Wir brauchen eine Bildungsrevolution. Jetzt.

spiegel.de

UPDATE 15.6.10 Spiegel: Bildungsverlierer: Ungelernt und chancenlos Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Alle Welt – und vor allem die Politik in ihren Sonntagsreden – redet von der Wichtigkeit der Bildung für unsere Zukunft. Derweil hängt Deutschland Jahrzehnte hinter den aktuellen schulischen Entwicklungen zurück – und produziert einen Haufen Schulabgänger, die weder für den Arbeitsmarkt tauglich sind, noch die Qualifikationen besitzen, sich jemals aus der gesellschaftlichen Unterschicht zu befreien.

Schlimmer noch – allen politischen Beteuerungen zum trotz wird schon wieder an den armen Menschen gespart – und an der Bildung ihrer Kinder gestrichen. Das ist ein Skandal.

Dreißig Jahre Reformstau sind bittere Realität für deutsche Eltern – und jeder, der das G8-Gemurkse mitmachen muss – sei es als Schüler oder als Elternteil – wird mir zustimmen, wir sind nicht nur von gestern. Wir sind teilweise von Vorvorgestern.

Was in der modernen Welt diskutiert wird – in Finnland führen sie gerade das Schulfach “Drama” ab Klasse 1 ein, das Fach “Gesundheit” gibt es schon – zeigt folgendes Video.

Mehr Info hier.

Das heißt: Die moderne, auf die sich ändernde Umwelt reagierende Welt verwirft jetzt schon die 30 Jahre alten Reformen, die wir noch gar nicht begonnen haben! Während wir mit den notwendigen Bildungs-Strukturreformen nicht fertig werden, beginnt die fortschrittliche Schule schon die nächste, inhaltliche Stufe.

Wenn sie mich fragen, würde ich als Vater einer heute 13jährigen Gymnasiastin keine Kinder mehr in diesen Staat setzen – zu oft wurde uns Reform versprochen und zu oft hat die Bildungspolitik versagt. Zu oft stand ich als Alleinerzieher vor nicht existenten Betreuungsangeboten und zu oft wurde ich wegen meines Kindes diskriminiert. Und letztendlich werden die Chancen für die Kinder in diesem Land von verantwortungslosen Politikern gemindert, die zwar Renten garantieren aber Schulen nicht bezahlen. Wer keine Kinder hat, sollte keine Bildungspolitik machen. Und wer nie arm war, keine Sozialpolitik.

Wer heute seinen Kindern die Bildung nicht bezahlt, muss sich nicht wundern, wenn seine Kinder ihm morgen die Rente nicht bezahlen können. Oder wollen.

Ich mag die Sonntagsreden der CDU-Granden nicht mehr hören. Seit Jahren wird der Regierung von der OECD gesagt, dass sie in der Bildung mehr tun muss. Und nichts passiert – außer einem unsinnigen Etikettenschwindel bei den Hauptschulen. Derweil verschimmeln die Wände in den Gymnasien und immer mehr Unterricht fällt aus.

Bildungspolitik in Baden-Württemberg? Mangelhaft.

Schon jetzt beginnt der Fachkräftemangel in den Unternehmen im Land, es gibt schon zu wenig taugliche Bewerber für Lehrstellen, schon jetzt gibt es Massen von Schulabbrechern und Hauptschülern, denen eine Hartz4-Karriere bevorsteht. Und was tun wir? Sparen! Was wir an Kindern und Jugendlichen jetzt sparen, zahlen wir später in Folgekosten zigfach! Wir produzieren weiteres Präkariat – mit all seinen Folgen: Armut, Krankheit, Verantwortungslosigkeit, Kriminalität, Hoffnungslosigkeit.

Nicht gebildet sein verletzt die Würde des Menschen. Erst durch Bildung, durch das staatlich garantierte Erlernen von zeitgemäßen Kulturtechniken, werden wir autonome Subjekte, die zu Freiheit und Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber fähig sind.

Schauen sie sich doch mal z.B. Stuttgart-Untertürkheim an: 25% Hartz4-Quote im Ortskern, kaum noch deutsche Kinder, leere Läden, Dreck, Belästigungen, Alkohol, Drogen. So kann die Zukunft nicht aussehen. Unsere Lebenswirklichkeit hat sich in den letzten zehn Jahren signifikant verschlechtert. Irgendwann kriecht diese Wirklichkeit aus dem Ghetto auch in die Halbhöhenlagen. Doch dann ist es zu spät.

Wir brauchen einen Wertewandel – die Separation der Milieus ist geschuldet einer Egoistengesellschaft, gekennzeichntet durch Staatsversagen, manifestiert im Zwang zur kommerziellen Nachhilfe-Industrie. Das fördert wenige und verletzt viele. Dabei ist die Lösung recht einfach: Ausgleich statt Konkurrenz, Miteinander statt Gegeneinander, Zusammenarbeit statt Einzelkämpfertum. Die gelernten Werte, in Schule und Familie, werden später in Organisationen projiziert. Das erklärt vieles von der gegenwärtigen Krise im Land, die nur vordergründig eine wirtschaftliche ist. In Wirklichkeit ist die Krise eine geistige, eine moralische, eine ethische. Sie ist Folge eines geopferten Gewissens zugunsten eines übersteigerten Narzissmus. Eine Horde von Egoisten macht eben noch keine echte Gesellschaft. Das sollten sich all unsere libertären Freunde hinter die Ohren schreiben.

Was wir bräuchten wären neue, in die Zeit passende Lehrpläne. Neue, kreative Fächer. Wir müssen weg von der Auswendig-Lern-Gesellschaft hin zur Informations-Verwertungs-Gesellschaft. Wir müssen die Schwachen und die Fremden integrieren und nicht separieren. Das ist die Zukunft, ob wir sie wollen oder nicht! Die Welt wartet nicht auf Baden-Württemberg! Die Welt wartet auch nicht auf Deutschland. Ob sie auf Europa wartet, zeigt sich in der aktuellen Krise erst noch. Wahrscheinlich eher nicht.

Ich sehe in den Verantwortlichen der Bildungspolitik in Baden-Württemberg nur altmodische Besitzstandswahrer, an denen die gesellschaftliche Realität vorbeigegangen ist – und an denen die wirtschaftliche Realität gerade vorbei zieht.

Das ist schade für unser in diesen Tagen ach so schönes Land. Und es wird sich bitter rächen – denn auch der Zustrom von jungen Frauen aus dem Osten, von dem die Region Stuttgart seit Jahren profitiert, nimmt langsam sein Ende – das Land jenseits des Limes ist mittlerweile leergesaugt.

Die gegenwärtige Bildungsmisere wird unser Wachstum und unseren Wohlstand auf Jahrzehnte beeinträchtigen – und die Lage ist weder mit weiterer Migration noch mit Reförmchen zu retten. Denn: Selbst wenn wir sofort unsere Schulen von Grund auf modernisierten, träte der Effekt erst in 15 Jahren ein.

Also quälen wir uns durch das System, mein Kind und ich. Lernen Unsinniges, Veraltetes und Überflüssiges. Und träumen von finnischen Schulen. Was für ein Drama.

Türkische Gymnasien, warum eigentlich nicht?

Die Bildungsstagnation bzw. Dequalifikation der deutschen Erwerbsbevölkerung steht in krassem Widerspruch zu den steigenden Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft. Damit droht  Deutschland einen traditionellen Standortvorteil im internationalen Wettbewerb zu verlieren. Ohne eine bildungspolitische Kehrtwende sind angesichts von technischem Fortschritt und fortschreitender Globalisierung negative Folgen für Wohlstand und Arbeitsmarkt absehbar.  http://www.iwg-bonn.de/fileadmin/user_upload/pdf/11_Bildungsniveau_04-2007.pdf

Der türkische Ministerpräsident forderte jüngst die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland. Wenn man die reaktionär-islamistische Argumentation Herrn Erdogans kennt – ist dieser Vorschlag, so wie er ihn verwirklicht sehen will, grundweg abzulehnen.

Aber: Es spricht meines Erachtens gar nichts dagegen, fremdsprachige Gymnasien unter deutschen, säkularen Lehrplänen mit fremdsprachigen, deutschen(!) Lehrkräften und nicht-religiösen Trägern einzurichten. Denn: Tatsache ist, dass das deutsche Bildungssystem bei Migrantenkindern komplett versagt – die Quoten der Abbrecher sind enorm und die der Abiturienten und Studierenden horrend gering.

Mal ehrlich: Ein türkisches Abitur ist allemal besser als gar keins. Und es ist nicht im Geringsten abzusehen, dass mit diesen CDU-Ministern bald ein Systemwechsel im Bildungswesen gelingt, der eine akzeptable Ausbildung der benachteiligten Kinder mit Migrationshintergrund ermöglichte. Selbst meine eigenen Parteifreunde sind da nicht sehr progressiv, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Dazu kommt, dass sich immer mehr Kinder der dritten und vierten Einwanderergeneration in der sog. Zweisprachenfalle befinden – die Eltern können kein richtiges Türkisch mehr – aber auch kein richtiges Deutsch – und so lernen die Kinder weder die eine noch die andere Sprache richtig. (Dasselbe Symptom wurde in den 70ern bei einer halben Million Finnen beobachtet, die nach Schweden ausgewandert waren.)

Ich habe meinen mittleren Schulabschluss in Finnisch gemacht – und es hat mir weiß Gott nicht geschadet. Im Gegenteil. Durch die zweite Muttersprache habe ich ein zweites Denkmodell geschenkt bekommen, meinen geistigen Horizont erweitern können und kann umso besser jetzt neue Fremdsprachen lernen. Natürlich war es schwer, als Kind eine neue Sprache richtig(!) lernen zu müssen – es mache sich keiner die Hoffnung, Deutschtürken würden auf Türkisch einfacher lernen können – eher das Gegenteil ist der Fall. Denn: alles muss in beiden Sprachen fehlerfrei(!) gelernt werden. Also doppelt.

Aber eigentlich sollten wir türkische Gymnasien haben – genauso wie italienische, griechische, amerikanische, russische und afrikanische auch. Denn unsere Zukunft ist global – unsere Bevölkerung wird vielschichtiger und wir brauchen genau diese Internationalität, um nicht in einer falschen Deutschtümelei-Romantik langsam aber sicher unterzugehen.

PS. Meine Tochter wächst, obwohl kaum jemals in Finnland gewesen, zweisprachig auf. Und auch mit “nur heimischem” Input, kann sie sich im Alltag verständigen, Zeitung lesen oder einkaufen. Es geht, wenn man nur will.

Hohenheimer Rektor befürwortet verfasste Studentenschaft

An der Uni Hohenheim befürwortet der Rektor die LHG-Forderung (eingebracht auch als LHG-Antrag auf dem FDP-Landesparteitag am 5.1.10) zu mehr studentischer Mitbestimmung. Aus den Uni-Newsletter:

Im dpa- und SWR-Interview: Rektor befürwortet verfasste Studentenschaft [22.02.10]

Eine Reaktion auf die Bildungsstreiks? Gleich zwei Mal forderte Hans-Peter Liebig in den Medien mehr politisches Gewicht für Studierende an baden-württembergischen Hochschulen. In der vergangenen Woche äußerte er sich gegenüber der dpa und am Samstag im SWR. Im Kern plädiert Liebig dafür, selbstständige Studentenvertretungen einzuführen und diesen Vorschlag bei der nächsten Hochschulrektorenkonferenz einzubringen.

Wissenschaft: Liberale sind intelligenter?

Irgendwie hab ich es immer schon geahnt  – wissenschaftlich bestätigt war früher schon der Zusammenhang zwischen Nachteulen und Intelligenz – jetzt kommt neu hinzu auch noch die politische Einstellung. Danach bestätigt sich die Alltagsvermutung: Rechte sind dümmer als Liberale und religiöse Eiferer sind einfältiger als Atheisten.

Intelligente Menschen sind eher Atheisten und gehen nachts später schlafen, Florian Rötzer 25.02.2010

Nach einem Evolutionspsychologen können die intelligenteren Menschen besser mit evolutionär Neuartigem umgehen

Religiös oder auch konservativ zu sein, zeugt nicht von hoher Intelligenz. Schon vor zwei Jahren hatte eine Studie herausgefunden, dass mit steigender Intelligenz der Menschen der religiöse Glauben sinkt. Länder mit einem hohen Anteil an gläubigen Menschen sollen, so eine soziologische Studie, seien sozial dysfunktionaler als solche mit eine weniger religiösen Bevölkerung (Sind religiöse Gesellschaften “besser”?).

Nach dem Evolutionspsychologen Satoshi Kanazawa von der London School of Economics and Political Science sind intelligente Menschen gemeinhin auf Werte und Vorlieben orientiert, die in der Evolutionsgeschichte des Menschen neu sind. Auch Religionen sind einmal neu gewesen, nun aber sollen die intelligenteren Zeitgenossen eher mit den Folgen der Aufklärung, also mit Atheismus und Liberalismus, kokettieren. Bei Männern – aber nicht bei den Frauen – soll hingegen die Vorliebe für sexuelle Exklusivität ein Zeichen höherer Intelligenz sein.

Kanazawa schreibt in seiner Studie, die der Zeitschrift Social Psychology Quarterly vorab online veröffentlicht wurde, dass evolutionär neue Vorlieben und Werte solche sind, die nicht schon biologisch angelegt sind und sich von solchen unterscheiden, die schon seit Millionen von Jahren durch die Evolution verändert wurden, weswegen sie evolutionär vertraut sind.

In einer früheren Studie will der Evolutionspsychologe schon herausgefunden haben, dass intelligentere Menschen länger nachts aufbleiben, aber dafür länger schlafen und später aufstehen als die weniger intelligenten. Woraus sich vielleicht eher der Schluss ziehen lassen könnte, dass sie kraft ihrer Intelligenz vielleicht eher Tätigkeiten gefunden haben, die eine solche Lebensweise begünstigen. Kanazawa führt dies aber darauf zurück, dass unsere Vorfahren schließlich noch kein künstliches Licht hatten, weswegen die Nacht als weitgehend ausfiel. Daher seien die Menschen kurz nach dem Dunkelwerden schlafen gegangen und mit dem Morgengrauen aufgestanden. Evolutionär neu sei hingegen, wenn man gerne lange in der Nacht aufbleibt und dafür eher die Tageszeit verkürzt.

Jetzt argumentiert Kanazawa, dass die Menschen von der Evolution bislang eher konservativ ausgerichtet seien und sich vornehmlich um ihre Familie und Freunde, also die alte Sippe und Horde, kümmern, während die Liberalen, eher verstanden als die Fortschrittlichen gegenüber den Konservativen, weniger als Wirtschaftsliberale des Typs FDP, sich auch um eine unbegrenzte Zahl von genetisch nicht verwandten Fremden kümmern würden, mit denen sie nie etwas zu tun hatten. Das sei evolutionär neu, daher würden intelligentere Kinder heute in Richtung dieser Art des Liberalismus gehen.

Eine Langzeitstudie soll die These unterstützen. Junge Erwachsene, die sich als “sehr liberal” bezeichneten, würden in ihrer Adoleszenz mit einem durchschnittlichen IQ von 106 deutlich besser abschneiden als diejenigen, die sich als “sehr konservativ” bezeichnen und nur einen IQ von 95 erzielen. Jugendliche, die sich als überhaupt nicht religiös bezeichnen, sind mit einem IQ von 103 ebenfalls intelligenter als solche, die sich für sehr religiös halten (IQ 97). Allerdings könnte man hier einwenden, dass Menschen in ihrer Jugend für gewöhnlich eher liberaler sind und mit zunehmendem Alter sich stärker dem konservativen Lager zuwenden. Eine britische Umfrage unter Studenten will freilich gerade festgestellt haben, dass diese erstaunlich konservativ seien.

Religion, die ja auch immer als Stütze und Halt für die Schwachen ausgegeben wird, ist für den Evolutionspsychologen ein Ausdruck der Paranoia, die eine evolutionär geprägte Eigenschaft des Menschen sei. Gott entspricht einer paranoiden Weltanschauung, weil hier nicht nur eine Totalüberwachung stattfinden, sondern hinter allen natürlichen Phänomen das Wirken eines Gottes vermutet wird, der dann auch Big Brother genannt werden könnte. Die paranoide Grundeinstellung haben den Menschen gedient, als Selbsterhaltung und Schutz der Familien und Clans noch eine allgegenwärtige Aufmerksamkeit auf Gefahren notwendig machte. Jetzt würden die intelligenteren Kinder eher Atheisten werden.

Warum aber sollen die intelligenteren Männer nicht mehr polygam sein, also gerne mal versuchen, sexuelle Beziehungen mit mehreren Frauen einzugehen, was ihnen ja meist von den Evolutionspsychologen unterstellt wird? Für Kanazawa war dies auch in der Vergangenheit so, dass Männer evolutionär eher polygam und Frauen eher monogam ausgerichtet gewesen seien. Es sei schlicht evolutionär neu, wenn Männer monogam oder sexuell exklusiv sind. Daraus müsste man schließen, dass Vielweiberei, wie sie etwa in vielen islamischen Ländern geduldet oder bei den Mormonen betrieben wurde, ein Zeichen geringere Intelligenz wäre. Nach der Theorie Kanazawas sind jedenfalls die monogam ausgerichteten Männer intelligenter als die Schürzenjäger. Allerdings habe die Intelligenz nichts damit zu tun, wie man letztlich zur Heirat, zur Familie, zu Kindern und Freunden steht.

Intelligenz, so erklärt der Evolutionspsychologe, also die Möglichkeit zu denken und zu überlegen, habe es unseren Vorfahren erleichtert, mit evolutionär neuartigen Problemen umzugehen: “Als Folge ist es wahrscheinlicher, dass intelligentere Menschen eher solche neuartigen Entitäten und Situationen erkennen und verstehen als weniger intelligente Menschen. Zu den neuartigen Entitäten und Situationen gehören auch Vorlieben, Werte und Lebensstile.”

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32160/1.html

Das ist doch mal für einen (links)Liberalen, der gerne nachts arbeitet, eine Wissenschaft, die richtig Spaß macht ;-) Was die CDU allerdings zu so einer Studie sagt…

Intelligente Menschen sind eher Atheisten und gehen nachts später schlafen

Florian Rötzer 25.02.2010

Nach einem Evolutionspsychologen können die intelligenteren Menschen besser mit evolutionär Neuartigem umgehen

Religiös oder auch konservativ zu sein, zeugt nicht von hoher Intelligenz. Schon vor zwei Jahren hatte eine Studie [local] herausgefunden, dass mit steigender Intelligenz der Menschen der religiöse Glauben sinkt. Länder mit einem hohen Anteil an gläubigen Menschen sollen, so eine soziologische Studie, seien sozial dysfunktionaler als solche mit eine weniger religiösen Bevölkerung ([local] Sind religiöse Gesellschaften “besser”?).

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Nach dem Evolutionspsychologen [extern] Satoshi Kanazawa von der London School of Economics and Political Science sind intelligente Menschen gemeinhin auf Werte und Vorlieben orientiert, die in der Evolutionsgeschichte des Menschen neu sind. Auch Religionen sind einmal neu gewesen, nun aber sollen die intelligenteren Zeitgenossen eher mit den Folgen der Aufklärung, also mit Atheismus und Liberalismus, kokettieren. Bei Männern – aber nicht bei den Frauen – soll hingegen die Vorliebe für sexuelle Exklusivität ein Zeichen höherer Intelligenz sein.

Kanazawa schreibt in seiner [extern] Studie, die der Zeitschrift Social Psychology Quarterly vorab online veröffentlicht wurde, dass evolutionär neue Vorlieben und Werte solche sind, die nicht schon biologisch angelegt sind und sich von solchen unterscheiden, die schon seit Millionen von Jahren durch die Evolution verändert wurden, weswegen sie evolutionär vertraut sind.

Warum wurde Google nicht in Hohenheim erfunden?

Warum wurde Google nicht in Hohenheim erfunden? – Diese Frage stellte nicht irgendwer, sondern der Aufsichtsratsvorsitzende der HP Deutschland, Jörg Menno Harms auf einer Veranstaltung der Liberalen Hochschulgruppe Hohenheim vor ein paar Wochen. (Bericht hier). Nun, diese Frage kann ich ihm beantworten – schließlich war ich da. Als ich 1997 mit dem Studium der Kommunikationswissenschaften in Hohenheim begann, war ich voller Enthusiasmus. Computer waren seit den ersten VIC20 und 8086er PCs im elterlichen Betrieb mein Hobby. Ich brachte mir das Programmieren selbständig bei – mit Basic, Pascal und Assembler schrieb ich in den späten 80er Jahren die ersten Programme. 1994 programmierte ich meine erste Perl-Suchmaschine, weil ich meine Dateien im Netz nicht wiederfand. Google wurde 1998 gegründet. 1999 bauten wir ein soziales Netz für die Studierenden der Uni Hohenheim mit php und veröffentlichten eine Print- und online Studierendenzeitung.

An der Universität Hohenheim konnte Google nicht erfunden werden. Es gab seitens der Universität keinerlei Interesse an studentischen Aktivitäten. In den Rechnerräumen wurde zeitweilig das Programmieren verboten – angeblich aus Sicherheitsgründen. Chatten hingegen war erlaubt. Wir hatten keinen Zugang zu Servern und mit den damaligen PCs war das Entwickeln von komplexer Software nahezu unmöglich. Geld für schnelle Rechner hatten wir keins. Und von der Uni gab es keins.

Dennoch hatten wir irgendwie bald unseren Commnity-Code zusammen – und stellten es der Fachschaft der Studierenden vor. Die Resonanz war mehr als bescheiden – wir wurden schlicht ausgelacht. „Braucht doch niemand“, „wer soll das nutzen“ waren die Argumente der Studenten(!) bezüglich eines sozialen online-Netzes an der Uni. Zur gleichen Zeit entwickelte Marc Zuckerberg Facebook. Und der ist heute Milliardär.

Doch es kommt noch schlimmer. Ein Kommilitone von mir schaffte es gegen alle Widerstände, eine marktfähige Online-Befragungssoftware zu entwickeln und diese am Markt zu platzieren. Er nahm an Wettbewerben teil, entwickelte Businessmodelle. Er wurde regelmäßig abgeschmettert. Dabei hat er die beste Software am Markt. Nur: Unterstützung seitens der Uni, des Landes oder gar Risikokapital gab es nicht. Und so dümpelt die Software weiterhin als Einmannbetrieb dahin. Mit entsprechender Infrastruktur wäre sie heute ein Global Player. Doch das scheint gänzlich unerwünscht zu sein. Auch hier gilt in Deutschland der Nachname mehr als die Idee.

Es zeigen sich zwei Problemkreise. Erstens: Die deutsche Universität mit ihrem sturen Beamtentum ist innovationsfeindlich. Die dort ansässige Belegschaft ist nicht fit für den schnelllebigen IT-Bereich. Sie verharrt in alten, bürokratischen Strukturen und unterstützt zu wenig studentische Initiativen. Mit der Verschulung durch den Bachelor hat sich die Politik ein weiteres Kuckucksei ins Nest gelegt – denn anstelle den jungen Leuten das zu geben, was sie zum Entwickeln von neuen Ideen brauchen, nämlich Freiheit, Unterstützung und Ressourcen, werden sie in überladene Lehrpläne gequetscht. Und somit wird die Innovationskraft weiter abgesenkt.

Was aber viel schlimmer ist, ist das Problem der jungen Leute in ihren Köpfen selbst. Gerade im Wirtschafts- und IT-Bereich ist das vornehmliche Studienziel ein Vorstandsposten einer AG. Was wir aber brauchen sind junge Leute, die an Ideen arbeiten und ihr Herzblut in die Produkte stecken. Auch hier ist die spätrömische Dekandenz zu spüren: Jeder will das Geld verwalten, aber keiner will es erwirtschaften. Jeder denkt ans Controlling aber keiner an die F/E. Die Folge: Die Innovationskraft der deutschen Unternehmen sinkt und neue Trends werden immer nur nachgemacht und nur akzeptiert, wenn sie aus den USA kommen.

Google konnte nicht in Hohenheim erfunden werden, weil uns die komplette gedankliche und finanzielle Infrastruktur zur erfolgreichen IT-Gründung fehlt. Was wir brauchen, sind neue Lehrstühle mit jungen Professoren, mehr Freiheit in der Mittelverwendung, konsequente Förderung der Studierenden und Risikokapital aus der Wirtschaft. Das haben wir nicht und werden es wohl auch nicht mehr bekommen.

Deshalb kann ich jungen ITlern nur raten, in die USA, nach Kanada, Australien oder sogar nach Indien oder China zu gehen. Dort haben sie definitiv mehr Chancen, ihre Projekte zu verwirklichen als bei uns. Man muss kein Guru sein, um vorherzusagen, dass aus Deutschland in den nächsten Jahrzehnten keine entscheidenden Innovationen kommen werden. Übrigens: Der Nokia-Boom in Finnland war konsequente Folge einer Bildungsreform und ÖFFNUNG der Universitäten in den 70er(!) Jahren. Die Generation, die damals in den reformierten Schulen gelernt hat, hat in den 90ern die Handys entwickelt. Deutschland hat diese Reformen bis heute nicht gemacht. Also wird es auch in den nächsten 20-30 Jahren keine Innovationskraft mehr haben. Selbst wenn wir jetzt anfangen, wird es eine ganze Generation dauern, bis sich die Wirkung zeigt.

In Hohenheim konnte auch kein Amazon erfunden werden, kein Twitter, kein Myspace oder YouTube. Wir haben als Gesellschaft den Innovationszyklus der IT-Industrie nicht verstanden. Dass Ideen aus einer neuen Kultur des lockeren Schaffens kommen, in der Hierarchie, Statusdenken oder materielles Protzen keinen Stellenwert mehr haben – in der sich Unternehmer und Mitarbeiter duzen und in der ein erfolgreicher Mitarbeiter auch mal mehr verdienen kann als sein Chef. Und: In der alle Neugründungen nur mit Risikokapital in Millionenhöhe funktionieren.

Das alles leistet unsere Gesellschaft nicht. Wir beschäftigen uns mit Hartz4-Debatten, obwohl wir alle Kraft und Energie in Zukunftsdenken stecken sollten. Wir nivellieren uns immer weiter nach unten. Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie. Und Innovation ist zu 80% Enthusiasmus. Glauben an eigene Träume und verwirklichen derselben. Unser gegenwärtiges Bildungssystem tötet Enthusiasmus ab und opfert die Träume junger Menschen zugunsten einer unbezahlbaren Rentenversicherung. Und niemand in der Politik tut etwas dagegen. Im Gegenteil: Menschen, die von IT keine Ahnung haben, erlassen unsinnige Gesetze und wettern gegen Google oder Amazon. Typisch deutsch: Kritisieren aber nichts Eigenes dagegen setzen können. Außer Zensur und eine widersinnige Abmahnindustrie.

Wir fallen zurück – nicht nur im Einkommen – auch in der Innovationskraft, in der Dienstleistung, in der Vernetzung. Deutschland ist wegen des Telekom-Monopols Schlusslicht bei der neuen Glasfasertechnologie FTTH oder bei der Einführung des neuen Breitband-Mobilfunks LTE. Konsequenz: Auch die Anwendungen, die auf diesen neuen Netzen laufen und dann später Börsenwert und Umsatz generieren, werden nicht in Hohenheim erfunden, sondern in Seoul, Tokio, Seattle, Stockholm oder Helsinki.

“Land der Hilfsarbeiter”
Polen werde schon in 20 Jahren wirtschaftlich besser dastehen als Deutschland, lautet die These des CEPS-Leiters Daniel Gros, die er in dem Buch “Nachkrisenzeit” gemeinsam mit der Journalistin Sonja Sagmeister aufgestellt hat. Der Aufholprozess gehe in den neuen EU-Ländern Osteuropas deutlich schneller voran. “Deutschland ist alt, satt und behäbig geworden.” Die Deutschen seien selbst in der Krise nicht gezwungen gewesen, radikal umzudenken. Laut Studie gibt es im deutschen Bildungssektor zu viele Schulabbrecher und zu wenige Uni-Absolventen. Das werde Deutschland in der nächsten Generation “zum Land der Hilfsarbeiter” machen, sagte Gros. Verknüpfe man die Akademikerquote mit den Resultaten der Pisa-Studie, liege Warschau vor Berlin.
Zu wenig Investitionen in Bildung
Fast nirgendwo in Europa seien so wenige Arbeitskräfte in Kindergärten, Schulen und Universitäten beschäftigt wie in Deutschland. Mit einer Quote von sechs Prozent liege Deutschland weit hinter Großbritannien mit neun und Polen mit sieben Prozent. Jeder fünfte Jugendliche komme nicht über das Hauptschulniveau hinaus.

http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/14/0,3672,8039726,00.html

Jörg Menno Harms hat recht, wenn er eine neue Innovationskultur fordert. Doch als HP war er an der Uni nicht präsent. Da sieht man mal wieder die Lücke zwischen deutschem Anspruch und der Wirklichkeit.

Ebook in USA der Renner – Deutschland schläft

UPDATE 17.11.2009 Die Süddeutsche zum Thema Google Books: “Google schränkt sich beim Einscannen von Büchern aus Europa ein. Das birgt für deutsche Verlage die Gefahr, die Digitalisierung weiter zu verschlafen.”

[...]Der Erfolg für die deutschen Verlage und andere Rechteinhaber birgt auch die Gefahr dauerhafter Rückständigkeit. Denn Google ist – so sehr dies hinsichtlich der Monopolgefahr bedenklich stimmen mag – eine der treibenden Kräfte, die die Welt ins digitale Zeitalter bewegen. Kulturgüter, die bei diesem Prozess nicht mitgenommen werden, laufen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert bekanntlich die “Schaffung einer Deutschen Digitalen Bibliothek.” Das klingt sinnvoll. Wer aber die bestehenden Projekte aus deutscher Hand im Netz kennt, zweifelt am Erfolg eines solchen Modells.

Deutlich wird dies am Projekt Libreka des Börsenvereins, das oft zum Google-Books-Konkurrenten ernannt wurde. Die Webseite ist aber nichts als eine schlichte Plattform für den Buchverkauf, auf der man in ein paar digitalisierten Buchseiten blättern kann.

Die gepriesene Volltext-Suche, mit der man gelistete Bücher durchsuchen kann, funktioniert zwar, bleibt aber aufgrund der begrenzten Funktion des Angebotes sinnfrei. Was hat der Suchende davon, zu wissen, dass Mephisto zwar in Goethes “Faust” zu finden ist, solange er den eigentlichen Treffer seiner Suche nicht sehen kann, weil Libreka von “Faust” nur das Vorspiel auf dem Theater bereit hält.

So klaffen noch weite Qualitätsgräben zwischen Google und den selbsternannten Konkurrenten.

http://www.sueddeutsche.de/,ra12m1/computer/307/494641/text/

Was lese ich gerade im Ticker?

Seattle – Der weltgrößte Online-Einzelhändler Amazon.com hat in der Wirtschaftskrise ein weiteres Mal Gewinn und Umsatz kräftig gesteigert. Ein Grund: Amazons Lesegerät für elektronische Bücher “Kindle” war zuletzt der bestverkaufte Artikel des US- Konzerns. Mit seinen Zahlen für das dritte Quartal und den Aussichten für das Weihnachtsgeschäft übertraf Amazon die Erwartungen der Analysten klar. Der Überschuss stieg in den letzten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahresquartal um 68 Prozent auf 199 Millionen Dollar.

Das zeigt (mal wieder), wie die deutsche Innovationsfeindlichkeit uns international immer weiter zurückfallen lässt. (siehe auch hier). Während bei uns Katalog-Versender mit 50 Mio. Staatsgelder in die Pleite geschickt werden, während die Kanzlerin überkommene Urheberrechte gegen Google “verteidigt”, während eine ganz Buchmesse noch über Sinn oder Unsinn von Ebooks laboriert, MACHEN ANDERE LÄNGST UMSATZ!

Wann endlich verstehen wir, dass die Uhren im Jahr 2009 anders ticken als 1985? Mit einem nicht vorhandenen Verständnis für die digitale Wirtschaft oder die Internet-Technologie, mit dem Abmahn-Wahn als ABM für gescheiterte Rechtsanwälte (siehe #abmahnwahn auf Twitter) und mit einer Totalverwirrung in Sachen Internetrecht verjagen wir die digitale Wertschöpfung ins Ausland.

Als mein Kommilitone seine Diplomarbeit über Ebooks in 2005(!) schrieb (Link hier), wurde er von Teilen der Akademia dafür belächelt. Niemand soll behaupten, wir hätten keinen Zugang zum notwendigen Wissen gehabt! Nur: in  unserer Universitätswelt und in der deutschen empirischen Sozialforschung war und ist Trendsetten UNERWÜNSCHT. Da herrschen Mittelmaß, Nachbeten und Anpassung. Von wegen Elite.

Niemand wollte vor fünf Jahren etwas über Ebooks wissen, keine Industrie war bereit, in die Technik zu investieren. Die strukturell veralteten deutschen Verlage pochen auf Vergangenes wie Buchpreisbindungen und verlangen jetzt auch noch Sonderrechte für sich selbst im Netz. Die Folge:

Immer mehr deutsche Unternehmen verlieren Marktanteile an US-Firmen, siehe Amazon oder Google. Danach schreien sie nach gesetzlichem Schutz vom Staat, anstelle kreativ und innovativ am Markt teilzunehmen. Der Schutz von Rechten heißt aber nicht Schutz vor WETTBEWERB! Das genau ist es, was die eingeschlafene deutsche Verlagswirtschaft vom Gesetzgeber fordert. Als Liberaler muss ich dazu sagen: NEIN!

Die digitale Wirtschaft in Deutschland scheitert immer wieder an reformbedürftigen Gesetzen, die die ganze Branche lähmen. (so verliert z.B. Ebay erheblich Kunden und streicht Stellen in Deutschland wg. Abmahnungen und zunehmender Rechtsunsicherheit) Das muss sich dringend ändern – mehr Freiheit, mehr Wettbewerb und mehr Technikfreundlichkeit sind die Gebote der Stunde. Weg mit den unnötigen Subventionen und Finger weg von Sonderrechten für das Establishment!

Wer aus dem Fall Quelle immer noch nichts gelernt hat, wird am Ende zugrunde gehen (müssen). Letztendlich zu Lasten der gesamten Gesellschaft. Wer moderne Technologien verleugnet, nicht versteht und noch nicht einmal vestehen WILL, hat in der globalen Konkurrenz nichts mehr zu suchen.

Durch die Technikfeindlichkeit wird Deutschland von internationalen Trends abgehängt und verliert sich im kleinkarierten Vorschrifts-Verbots-Sumpf.

Das Ebook ist da. Und das ist gut so. Denn die Welt wird in Zukunft elektronisch lesen – ob die deutschen Verleger nun wollen oder nicht.

PS. Ich selbst habe schon vor fünf Jahren ein Referat im Fach Verlagswirtschaft über das Thema “XML als Datenaustauschformat im Verlagswesen” an der Universität gehalten. Und? “Zukunftsmusik”, hieß es*. Jetzt wären sie froh, sie hätten es damals kapiert. Bis heute existiert kein solches Austauschsystem. Traurig. Siehe dazu auch:

Um ein Buch auf den Lesegeräten darzustellen, müsse der Text im Format XML vorliegen, was aber zumeist nicht der Fall sei. Machert: “Die Übertragung eines Manuskripts in XML kostet Geld. Dieses Geld ist aber gut investiert, da XML die beste Grundlage für weitere Verwertungsschienen ist.” http://www.n-tv.de/technik/unterhaltung/E-Book-wird-boomen-article543299.html

Wissen sie, was mich am meisten dabei ankotzt? Dass Ideen nur deshalb in Deutschland abgelehnt werden, weil sie von einem “minderwertigen” Studenten, Doktoranden oder Mitarbeiter kommen. Anstelle auf die Sache zu schauen, schaut man auf den (oftmals erschlichenen) Status des Vortragenden! Eine solche Gesellschaft verpasst viele ihrer Chancen und wird nie wieder innovativ werden. Sie ist dekadent.

Wer Innovation will, muss erst mal Zuhören lernen! Und das bitte mit dem notwendigen Respekt vor dem Hirnschmalz jedes Einzelnen. In den Köpfen der jungen Leute ist die Zukunft. Und nicht im Geldköfferchen der Graumelierten.

Als philosophisch Interessierter könnte man auch sagen:

Im Kapital akkumuliert sich die Zukunft von gestern.

Aber das ist eine andere Debatte…

(Erweitert hieße der Satz wohl: “Im Kapital akkumulieren sich die Zukunft von gestern, die Hoffnung von heute und die Wirklichkeit von morgen.” Auch nicht schlecht. ;-) )

(*Der Lehrbeauftragte war an leitender Stelle im Börsenverein des deutschen Buchhandels tätig.)

Die Lüge vom Master für alle

Immer hieß es, die Bologna-Reform des Studiums (Bachelor/Master) in Deutschland werde das Niveau der universitären Ausbildung nicht senken. Nun stellt sich aber genau das heraus, was Studentenvertreter immer schon befürchtet hatten: Systematisch treiben die Bundesländer mit knappen Kassen die Universitäten in eine de facto Master-Quote, im krassen Gegensatz zu allen blumigen Versprechungen von Wissenschaftsminister Frankenberg.

Es ist eben nicht so, dass in Zukunft jeder Bachelor-Absolvent einen Master machen kann. Vielmehr wird die einstmals 9-10 semestrige Regelausbildung an den Universitäten zum 6-semestrigen Bachelor gekürzt. Somit wir das Niveau der deutschen Akademiker durchweg gesenkt.

Der Masterstudiengang wird in Zukunft kostenpflichtig, elitär und mit undurchsichtigen Auswahlverfahren versehen sein. (siehe Artikel unten). Somit wird die Gesellschaftliche Spaltung weiter gefördert und eine “Arbeiterklasse von Akademikern” geschaffen, die schlechter bezahlt wird und kaum mehr von dubiosen “Dualhochschulabgängern” oder möchtegern “Universities” (FH’s) zu unterscheiden ist.

So hat die völlig falsche Bildungspolitik in diesem Lande amerikanische Verhältnisse geschaffen und ein weiteres Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Schichten produziert. Anstatt Bildung und Wohlstand für alle gibt es jetzt Kungelrunden und gekaufte Titel für wenige. Wie man in Zukunft mit der Masse der minderwertig ausgebildeten Bachelors eine Gesellschaft in neue Märkte und Technologien führen will, ist mir schleierhaft.

Danke, CDU, mit eurer faulen Bildungspolitik habt ihr nun endgültig alle Errungenschaften der sozialliberalen Koalition der 70er Jahre beseitigt. Nun müsst ihr nur noch das Schulgeld wieder einführen und die Professoren in Talare stecken. Dann seit ihr genau da gelandet, von wo euch die 68er einst vertrieben haben.

Mehr zum Thema im Tagesspiegel:

…es geht um Auswahlverfahren, Kapazitäten und vor allem um knappes Geld und Personal, das zwischen dem grundständigen Bachelorstudium und dem aufbauenden Master aufgeteilt werden muss. Die Kalkulationen aber beruhen auf der Grundannahme der Reform, dass der Bachelor der neue Regelabschluss wird. In den Strukturvorgaben der Kultusminister heißt es, die Mehrzahl der Studenten wechsele mit dem Bachelor in den Beruf. Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) erklärte 2004, nur überdurchschnittliche Bachelorabsolventen mit Interesse an wissenschaftlicher Arbeit würden ein Masterstudium absolvieren. „Dieser Anteil wird aber nur gering sein“, sagte er.

Wie kann ein Minister so daneben sein:

Heute ist aber klar, dass die meisten Studierenden durchaus in den Master gehen wollen. Bei einer Eurobarometer-Umfrage im Auftrag der EU-Kommission gaben drei Viertel aller Bachelorstudenten an, sie wollten den Master anschließen. In manchen Uni-Fächern, etwa den Ingenieurwissenschaften, sind es fast alle.

Frankenberg hat es nicht begriffen: MIT EINEM BACHELOR WIRD MAN IN DEUTSCHLAND NICHT EINGESTELLT! UND WENN, DANN ZU SCHLECHTEREN KONDITIONEN!  Klar wollen die Leute daher den Master. Und weiter:

Nach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Bernhard Kempen, stecken die Hochschulen ihre Mittel bis zu 80 Prozent in den Bachelor, beim Master werde geknapst. Genauso sieht die Finanzierung des Hochschulpakts von Bund und Ländern aus, mit dem hunderttausende Studienplätze geschaffen werden: Geld bekommen die Länder für einen Studienplatz jeweils nur über vier Jahre – für den Master reicht das kaum.

Das ist aber durchaus im Sinne der Landesregierungen. Sie wollen vor allem ihre Abiturienten von der Straße bekommen. Baden-Württemberg etwa schreibt seinen Hochschulen keine Übergangsquote vor. Doch das Land legte fest, die Zahl der Studienanfängerplätze dürfe bei der Reform nicht sinken. Bei seinem Ausbauprogramm „2012“ für den erwarteten doppelten Abi-Jahrgang schafft Baden-Württemberg mit jährlich bis zu 150 Millionen Euro 16 000 neue Anfängerplätze. Masterplätze sind nicht darunter. Der doppelte Abi-Jahrgang werde diese ja frühestens 2015/2016 benötigen, heißt es.

Das ist miese Finanztrickserei der CDU-Ministerien auf Kosten der Kinder dieses Landes. Das Niveau der Bildung wird immer weiter nach unten nivelliert. Beispiel:

Der Präsident des konservativen Professorenverbandes DHV, Bernhard Kempen, sieht darin eine Schieflage: „Für Handwerksmeister werden die Zugangshürden im Bachelor-Studium fast auf Null gesenkt, gleichzeitig werden beim Master-Studium durch Noten und Quoten neue Hürden errichtet.“

In einem Land, das die HÄLFTE von dem an Akademikern produziert, wie unsere direkten Konkurrenten z.B. in Skandinavien, eine solch elitistische Politik zu betreiben, ist höchst fahrlässig und gefährdet unsere Zukunft. Nicht nur, dass wir eine riesige Masse an kompletten Bildungsversagern (Migranten, Hauptschüler, Abbrecher) haben, nun wird auch noch der akademische Nachwuchs versaut.

Wir brauchen eine Debatte frei nach Dahrendorf: Bildung ist Bürgerrecht und Bereitstellung von Bildungsressourcen ist oberste Staatspflicht. Schluss mit dem pseudo-elitären Exzellenzgehabe. Wir brauchen eine Bildungsinitiative für alle. Und nicht nur für ein paar gut situierte.

Den ganzen Artikel: “Das Mastermärchen” finden sie unter http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Bachelor-Master-Bologna-Prozess;art304,2846073