mehr, dass wir Wahlversprechen HALTEN(!) – denn die Erwartungen der Menschen sind mittlerweile in das Unermessliche gewachsen. Die Politik soll sich um alles kümmern, den Euro retten, die Jobs besorgen, die Renten sichern, die Kinder betreuen, die Oma pflegen. Dass das keine Partei oder Koalition kann, wird von der linken Polit-Propaganda geflissentlich verschwiegen – und so reiht sich eine Wähler-Enttäuschung an die nächste. Das schadet auf Dauer der Demokratie insgesamt.
Griechische Verhältnisse drohen
Es drohen griechische Verhältnisse auch bei uns. Denn was heisst linke Politik? Mehr Staat, mehr Steuern, mehr Umverteilung. Mehr rote Fahnen und Trillerpfeifen. Mehr Krawalle auf den Straßen. Mehr Staatsschulden. Weniger Wirtschaftskompetenz, weniger Freiheit, weniger Unternehmertum. Letztendlich heisst linke Politik weniger Wohlstand für alle. Das werden wir jetzt auch bekommen – inklusive weiterer unsinniger Subventionen und Ökosteuern. Es waren die Sozialisten, die Griechenland ruinierten. Welch ein Paradoxon, dass sie bei uns dafür auch noch gewählt werden.
Die Koalition in Berlin hatte neun Monate Zeit, mit einer Mehrheit im Bundestag und im Bundesrat zu regieren. Sie hat es nicht getan. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen wurde das Desaster einfach abgewartet. Jetzt ist es für das Durchregieren zu spät – denn mit der SPD als Sperrminorität im Bundesrat wird es weder eine große Steuerreform noch längere Laufzeiten für die Kernkraftwerke geben. Das hätte man wissen können (siehe hier, vom 5.2.) Es folgen also drei weitere Jahre Stillstand – während die Welt um uns im Chaos taumelt.
Bald werden wir alle nur noch per Eil-Entscheidung und Notstandsgesetz regiert. Das alles erinnert entfernt an Weimar - das politische System hat sich selbst kaputt abgewartet und kann nur noch per Notsitzung sonntagnachts im Kanzleramt regieren. Oder anders gesagt: Es gibt jetzt die (undemokratische) große Koalition durch die Hintertür. In den Hinterzimmern. Und die im Land schlafenden Ressourcen werden wieder nicht erweckt – sondern weiter unter billigen Polit-Kompromissen begraben.
Die Finanz-Hydra bedroht uns alle
Die Bürger indessen haben Angst. Zu Recht. Sie haben Angst um ihr Geld. Spekulanten bedrohen ganze Staaten, ja die ganze EU. Die Weltwirtschaft wankt und steht am permanenten Abgrund, wie der ungeklärte Börsencrash an der Wallstreet von letzter Woche zeigt. Der Sell-Off kommt erst noch, der Donnerstag war nur ein Testballon. Wobei der wahre Kampf zurzeit zwischen der US-Regierung und der Wallstreet geführt wird – der Euro ist nur ein netter Nebenverdienst für die Herren von Goldman&Co.
Die Regierungen dieser Welt schaffen es indes nicht, das Monster der Finanzjongleure an die Kette zu legen. Dabei haben sie es doch selbst gezüchtet! Die SPD war dabei übringens mitten drin. Monstra sunt in genere humano*. Daran sollte man erinnern. Noch sind sie nicht in Sicht, die modernen Iolaos und Herakles, die der Spekulanten-Hydra die Köpfe abschlagen, ihr die Hälse ausbrennen und endlich Ruhe an die Börsen und in die Gemüter bringen.
Die Regierung traut sich nicht, die Banken zu bändigen – im Gegenteil: Sie wirft dem Monster immer neues Steuergeld in den Rachen, nur in der Hoffnung, das Papier möge doch den Brand im Drachenschlund löschen. Dabei heizt sie das Feuer immer weiter an. Statt eines Endes mit Schrecken gibt es einen Schrecken ohne Ende.
…Irgendwann, als es längst üblich geworden war, mit Credit Default Swaps gegen den Hypothekenmarkt zu wetten, und langsam auch die Kurse für die Giftpapiere fielen, begannen auch Eisman und seine Partner an ihrem Verstand zu zweifeln. Denn immer noch fanden sie Investoren, die sich auf ihr Spiel einließen. Doch wenn sie wissen wollten, was das für Leute waren, die die andere Seite der Wette hielten, bekamen sie von ihrem Händler bei der Deutschen Bank die Antwort: „Düsseldorf. Dumme Deutsche. Die nehmen die Ratingagenturen ernst. Die glauben an die Regeln.“
Die 700 Milliarden Euro-Aktion der EU vom Wochenende löst kein einziges Problem – wir haben uns vielleicht drei Monate Zeit gekauft. Mehr auch nicht. Und wir entwerten mittlerweile systematisch unser Geld, indem wir der EZB ihre Unabhängigkeit nehmen und sie zum Ankauf von Schrottpapieren zwingen.
Was nun, FDP? Umdenken statt Sturheit
Was nun, FDP? Lernen, sage ich. Auf die sich verändernde Umwelt reagieren. Wir müssen uns dringend für neues Denken öffnen – dazu gehören auch die Regulierung der Finanzmärkte – die gerechte Steuerlastverteilung in der Gesellschaft und die Anerkennung von Risiko-Verteilung in der Gemeinschaft. Zu einem modernen Liberalismus gehört eben beides: Individiuelle Freiheit und gesellschaftliche Solidarität. Das übrigens war, vor Lambsdorff und Westerwelle, Realpolitik der FDP seit Jahren.
Es tut gut, wieder die Freiburger Thesen zu lesen – auch die FDP war im Denken schon mal weiter als sie gegenwärtig scheint. Denn: Wenn wir so weiter machen wie zuletzt, bleiben wir auf Dauer einstellig. Wir können weiter libertär werden – und dabei in Richtung Fünfprozentpartei schrumpfen. Für libertär-republikanische Träumereien gibt es in Deutschland wenig Raum – zu weit links ist mittlerweile die Mitte der Republik.
Wir müssen zurück zum Kurs “Politik für die Mitte” – die Mittelschicht und den Mittelstand. Wir müssen weg vom Image der Besserverdiener-Partei – hin zur echten Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk. (Lincoln) Der Liberalismus ist weit mehr als der freie Markt. Das gilt es zu kommunizieren.
Es muss ein echter Ruck durch die Koalition in Berlin gehen – sonst gehen auch die nächsten Landtagswahlen verloren. Die linke Protestmehrheit manifestiert sich indessen weiter. Schon rechnen die anderen auch in Baden-Württemberg neu: 25+20+5 ist auch hierzulande 50. Und die Zahlen sind leider auch realistisch. (SPD+Grüne+Linke im Land)
25% + 20% + 5% = 50% gilt auch in Baden-Württemberg
“Handeln ist die Seele der Welt”, sagt Jakob Lenz. Das sollte auch für die Bundesregierung in den nächsten Monaten gelten. Ansonsten droht der endgültige Rutsch in die sozialistische Öko-Volks-Republik. Oder schlimmer noch: Der Euro crasht und Chaos herrscht, weil die Politik bei der Regulierung der Finanzmärkte komplett versagt hat.
Auch wenn es manchem in der FDP weh tut: Märkte versagen. Sie müssen reguliert werden. Kapitalakkumulation ist wesentlich für den freien Markt – und muss zur Verhinderung von Machtkonzentration beschränkt werden. Supranationale Institutionen müssen gegründet werden – mitsamt einer neuen Ethik für das Finanzwesen.
Mit der Obama-Regierung im weißen Haus ist das zu machen. Wenn endlich mal regiert wird, in Berlin.
*(Augustinus: “Monster sind Teil des Menschengeschlechts”)
Street View ist erst der Anfang
Was die neuen Mashup-Technologien können, zeigt folgendes Video:
Da bleibt nur zu hoffen, das Frau Aigner nicht mehr im Amt ist, wenn diese Technik bei uns ankommt.
Allez les bleus, ähhh… blondes
Was den Profi-Fußballern um Franck Ribery in Frankreich zum Verhängnis geworden ist, lässt sich gerade in einem Youtube-Video begutachten (die blonde Zahia D.):
Dazu fällt mir nur Schiller ein:
“Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig sein.…
Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Aber auch unser Württemberger Heimatdichter Friedrich Hölderlin findet ein passendes Wort:
Es ist erfreulich, wenn Gleiches sich zu Gleichem gesellt, aber es ist göttlich, wenn ein großer Mensch die kleineren zu sich aufzieht.
Hintergrund: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/vermischtes/art4304,454267,F
Über die Doppelmoral von so genannten “Vorbildern” will ich hier nicht reden – genauso wenig wie über den Zusammenhang zwischen Ballspielen und Intelligenz. Schließlich zählen die o.g. Herren zu den von der Gesellschaft am höchsten anerkannten Persönlichkeiten, die der Allgemeinheit erheblichen Nutzen bringen – oder suggeriert deren Gehalt etwa anderes?
Panem et circenses – Brot und Spiele. Schon der römische Dichter Juvenal kritisierte die Massen und deren Hang zur Unterhaltung in seiner Satire. Genau da sind wir angekommen – in der wahren Dekadenz.
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.
Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.