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Ich spiel mal Wünsch-Dir-Was

Na nu? Es geht ganz plötzlich wieder voran in Berlin. Wenn auch zu langsam und mit zu vielen Luftnummern regiert wird – immerhin wird wieder regiert, es geschieht immerhin etwas.

Doch Kritisieren alleine ist einfach – Alternativen aufzeigen dagegen schwer, wie all jene Journalisten erfahren müssen, die derzeit die Berliner Koalition in Grund und Boden schreiben, ohne selbst jemals auch nur einen Vorschlag gemacht zu haben, wie es besser gehen könnte.

Also spiele ich mal Wünsch-Dir-Was und stelle eine, rein subjektive, virtuelle Agenda der Bundesregierung für die nächsten Monate auf.

  • Datenschutz: Die Regierung beendet ELENA und begräbt den neuen Personalausweis und die elektronische Krankenversicherungskarte als zu teuer und vollkommen überflüssig. Google Street-View und andere Internetdienste werden explizit erlaubt und gefördert, weil die Regierung deren Bedeutung für zukünftige Wertschöpfung im digitalen Zeitalter erkannt hat.
  • Energiepolitik: Die Regierung kürzt weiter die sinnlosen Solar- und Windkraftsubventionen. Die Laufzeiten der Atomkraftwerke werden bis 2040 verlängert. Die Stromsteuer wird gesenkt. Die Ökosteuer wird abgeschafft. Die Regierung hat verstanden, dass günstige Energiepreise essentiell für unsere Wettbewerbsfähigkeit sind. Die Menschen müssen liberale Politik spüren – auch auf ihrer Stromrechnung.
  • Gesundheit: Die Regierung deckelt die KV-Beiträge auf 15% – und stellt mit radikalen Einsparungen die Finanzierung der GKV sicher. Dabei werden Selbstbeteiligungen für Risikogruppen mit selbstverantworteten Risiken (Raucher, Alkoholiker, Ski- und Motorradfahrer, Übergewichtige) eingeführt. Die Regierung erkennt, dass die Brutto-Lohnsumme als Finanzierungsinstrument der GKV an Basis verliert und bindet alle Einkommensarten in die Finanzierung der Gesundheitskosten der Bevölkerung mit ein. Die Regierung erkennt: Das Kapital muss den Menschen dienen. Nicht umgekehrt.
  • Steuern: Die Regierung streicht sofort alle(!) Steuerausnahmetatbestände und senkt dadurch aufkommensneutral den progressiven Tarif, was mehr Netto für kleine und mittlere Einkommen bringt. Die „einfachen“ Menschen spüren sofort die Erleichterung.
  • Außenpolitik: Die Regierung erkennt die Wichtigkeit und Gefährlichkeit des Nahen und Mittleren Ostens für den Weltfrieden, die deutsche Sonderstellung dort und veranstaltet eine große Nahost-Konferenz auf dem Bonner Petersberg. Als Ergebnis steht ein Annäherungs-Abkommen zwischen Israel und der Arabischen Welt analog zur Schlussakte von Helsinki. Die Regierung erkennt die Problematik der „failed states“ in Somalia, Sudan, Uganda, Jemen. Sie wirkt auf eine internationale Lösung hin – die das bisherige Modell der staatlichen Souveränität unter den universellen Schirm der proaktiv verteidigten Menschenrechte stellt.
  • Werte: Die Minister erklären öffentlich, nicht mehr in Länder zu reisen, die systematisch die Menschenrechte verletzen. Die Entwicklungszusammenarbeit mit Unrechtsregimen wird beendet.
  • Wirtschaft: Die Regierung beschließt eine europaweite Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte. Eine europäische Rating-Agentur wird als Gegenpol zu den Amerikanischen gegründet. Die Finanzaufsicht bekommt ein „scharfes Schwert“ und es werden umgehend 10.000 neue Steuerfahnder bundesweit eingestellt.
  • Bildung: Die Bundesregierung stellt die Finanzierung des Stipendienprogramms sicher, auch wenn die Wirtschaft sich verweigern sollte. In diesem Fall führt sie eine doppelt so hohe Ausbildungsabgabe für die verantwortungslosen Unternehmen ein.
  • Grundgesetz: Die Bundesregierung erkennt die Wertebasis des Grundgesetzes uneingeschränkt (z.B. Art. 14GG) an – Als Folge dieses Anerkennens werden Managerhaftung, Wettbewerbsregeln und Korruptionsgesetze verschärft. Monopole werden konsequent zerschlagen (Telekom, Branntweinmonopol, usw.).
  • Bürokratie: Die GEZ und die ZVS werden ersatzlos gestrichen. Bundesministerien werden um 10% geschrumpft, Überflüssige Bundesbehörden komplett abgeschafft.
  • Wehrpflicht: Die Regierung setzt die Wehrpflicht mit sofortiger Wirkung aus – eine Freiwilligenarmee wird geschaffen. Freiwillige soziale Dienste für beide Geschlechter werden gefördert.
  • Wettbewerb: Das Apothekenwesen wird dereguliert. Rezeptfreie Medikamente werden im Einzelhandel verkäuflich. Überteuerte Preise in Deutschland (z.B. Apple, Autoindustrie) werden von Verbraucherschützern gemeldet und von Wettbewerbshütern mit Bußgeldern geahndet. Das unsinnige Abmahnwesen wird für Privatpersonen und Kleinunternehmer abgeschafft.
  • Justiz: Der Minimalstreitwert für Prozesse wir auf 2000 Euro festgelegt. Für kleinere Fälle werden unbürokratische Schlichtungsstellen geschaffen.
  • Rundfunk: Die Länder erkennen den technischen Fortschritt und dessen Möglichkeiten zur Kostenersparnis. Die Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden erst um 20%, danach jährlich um 5% gesenkt. Da die GEZ überflüssig ist, ziehen die Finanzämter die Gebühren ein.
  • Zuwanderung: Die Bundesregierung erkennt die Bedeutung der qualitativen Zuwanderung und die Fehler der bisherigen Zuwanderung Minderqualifizierter. Deshalb beschließt sie ein Punktesystem analog zu Australien und Kanada. Kriminelle Transferempfänger und Integrationsunwillige Zuwanderer werden konsequent zurückgewiesen und ausbildungswillige Migranten gefördert.

Wetten, das davon, wenn überhaupt, nur ein Bruchteil jemals realisiert wird? Weil es tausend Lobbygruppen, Eitelkeiten und Besitzstandswahrer in unserer Gesellschaft gibt? Machbar wäre alles. Doch unser politisches System kann keine echte Reform mehr leisten. Genauso wenig wie übrigens das Amerikanische auch. Deshalb wird der echte „Change“ nur ein Traum bleiben. Oder ein Marketing-Gag von cleveren Wahlkampf-Strategen.

Es wird auch noch liberale Politik gemacht…

…aber leider nicht in der Bundesregierung. Beispiele dafür, was liberale Themen in 2010 sind, findet sich im

“frei-brief” Nr. 22/2010:

110 Delegierte der Liberal International aus aller Welt haben sich am 11. und 12. Juni in Berlin getroffen. Die Beschlüsse des Exekutivkomitees finden Sie unter:

Darin stehen unter anderem Beschlüsse zu einer liberalen Außenpolitik, von denen ich aus der Bundesregierung bislang gar nichts gehört habe wie Gaza-Blockade, Honduras, Nicaragua, Thailand, Burma, Human Rights Council und echte Freiheitsthemen wir Digital Freedom oder Netzneutralität.

Es ist eben nicht so, dass der Liberalismus aufgehört hätte, weiter zu denken. Das hat nur Berlin. Vielleicht sollten sich die Herren mal wieder um eine echte liberale Agenda kümmern, anstatt nur auf den Armen und Schwachen herumzuhacken. Dann klappt’s auch wieder mit den Umfragen.

Wo bleibt denn die kritische Forderung nach mehr Menschenrechten? Wo bleibt die viel versprochene “liberale Tradition” in der Außenpolitik? Ich sehe nur Lustreisen und Kniefälle vor Diktatoren. Das reicht nicht. Das konnten Schröder/Fischer auch schon.

War da was? Die “regulierte Marktwirtschaft”

Hmmmm…. manchmal lohnt es sich doch, in seinen eigenen Texten zu kramen. Hier ein Ausschnitt aus meinem “Besserland-Projekt” vom März 2007 – geschrieben also VOR den Finanzkrisen:

3.2 Markt braucht Regeln 22. March 2007 3:42

…Die Tendenz des Kapitals zur Akkumulation im Kapitalismus, d.h. Anhäufung bei nur wenigen, führt letztendlich zu Monopolstrukturen sowohl auf Anbieter-, wie auch auf Nachfragerseite. Somit ist der Kapitalismus als Idee alleine nicht dazu geeignet, eine liberale Markt- und Gesellschaftsordnung zu gewährleisten. Die oft von der politischen Linken aufgebrachte Anschuldigung an die politischen Liberalen, Vertreter des KAPITALS zu sein, ist somit grundlegend FALSCH.

…Dort, und nur dort, wo Wettbewerbsmärkte gegen die Grenzen unseres Wertekanons verstoßen, oder wo ein gesundes Marktgeschehen aufgrund struktureller Bedingungen (noch) nicht existieren kann, muss der Staat als Wertesetzende Institution Regeln erlassen und diese aktiv überwachen. Die damit einhergehende Verantwortung des Allgemeinen (=der Staat) für das Allgemeine(=die Gesellschaft) und das Individuum(=der Bürger) im Besonderen ist hoch – konsequent angewendet führt dieses Prinzip zu mehr Verantwortung in den Kontrollgremien als bisher – anstelle von Subvention und Geldverteilung tritt Kontrolle und Geldeinsammlung.

…Der Staat darf nicht als Unternehmer auf Wettbewerbsmärkten auftreten. Es ist nicht hinnehmbar, dass steuerlich subventionierte Betriebe den Wettbewerb verzerren und letztendlich entweder in staatlichen Monopolen oder in Marktversagen enden.

Markt braucht also Regeln. Deshalb sollten wir auch von einer “regulierten Marktwirtschaft” sprechen, oder aber mit besserem Terminus von einer ethischen – oder verantwortungsvollen Marktwirtschaft.

Der ganze Text ist etwas komplexer: http://mcl-media.de/wordpressmu/besserland/category/3-2-markt-braucht-regeln/

Die Idee von “Besserland” ist die theoretische Zusammenführung des klassischen (individualistischen) Liberalismus mit den kollektivistischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Leider habe ich im Moment nicht die Kraft, das Buch zu Ende zu schreiben – zu groß ist die geistige Hürde vor den sozialistischen Theorien. Dazu müsste ich mal zwei, drei Monate absolute Ruhe haben. SIC! Und nun hat mich die Realität (fast) überholt. Am Ende soll dann eine “Versöhnung” der alten links/rechts Denkstrukturen stehen – mit ganz neuen Denkansätzen. Die brauchen wir vielleicht schneller als uns lieb ist.

Lesenswert auch: http://www.n-tv.de/politik/dossier/Kann-ein-Buddhist-Hedgefonds-managen-article874827.html

Internet-Video: Money as debt – Über die Geldschöpfung der Banken über Kredite.

Esslingen a.N.? Nein, danke.

Der tiefe Fall der einstmals so stolzen Freien Reichstadt Esslingen am Neckar vor den Toren Stuttgarts wird so langsam zum bundesweiten Politikum. Doch nach dem Motto „immer auf die anderen“ wird seitens der Verantwortlichen mit dem Finger mal dahin mal dorthin gezeigt, um das eigene Versagen zu kaschieren. Der Fall Esslingen a.N. ist jedoch mehr als nur ein Einzelfall – er steht  symptomatisch für die Städte einer ganzen Region. Anbei ein persönlicher und rein subjektiver Bericht eines Insiders. Doch vorab eine kleine aktuelle Einleitung:

Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) am 25.12.2009 im Interview mit der Stuttgarter Zeitung:

…Wir werden Leistungen verteuern müssen und uns mittelfristig verschulden müssen. Die letzte Antwort darauf, wie das System Stadt aussieht, werden wir erst noch erarbeiten müssen – politisch im Gemeinderat, aber auch im Dialog mit der Bürgerschaft.

StZ: Es gibt momentan auch wirtschaftsstrukturelle Probleme in der Region – denken Sie nur an Daimler und Sindelfingen. Welche Auswirkungen wird die Daimler-Entscheidung auf Esslingen haben?

Wir erleben gerade wieder ein deutliches Beispiel von Deindustrialisierung in unserer Region. In Esslingen kennen wir das durch die Entwicklungen bei Müller Weingarten, auch bei anderen Unternehmen, die hier ihren Standort haben, aber ihre Produktion verlagert haben. Wir stehen dabei nicht am Ende dieser Entwicklung, sondern leider erst am Anfang. Ein bisschen werden wir Opfer einer Wirtschaftspolitik im Land und in der Region, die zu sehr auf alte, traditionelle Unternehmen setzt und die Frage neuer Wertschöpfungsketten nicht genügend fördert. Wir sind leider nur Patentweltmeister. Aber es wird viel zu wenig versucht, diese Patente in die Produktion zu überführen. Wir brauchen so etwas wie Risikokapital. Das ist in anderen Bundesländern üblich. In Bayern wird uns das gerade wieder vorbildlich vorgemacht. Ich mahne dringend: Das Land Baden-Württemberg und die Region müssen sich dem Thema offen stellen, um der Erosion von Arbeitsplätzen etwas entgegenzusetzen.

http://stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2329415_0_7008_-esslinger-ob-im-interview-wir-sind-leider-nur-patentweltmeister-.html

Blogeintrag vom 20.8.2009

Als ich acht Jahre alt war, war es schick, in Esslingen am Neckar einzukaufen. Pünktlich zur 1200-Jahr-Feier 1977 hatte sich die ehemalige Freie Reichstadt herausgeputzt: Die schöne aber bis dahin ziemlich marode Altstadt wurde saniert und die größten Schandflecken (bis auf den bis heute  erbärmlichen Bahnhof) beseitigt. Ich habe die Stadt als schmuckes, schickes Kleinstädtchen in guter Erinnerung. Schließlich haben meine Eltern dort investiert, sich eine Wohnung gekauft, und auch ich habe ich dort zwei Jahre (1977-79) lang im Stadtteil Sulzgries gewohnt.

Der Esslinger an sich war immer etwas Besonderes. Er schwäbelt etwas breiter als der Stuttgarter, isst mehr Delikatessen, trinkt den besseren Wein, kleidet sich nobler und ist besonders Stolz auf seine Stadt. Das ist der Stuttgarter prinzipiell nicht. Der ist stolz auf den ganzen Südweststaat und nimmt seine Vorreiterstellung als Landeshauptstädter mit erhobener Nase gewissermaßen als naturgegeben hin.

Esslingen a.N. hatte über Jahrzehnte auch großes Glück: Daimler in Hedelfingen, Festo, Nokia, Hirschmann, Hengstenberg und andere investierten kräftig am und um den Neckar und auf den Fildern.

Dreißig Jahre später ist vom einstigen Glanz nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Einkaufen geht man von Uhlbach* aus in das viel weiter entfernte Stuttgart. Niemand geht mehr nach Esslingen a.N.. Nokia ist genauso weg wie Samsung oder Hirschmann.  Auch die einstigen Höhepunkte, die Feste in Esslingen a.N., werden zugunsten Stuttgarts geopfert. Ich war seit Jahren auf keinem Fest in Esslingen a.N. mehr. Früher war unsere ganze Familie dort quasi Stammgast.

Warum ist das so? Wenn Sie heute durch Esslingen a.N. gehen, treffen Sie auf eine besondere Mischung aus überalternden megafitten Rentner-Deutschen, die gerne ohne Rücksicht mit ihrem 2000-Euro Rennrad durch die Fußgängerzone brettern oder sie gleich ganz mit ihrer neuen E-Klasse umfahren, und aus Ausländern aus krasser Unterschicht, die ihre „Geschäfte“ lauthals in aller Öffentlichkeit tätigen. Es gibt (bezeichnenderweise) haufenweise Handyläden, ein-Euro-Shops und alle möglichen „Import-Exports“. Der früher in Esslingen a.N. angesiedelte gehobene, deutsche Fachhandel ist größtenteils verschwunden – auch weil für so manches Eigentümer-Geschäft schlicht der Nachfolger fehlte. Oder, noch schlimmer: die Stadtverwaltung sich hartnäckig geweigert hat, zum Beispiel Elektronikmärkte in die Innenstadt zu lassen. Zwar wurde nach jahrzehntelangem Streit endlich ein neues Einkaufszentrum gebaut – aber viel zu spät.

Esslingen a.N. ist aufgrund fehlerhafter Stadtplanung seit den 80er Jahren zum Vorstadtghetto Stuttgarts verkommen. Ein Grund ist die falsche Ausdehnung und Gemeindepolitik auf den Fildern, wo man traditionelle Esslinger Dörfer zu künstlichen Gemeindekonstrukten zusammengepfercht hat – mit der Folge, dass der Stadtkern ausblutete, weil auf dem Acker das Bauland noch bezahlbar war und der Bezug zum Stadtzentrum wegfiel.

Zweitens fehlte für die Innenstadt ein schlüssiges Konzept im Umgang mit der historischen Bausubstanz – die Idee, durch Ateliers und Künstlershops die Altstadt am Leben zu erhalten war nicht tragfähig. Die Stadtmitte hat auch die einstigen Magnete – die früher oftmals besser als in Stuttgart geführten und sortierten Warenhäuser, eins nach dem anderen verloren. So haben wir jetzt eine Art teuer saniertes Freilichtmuseum für Sozialhilfeempfänger. Dabei ist die Esslinger Altstadt eine der schönsten der Welt.

Die Wohnbevölkerung in der Innenstadt sinkt im Niveau immer weiter ab, ähnlich den Neckarvororten in Stuttgart auch. Beispiel Gastronomie: Erst war die traditionelle schwäbische Imbissbude da, dann der Jugoslawe, Italiener, Grieche, McDonalds und jetzt gibt es eine Döner-Bude neben der anderen. (bezeichnend: das nicht gerade als Nobelmarke bekannte McDonalds hat seine Filiale in Esslingen a.N. schon vor Jahren geschlossen und eine Besitzerin dieser besagten Dönerläden wurde erst kürzlich wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verurteilt.) An und in diesen Dönerbuden lungern auch tagsüber Gestalten herum, denen man bei seinem Einkauf lieber nicht begegnete.

Das sind die Kollalateralschäden des Industriesterbens – vornehmlich arbeitslose Migranten der dritten Generation, die sich erst gar nicht um eine Ausbildung oder Arbeitsstelle bemühen, dafür aber umso eifriger Passanten belästigen. In Baden Württemberg haben 43% der 30-35jährigen Ausländer keine Berufsausbildung. Dabei ist Arbeitslosigkeit ein Schichten- und kein Nationalitätenproblem. In Esslingen trifft dann beides zusammen.

Neben der menschlichen Tragödie gibt es in Esslingen a.N. aber auch Hausgemachtes. Es macht keine Freude, wenn man bei jeder Besorgung einen Strafzettel kassiert – egal, ob aufgrund Parkplatzmangels oder einer sinnlosen Radarfalle. So ist Esslingen a.N. die einzige Stadt, die ich kenne, in der Rotlichtblitzer auch bei überhöhter Geschwindigkeit blitzen – so dass gerade dann, wenn man über die gelbe Ampel beschleunigt, der Starenkasten zuschlägt. Ich habe drei solcher Strafzettel bekommen, insgesamt flossen ungefähr 100 Euro in die Stadtkasse. Seither gehe ich in Esslingen a.N. nicht mehr einkaufen. Bei vorsichtiger Schätzung hat die Stadt in den Jahren also 30.000 Euro Umsatz nur an mir wegen dieser modernen Wegelagerei verloren. Und ich bin nicht der einzige – auch der Rest der Familie meidet mittlerweile die Stadt. Frage an die Esslinger Bürokraten: Hat sich das für Sie gelohnt?

Nicht gerade ermutigend sind auch Berichte anderer: So wird über unsinnige Bürokratie und lächerliche Sturheit der Stadtverwaltung gegenüber Unternehmern geklagt – mit der Folge, dass vor ein paar Monaten ein weiterer Gutverdiener und Arbeitgeber die Innenstadt zugunsten einer ländlichen Region verlassen hat.

So, liebe Kommunalpolitiker in Esslingen a.N., macht man vorsätzlich seine Stadt kaputt.

Mit dem schleichenden Tod der Stadt Esslingen a.N. geht mir persönlich ein ganzes Stück Kindheit verloren. Doch die Lage der einstigen Freien Reichstadt, die schon lange vor Stuttgart existierte, scheint hoffnungslos. Weder politisch, noch wirtschaftlich gibt es Hoffnung für das historische Kleinod. Die Vertreter auf kommunaler Ebene sind reihum in allen Parteien nur Sekunda, zerstritten und kleinstbürgerlich sind sie noch dazu. Es fehlt ein Konzept für den Strukturwandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und keine Partei kann eines vorweisen.

Die Schlagzeilen aus Esslingen a.N. werden durch marode Infrastruktur (man erinnere sich an die zwei Toten beim aus dem Parkhaus fallenden Auto…), Firmenschließungen und migrantische Schlägerbanden bestimmt (so hat eine kriminelle Vereinigung aus jungen Türken vor ein paar Wochen einen Unschuldigen krankenhausreif geprügelt )

Die Probleme der Stadt Esslingen sind jetzt so groß, dass man sie auch aus Politischer Korrektheit nicht mehr wegdiskutieren kann. Und ich denke, Esslingen a.N. steht Pate für viele Klein- und Satellitenstädte in Deutschland. Vielleicht ist sie aber auch nur ein Vorbote für das kommende „Detroit Deutschlands“. Hoffentlich nicht.

Denn: Die Stadt Stuttgart hat, und das bei all ihren Strukturproblemen, in den letzen Jahren deutlich an Lebensqualität hinzugewonnen. Stuttgart hat kräftig in sein Image investiert und mit einer sinnvollen Innenstadtpolitik auch neue Freunde in der Region gewonnen. Viele attraktive Veranstaltungen und eine rigide Sicherheitspolitik stärken die Stadt. Wenn nur der Verkehr nicht wäre…

Mein Fazit, gerade auch nach der letzten Kommunalwahl, bleibt bis auf weiteres: Esslingen a.N.? Nein, danke.

*Uhlbach, seit 1931 ein Stadtteil Stuttgarts, liegt im südöstlichen Zipfel der Stadt und ist geographisch wie historisch näher an Esslingen als an der Innenstadt der Landeshauptstadt.

Merkels Countdown

Das ZDF titelt schon: “was wusste Merkel wann”. Der (Frontal)Angriff auf die Kanzlerin hat begonnen – und gerade vom ZDF ist, aufgrund eigener medienpolitischer Dummheit der CDU in Sachen Chefredakteur, wenig Schützenhilfe zu erwarten. Wie ich schon vor einiger Zeit, zugegebenermaßen spöttisch, prophezeite, weitet sich die Kundus-Affäre langsam zur Regierungskrise aus. Jetzt fehlt nur noch ein Dokument oder ein Zeuge, welches/r zeigt, dass Merkel alles schon früh wusste. (wovon stark auszugehen ist) Dann erleben wir die kürzeste Bundesregierung aller Zeiten, denn nach lauter Klein-Klein, Pleiten, Pech und Pannen hat die Regierung Merkel II schon jetzt ihre Mehrheit verspielt. Avanti, Dilettanti.

Auch einige meiner Parteifreunde bekleckern sich zur Zeit nicht gerade mit Ruhm – kleinkarierte, in der Öffentlichkeit verheerend wirkende Klientelpolitik für Hoteliers und Vermieter statt endlich großer Steuerstrukturreform. Was soll das? Sind wir dafür angetreten? Ist das unser Anspruch? Hallo Berlin, aufwachen! Da scheinen einige zu meinen, mit dem Erhalt eines Amtes sei die Arbeit schon getan. Falsch gedacht! Wer Verantwortung hat, muss sie auch tragen. Und das kann in der Krise auch mal wehtun.

Mir geht es wie vielen Wählern im Land: Ich fühle mich langsam von dieser Regierung verar***t. Was bringt es, tolle Programme zu erarbeiten, Ideen zu entwickeln und viel Herzblut in die liberale Sache zu stecken, wenn durch schlechte Kommunikation auf der Regierungsebene sämtliche Bemühungen der politisch Aktiven wieder zunichte gemacht werden?

Doch nicht nur ich persönlich leide, es leidet auch die Partei – wir werden (schon wieder) als etwas dargestellt, was wir nicht sind. Leider werden unsere Grundsätze zur Zeit nicht kommuniziert und  die riesigen Chancen des Liberalismus unter täglichem Politikmüll begraben.

Berlin ist wie Washington – das ganze System von Lobbyisten, schmierigen Apparatschiks und bezahlten Meinungen ist krank (nicht ohne Grund plakatierte die CDU-BW schon mal “gegen Berliner Verhältnisse”) und führt zu “bad Governance”. Genau so, wie Barack Obama angetreten ist, Washington zu ändern, müssten wir antreten, Berlin zu ändern. Change. Yes we need. Doch leider ist bei uns kein Obama in Sicht.

Liebe Bundesregierung: Ihr habt wirklich große und wichtige Probleme zu bearbeiten. Lasst die Scheingefechte und Augenwischerei um einen eh scheiternden Klimagipfel mal beiseite. Schluss mit der Merkelschen Gipfel-Aristokratie. Sorgt erstmal für Jobs im Land, für Aufschwung, Wohlstand und mehr Freiheit. Verliert euch nicht im Kleinen – Großes gilt es zu gewinnen, in Deutschland, im Jahr 2010.

Liberale in Europa – oder auch keine

Vielerorts wird vom letzten ELDR-Kongress (die Liberale Partei in Europa) berichtet, der wohl mit einigen Kontroversen zuende ging, berichtet. Hier ein Beispiel:

Wie viel freier Markt darf es sein? Differenzen beim ELDR-Kongress. Der Turbokapitalismus sei gescheitert wie der Sozialismus, formulierten es die finnischen Liberalen in einem Antrag. Es brauche einen stärkeren Staat.

Barcelona: Der Turbokapitalismus sei gescheitert wie der Sozialismus, formulierten es die finnischen Liberalen in einem Antrag. „Das klingt ja wie bei Chávez“, warf ein niederländischer Liberaler ein. Doch die Finnen ließen nicht locker: Es brauche einen stärkeren Staat, nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitslosigkeit. Ein FDP-Mann ergriff das Mikro: Es gebe ohnehin keinen Turbokapitalismus. Wieder konterte ein Finne: „Wir müssen Bewusstsein schaffen für all jene, denen es schlechter geht.“ Darauf der FDP-Vertreter: „Was wir brauchen, ist keine Intervention, sondern eine bessere Exekution der Regulierung.“ Selbst bei den Liberalen, die gemeinhin als bedingungslose Verfechter des freien Marktes gelten, ist die Welt eine vielschichtige. Der freie Markt bedürfe jedenfalls Regeln, die kontrolliert werden müssten, meinte die liberale EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Sie sehe sich dabei als strenge Schiedsrichterin. „Und glauben Sie mir, ich habe in den vergangenen Jahren viele Freunde verloren.“

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/523458/index.do

Dazu muss ich einfach als deutsch/finnischer Doppelstaatler ein paar Anmerkungen machen. Die Finnen in der ELDR sind von der Partei “Keskusta” (Zentrum). Diese Partei hat ihre Grundlagen in einer Bauernpartei, die früher auch “Maalaisliitto” hieß (Landunion). Die gedanklichen Wurzeln der “Keskusta” liegen in einer regionalen evangelikalen Erweckungsbewegung in der Provinz Pohjanmaa anfangs des 20. Jahrhunderts. Seit den 1950er Jahren wurde die Parteilinie maßgeblich von einer Anbiederung an die Sowjetunion durch den Präsidenten Kekkonen geprägt (sog. K-Linie), was später auch den Begriff “Finnlandisierung” prägte. Warum die ehemalige Bauernpartei und Volksbewegung (über 170.000 Mitglieder!) sich als “Liberale” Partei im europäischen Kontext gibt, ist mir ein Rätsel. Nach innen ist sie es nicht, auch programmatisch nicht. Sie ist weder von ihrer ideengeschichtlichen Basis, noch von ihrem Programm im klassischen Sinne liberal. Sie hat vielmehr ihre Mitgliedschaften in der Liberal International und anderen liberalen Organisationen wie der ELDR durch einen Beitritt einer insolventen “Liberalen Volkspartei” in 1982 geerbt. Die LKP war eine sozialliberale Kleinpartei mit Wahlergebnissen unter fünf Prozent. Heute existiert in Finnland auch wieder eine “echte” liberale Partei “Liberaalit” (die Liberalen), allerdings mit Wahlergebnissen unter einem Prozent.

Seit 2007 ist “Keskusta” die größte Partei im finnischen Parlament (23,1%) und stellt mit Matti Vanhanen den Premierminister des Landes und mit Olli Rehn den Europakommissar für Erweiterung, denmächst für Wirtschaft.

Wenn man diesen Hintergrund kennt, verwundert es nicht, dass sich die finnischen Vertreter in der ELDR sich anders positionieren als die deutsche FDP mit ihrer Tradition, die bis weit in das 19. Jahrhundert zurück geht. Nicht alles, was sich in Europa “liberal” nennt, ist es auch im Sinne eines klassischen liberalen Weltbildes. Manchmal dient die Positionierung als “liberal” eher als Abgrenzungsmerkmal gegenüber Sozialdemokraten und Konservativen.

Wenn das Volk dann wirklich spricht

Sigmar Gabriel (SPD) will Volksentscheide auch in Deutschland.

Der neue SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich in der WELT für bundesweite Volksabstimmungen ausgesprochen. Volksabstimmungen seien gut für die moderne Demokratie, sagte Gabriel am Wochenende: „Ich jedenfalls habe keine Angst vor dem Volk.“ Er traue den Deutschen zu, im besten Sinne der Aufklärung nach einer langen Diskussion zu guten Entscheidungen zu kommen. http://bit.ly/6Jlp6K

Wetten, dass die SPD nach der Schweizer Minarett-Entscheidung in Über-Lichtgeschwindigkeit zurückrudert? Weil es eben im Volk manchmal auch Meinungen gibt, die so gar nicht in das pseudo-aufgeklärte Bild der selbstauferlegten linken political correctness passen. Hätten wir in Deutschland einen Volksentscheid zur Todesstrafe, müssten wir sie wieder einführen. Wir hätten ein allgemeines Tempolimit auf unseren Autobahnen, eine ungerechte Vermögenssteuer und vieles andere mehr. Das müsste Herr Gabriel eigentlich auch wissen.

Die Schweizer haben mit ihrer einzigartigen Möglichkeit, ihre Stimme zu gebrauchen, ein klares Signal gesetzt. Nicht gegen den Islam, wie die aufgeschreckte Links-Presse der Republik jetzt krampfhaft behauptet – sondern einzig und allein gegen die nicht mehr zu ertragende Verniedlichung ernster gesellschaftlicher Probleme bei der Integration von Zuwanderern aus der islamischen Welt. Dasselbe Problem und dieselbe Verniedlichung haben wir übrigens in Deutschland auch.

Doch wenn das Volk mal wirklich spricht, wird die Politik schnell verlegen. Plötzlich gibt es tausend Gründe, warum das Volk so oder so gestimmt hat und tausend Gründe, warum die Politik Volkes Willen nun doch nicht umsetzen kann. Das ist die Doppelmoral der heutigen „Demo“kratie – die eben keine Volksherrschaft im Wortsinne ist. (Und es übrigens noch nie war.) In jeder Sonntagsrede feiern wir die Demokratie. Wenn es aber darum geht, diese auch in unbequemen Situationen zu leben – dann sind wir ganz schnell wieder der Obrigkeitsstaat von vor-vorgestern.

Der Reflex, der in der Schweiz an den Tag gekommen ist, ist der der kulturellen Selbstverteidigung. Minderheiten werden in Zeiten der politischen Korrektheit überproportional begünstigt, gefördert und ihre Fehlleistungen werden seitens des politischen Systems verharmlost. Das führt zum Widerwillen im Volk – zu Recht, wie ich meine.

Die Schweiz ist ein schönes, strukturkonservatives Land mit einer eher zurückhaltenden, fleißigen, ehrbaren und mit einem großen Gerechtigkeitssinn ausgestatteten Bevölkerung – die es von jeher gewohnt ist, ihre Kultur gegen ihre mächtigeren Nachbarn verteidigen zu müssen. Fremd sein ist in der Schweiz nicht einfach – das kann jeder, auch jeder Deutsche, bestätigen, der längere Zeit in dem Land verbracht hat. (Meine Mutter lebte sechs Jahre lang dort und ich war längere Zeiten zu Gast im Land). Dennoch sind die Schweizer alles andere als rassistisch – im Gegenteil – ich habe sie als offen, warmherzig und sehr tolerant gegenüber Ausländern erlebt. Aber: Sie beharren eben auf die strikte Einhaltung der Sitten und Regeln ihrer Kultur. Man kann das Eigensinn nennen. Oder nationalen Stolz. Offenbar etwas, womit wir Deutschen immer noch ein Problem haben.

Die deutsche Politik sollte das Signal aus Bern hören und ihre Haltung zur Problematik in Sachen Islam-Integration überdenken. Auch wir haben ein Problem, welches wir nicht weiter wegdiskutieren können. Ich meine, wir sollten die gemäßigten und säkularen Kräfte unserer islamischen Minderheit aktiv fördern – niemand darf aufgrund einer, oftmals nicht selbst gewählten, Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. Aber: Wir sollten auch klar die Grenzen der Toleranz aufzeigen – wer unser Land nicht respektiert und unsere Kultur nicht anerkennen will, wer gar unser Gesellschaftsmodell abschaffen will oder Gewalt anwendet – der hat keinen Anspruch auf den Schutz seiner Position.

Aufklärung ist das Gebot der Stunde. Aufklärung der Minderheit, natürlich. Die peinlichen Versuche der Politik, das eigene Volk zur Islam-Toleranz belehren zu wollen, sind nutzlos. Wer hier bei uns lebt, muss sich uns anpassen und nicht umgekehrt. Was man von uns verlangen kann ist Toleranz. Aber keine Anbiederung. Außerdem: Die besten Botschafter eines modernen Islam sind die tausenden von bestens integrierten islamischen Menschen in diesem Land, von denen nicht wenige zu meinem Freundeskreis gehören. Die eine Freundin meiner Tochter stammt aus Bosnien, eine andere ist Kurdin. Beide sprechen bestes Deutsch, die eine besucht das Gymnasium, die andere eine Realschule. Es geht doch! Wer sich bei uns nicht integriert, der will nicht integriert werden, bekommt die Chance nicht oder wird unterdrückt.

Ich persönlich bin gegen das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit – wir haben uns in Jahrhunderten unter großen Schmerzen eine freie Gesellschaft mit freien Mitgliedern beider Geschlechter erarbeitet und niemand sollte sich verstecken müssen – auch aus religiösen Gründen nicht. Wir müssen unsere Freiheitswerte wieder mehr in den Vordergrund der Debatte stellen. Wir dürfen keine Parallelgesellschaften dulden, die die Universalität der Menschenrechte infrage stellen.

Wir müssen unsere Haltung bezüglich der Ausübung von Religionen dort überdenken, wo die Ausübung von Religion die Würde des Einzelnen verletzt oder wo sie die Freiheit des Einzelnen unterdrückt oder wo sie die Gesellschaft als ganzes bedroht. (Deshalb gingen von der FDP-BW z.B. Initiativen gegen die Genitalverstümmelung oder die Zwangsheirat aus)

Die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes konnten nicht ahnen, dass im Schutze der Religionsfreiheit  irgendwann einmal radikale Politik gegen diesen Staat und dessen freiheitliche Gesellschaftsordnung gemacht werden könnte.

Die Freiheitsrechte des Einzelnen sind unsere Verfassungsgrundlage. Wo sie verletzt werden, darf der Staat nicht tatenlos zusehen – er muss handeln. Das hat er in der Vergangenheit zu selten getan. Für alle, die hier leben, muss gelten: Der Einzelne ist mehr als die Familie. Ehre definiert sich über die Treue zum Gesetz und die persönliche Freiheit eines JEDEN ist der Vater aller Dinge in diesem Land. Keine Religion steht über der Menschenwürde und keine Religionsfreiheit berechtigt zur Unterdrückung.

Ob eine islamische Gemeinde nun Minarette an ihre Moschee baut oder nicht, ist mir persönlich herzlich egal. Ich finde sie nicht weiter tragisch – im Gegenteil, manche sind architektonisch schön und wertvoll – genau so wie mancher Hindu-Tempel oder Buddha-Schrein auch.

Aber darum ging es auch in der Schweiz nur vordergründig. Es ging darum, der Politik zu sagen, was die Bayern schon immer als ihr Motto haben: Mir sind mir. Und wollen es auch bleiben.

Wie die Linke um das Wort “Freiheit” ringt

Im online-Magazin Telepolis sinniert Rüdiger Suchsland über das verloren gegangene Freiheitskämpfer-Pathos der organisierten Linken. Nicht nur, dass er die FDP schlecht kennt, sein Artikel beschreibt geradezu exemplarisch den verzweifelten Versuch der Sozialdemokratie, eine Freiheitskonzeption wiederzufinden. Die Linke, gerade die den einzelnen unterdrückende staatsgläubige Kollektivistenschar, sehnt sich plötzlich nach Freiheit? Ein Vorhaben, welches einer gewissen Komik nicht entbehrt. Schließlich haben die Linken 40 Jahre lang Millionen Menschen eingesperrt, gequält und sie systematisch ihrer Freiheit beraubt.

…Dabei wäre es möglich, dem Neoliberalismus einen anderen, klareren Freiheitsbegriff entgegen zu stellen. Indem man seine eigenen Widersprüche aufzeigt. Der wichtigste: Der Neoliberalismus wirft einige der grundlegendsten Güter des Liberalismus über Bord: Er reduziert den Individualismus durch die Macht großer Konzerne. Sie dürfen die Freiheit und den Eigensinn des Einzelnen einschränken, seine Bürgerreichte unterlaufen. Weite Kreise der Bevölkerung und der schwarzgelben Wählerschaft teilen das Unbehagen an der Konzernmacht und der Dominanz von Markt und Finanzsektor über die individuelle Freiheit.

Das ist schlichtweg falsch. Der größte Feind des freien Marktes ist bekanntermaßen der (oft staatseigene) Monopolist. Der wahre Liberale setzt auf Wettbewerb im Markt. Aber fairen Wettbewerb wollte die Linke nie! Der organisierte Liberalismus steht für klare Regeln auf freien Märkten – er will genau das Gegenteil des oben Gesagten. Der Liberalismus ist ein Konzept der kleinteiligen polypolistischen Konkurrenz und des Schutzes aller Rechte der Marktteilnehmer.

Noch wichtiger: Der Liberalismus war immer skeptisch und a-religiös, unempfänglich für jede Art von Glauben. Das entfremdete ihn früh von der Arbeiterbewegung. Doch der Neoliberalismus hat aus dem Markt eine Religion gemacht, der er mit Inbrunst anhängt. Liberale Skepsis und markradikale Dogmen schließen einander aus. Hier könnte ein sozialdemokratischer Gegenentwurf ansetzen. Er müsste allerdings ein sozialliberaler, linkslibertärer sein. Das wird nicht allen behagen.

Linkslibertär? Phhh….das tönt ja wie Adorno. Was wäre das denn? Kommunistische Anarchie? Nein, danke. Den menschlichen Feldversuch wollte ich keinem Land zumuten. Denn heraus käme wohl eine Mischung aus Kuba und Albanien. Nochmal: Ein Libertärer Markt ohne Regeln ist NICHT der Markt des Liberalen. Er war es nie und wird es nie sein. So säkular, wie unsere Gesellschaft heute glücklicherweise ist, war sie noch nie. Dennoch: Die Trennung von (allen!) Kirche(n) und Staat ist und bleibt liberale Urforderung.

Es geht darum, die Freiheit jenseits von Westerwelle zu definieren. Freiheit als gesellschaftliche, nicht nur wirtschaftliche. Freiheit von Unterdrückung und Folter, Ausbeutung und Armut. Freiheit zur Selbstverwirklichung, Bildung, Genuß, Lebenssinn. Nicht nur “mehr wollen” wie jetzt auf den blaugelben Wahlplakaten steht, sondern anderes wollen: Vielfalt. Materialismus. Absage an traditionelle “Werte” wie Nation, Religion, Anstand, Disziplin. Optimismus. Hedonismus. Fortschritt – als Ziel, nicht Glaube. Das wären Stichworte.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30699/1.html

Entschuldigung, aber was hat die liberale Demokratie denn in Deutschland erreicht? Werden wir etwa gefoltert? Unterdrückt? Ausgebeutet? Sind wir ein armes Land? Haben wir etwa keine Freiheit zur Selbstverwirklichung, zum Genuß, zum Hedonismus, zum Lebenssinn? JA, WAS HINDERT SIE DENN? Noch nie hat es in der europäischen Geschichte so viel Freiheit, Sicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten für seine Bürger gegeben wie heute.

Der Autor will in Wirklichkeit keine Freiheit, er will die Anarchie. Und gerade darin bestand und besteht der Unterschied eines rechtstaatlich organisierten Liberalismus zu allen anderen “Freiheitsbewegungen”, die immer, ich betone IMMER, in Diktaturen, Ausbeutung und Terror einer links-elitären Minderheit über die Mehrheit enden. Da geht es Kuba oder Venezuela nicht anders als der Sowjetunion.

Das Dilemma der Linken ist die schlichte normative Kraft des Faktischen: Nirgendwo haben sich ihre diffusen Gesellschafts-Utopien verwirklichen lassen. Das Experiment ist gescheitert. Und so ist den Linken ein Stück ihrer Identifikation verloren gegangen, die sich heute auch bei attac oder Greenpeace nicht mehr finden lassen. Die Grün-zu-Links-Beatmung funktioniert mit dem gesellschaftlichen Ankommen der 79er nicht mehr. Alternde Gesellschaften sind nunmal wenig revolutionsfreudig. Vielmehr sind sie anfällig für Überregulierung und Paralyse.

Da lauert die wahre Gefahr, es gilt jetzt, errungene Freiheiten gegen bequem gewordene Mehrheiten zu verteidigen und nicht, einen von vorneherein zum Scheitern verurteilten Pseudo-Freiheits-Mythos zu erfinden.

Hätte sich der Autor die Mühe gemacht, und sich mit dem Programm der FDP beschäftigt, dann wüsste er, dass wir genau für die von ihm geforderte gesellschaftliche Freiheit stehen! Aber was er, und viele Linke mit ihm, an der FDP nicht mögen, ist, dass wir eben neben die Freiheit auch Werte und Verantwortung stellen.

Der organisierte Liberalismus hat in den 300 Jahren seiner Entwicklung so vieles über die Freiheit und deren Gefährdungen gelernt – ja, er hat ganze Staaten und Verfassungen geschaffen, die sämtliche linken Utopien überdauert haben, dass es an ihm ist, sich als das Konzept zu präsentieren, welches die Zukunft am besten bedienen kann.

Wir haben gelernt, Freiheit zu schützen und gleichzeitig Anarchie und Chaos zu verhindern. Das können linke Utopisten bis heute nicht.

Das Ende der 68er

Wann, spätestens, wissen Sie, dass Sie am Ende sind? Wenn die „Zeit“ Sie auf der Titelseite als lebende Legende feiert. So geschehen mit Jürgen Habermas dieser Tage. Natürlich kam auch  die Nachricht vom zu frühen Tod von Ralf Dahrendorfs mitten in die Überlegungen zu diesem Posting. Eine Ära geht zu Ende – die Vordenker der 68er sterben weg.

Der Aufbruch in die einst glorreiche Zukunft ist nunmehr blutgetränkte, vernebelte Vergangenheit. Utopien wurden geboren und sind kläglich gescheitert. Die Idee des kollektiv Guten gebar das Monster des RAF-Terrorismus. Es hat eben wieder nicht funktioniert – das kollektive Gute. Einmal mehr scheiterte das linke System am Menschen an sich. Schade für die Theorie, wenn die Praxis sich ihrer nicht beugen will.

Und nun der Tod Dahrendorfs – des verjagten Propheten, der im eigenen Land viel zu wenig galt. Er war und ist einer meiner großen liberalen Vorbilder – ein echter Denker, ein großer Geist, stets ein wenig unangepasst und erfreulich unbequem. Genau so müssen liberale Denker auch sein – eigenwillig, kontrovers, freiheitlich und, ja, bitte auch ein wenig theoretisch.

Gerne hätte ich ihn kennen gelernt. Doch die liberale Stiftung hatte für uns liberale Studenten, vor lauter Prominenz, keinen Platz mehr.

Es wäre viel zu einfach, Dahrendorf nur als Antithese der 68er darzustellen. Er hat entscheidend die Weiterentwicklung der Nazi-verseuchten Nachkriegs-FDP und der „Freiburger Thesen“ geprägt und ist so im Nachhinein eher ein Teil des Ganzen geworden. Ohne Menschen wie ihn wäre vieles in den 70ern nicht möglich gewesen. Übrigens Dinge, die höchstaktuell sind: Bildungsreform, Bafög, (Nah)ost-Politik.

Nun ist die Zeit der Habermas’, Adornos, Dahrendorfs und Arendts, die Zeiten der Frankfurter- und Freiburger Schulen vorbei. Und wieder sind die Studenten auf der Straße, wieder gibt es einen „Frühling“, diesmal aber nicht in Prag, sondern bemerkenswerterweise in Teheran.

Die deutschen Grünen sind inzwischen kommunale Mehrheitspartei; angepasst und salonfähig verwelken sie in Regierungsbeteiligungen, die linke Utopie reduziert sich auf Sozialneiddebatten und Hartz4-Schelte. Der radikale Liberalismus hat sich selbst durch unkontrollierte Gier ad absurdum geführt und die Sozialdemokratie liegt in der sozialromantischen Agonie der schwindenden Genossenschaft.

Wieder artikuliert sich ein Wille nach Veränderung – nur, dass der gedankliche Ursprung diesmal nicht in der deutschen Soziologie, sondern im amerikanischen Präsidenten zu finden ist. Dessen erfrischende Pragmatik ersetzt in weiten Teilen jede Ideologie. Und dessen einfache Sprache ist allemal einprägsamer als der irre Buchstabensalat der deutschen Soziologen der Sechziger.

Nur, meine ich, alleine der Ruf nach Veränderung führt noch zu keiner Besserung der Verhältnisse. Der Durst nach Neuem kann nicht auf den Aufstieg eines einzelnen begründet sein, sei er auch noch so „remarkable“.

Es ist also Zeit für uns, die neue Idee zu entwerfen.

Es ist ein mühsames Geschäft – und vor lauter „überleben müssen“ komme ich kaum zum Studieren der wirklich wichtigen Dinge, geschweige denn zum Aufschreiben derselben. Wir haben eben wenig echten Frei-Raum in dieser Entertainment-Gesellschaft.

Doch ich sehe Bewegung in der FDP, gerade auch unter den jüngeren in der Partei, den netz-affinen, der Generation@. Wir haben das Zeug dazu, eine neue Idee der Freiheit im 21. Jahrhundert zu entwickeln. Common sense, Technologie, Graswurzel-Demokratie, Communities, Netzwerke, Globalismus. Nur einige Stichworte, wohin es gehen könnte.

Im Gegensatz zur Stagnation der anderen politischen Richtungen ist der Liberalismus, gezwungenermaßen, wieder im Fluss. Er täte dabei gut daran, sich seiner Wurzeln zu erinnern.

Wir ehren die 68er, nehmen aus der Epoche das Beste mit – und lassen hoffentlich den utopischen Restmüll im Papierkorb der Geschichte. Auch wenn die Wirklichkeit inzwischen mit Twitter und Facebook vielleicht näher an der diskursiven Demokratie ist, als Jügen Habermas es jemals gewagt hat zu denken.

Mit den Rezepten der 68er freilich kann man in 2009 keinen Neustart machen. Das erfahren gerade die Sozialdemoraten. Die technisch vermittelte Wirklichkeit hat längst ein ganz anderes Gesicht. Das politische System täte aber gut daran, die protestierenden Massen von jungen Leuten nicht im ideenlosen Kontra zu belassen; denn – wenn das System den Menschen keine brauchbare Idee liefert, werden sie früher oder später eine andere adaptieren.

Es ist zwar noch keine Revolution allein aus einer Idee heraus entstanden – immer waren die blanken Nöte der Menschen der letztlich ausschlaggebende Grund – doch aus den Brüchen der  Revolutionen keimten immer wieder neue Ideen – ob nun die der Menschenrechte oder der sozialen Sicherung. Und auch heute ist der Wunsch nach Gerechtigkeit überdeutlich zu spüren.

Wie Barack Obama es in Kairo formulierte „We are not an empire – our nation was born out of a revolution against an empire! “ *

Der Grundgedanke der modernen freiheitlichen Demokratie ist das Resultat der Auflehnung gegen die Obrigkeit. Das sollten wir nie vergessen.

Da würden sogar Dahrendorf und Habermas zustimmen, wetten?

Ich meine, es ist – ganz dialektisch – an der Zeit, Brücken zwischen den großen Ideen zu bauen. Der Widerspruch des Kollektiven mit dem Subjektiven in der Gesellschaftstheorie korreliert mit dem Mikro-Makro-Problem in der empirischen Sozialwissenschaft. Wahrheit ist eine Frage des Standpunktes und Wirklichkeit eine der Wahrnehmung. Somit ergibt sich eine Relativität von Theorie, die, richtig verstanden, auch abstrakt beschrieben werden kann.

Das große Projekt der Postmoderne ist die Zusammenführung der kollektivistischen Theorien mit dem individualistischen Ansatz in der Gesellschaftstheorie. Das kann meines Erachtens nur auf zwei Ebenen geschehen. Zum einen durch historische Analyse der Denkmodelle und zum anderen durch dialektische Gegenüberstellung der Denkschulen.

Man muss sie quetschen, mahlen, immer und immer durch die Mühle der Ratio schicken, dann kneten, homogenisieren und unter der Hitze und dem Druck der Realität ausbacken. Als Ergebnis stünde dann eine Idee, die das Beste aus beiden Welten vereint; Freiheit und Sicherheit; Markt und Regeln; Wirtschaft und Soziales.

Und jetzt kommen Sie bitte nicht auf den Gedanken, das alles hätten wir schon. In der Tat, wir haben mit der sozialen Marktwirtschaft ein gut funktionierendes System, welches allerdings immer weiter ausgehöhlt wird und eben nicht die Antworten auf Zukunftsthemen wie die Gentechnik, Informationsfreiheit im Internet, die Globalisierung oder den Umgang mit sozialen Verwerfungen liefert. Außerdem ist es chronisch überschuldet und schrumpft.

Sind wir zu frei? Nein, wir sind zu egoistisch. Wir brauchen, mit Dahrendorfs Worten, mehr Besinnung auf das Gemeinsame.

Zu guter letzt habe Ralf Dahrendorf selbst das Wort (2002):

Bedauerlich ist aber, dass in Deutschland der große Generationsschub immer noch nicht stattgefunden hat. Die 68er im weitesten Sinne, die in irgendeiner Weise durch diesen Umkreis Geprägten, haben nach wie vor das Heft in der Hand. Das ist besonders lästig, da es in der Generation der 40-Jährigen einen freieren Umgang mit vielen Themen gäbe. Das wird aber kommen.

http://www.welt.de/print-welt/article414382/Deutschland_nimmt_eher_Prozac_als_sich_mit_natuerlichen_Mitteln_zu_helfen.html

*in einem anderen Beitrag später mehr zur Obama-Rede in Kairo.

Der Selbstbetrug der Stuttgarter Zeitung

Ein Blatt über sich. Neues Layout, alter Slogan:

Die STUTTGARTER ZEITUNG ist eine der Großen Regionalzeitungen im deutschsprachigen Raum mit überregionalem Qualitätsanspruch. Sie steht in ihrer Berichterstattung in der Tradition des schwäbischen Liberalismus, der durch Toleranz und Offenheit gekennzeichnet ist. Das tägliche Bemühen um die „kritische Wahrheit“, das Josef Eberle, einer ihrer Gründer, 1945 als Leitidee formulierte, gilt noch heute und hat die STUTTGARTER ZEITUNG zur „liberalen Stimme“ des Südwestens gemacht. Konkret steht die STUTTGARTER ZEITUNG für präzise Information, kompetente Analysen, ungeschminkte Kommentare und eine unaufgeregte Tonlage.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1995193_0_2147_-stuttgarter-zeitung.html

Das sagt ein Blatt über sich, in welchem ein bekannter Redakteur permanent einen FDP-Minister nach dem anderen anschwärzt, ein Redakteur, der andauernd und bösartig gegen jede FDP-Persönlichkeit in Baden-Württemberg wettert, gleichgültig ob Justiz- oder Wirtschaftsminister, Staatssekretär oder Rechnungshofspräsident. Gleichzeitig lässt das Blatt Sauereien der CDU (LBBW, Rothaus, Lotto) nahezu unkommentiert. Schämen sollten sie sich, den Liberalismus in Baden-Württemberg für ein pseudo-elitäres Provinzblatt zu beanspruchen. Das Liberale im Südwesten Deutschlands ist viel viel mehr, als ein Verlag, der in der Region Stuttgart monopolistische Hofberichterstattung für die CDU betreibt. Jedem echten Liberalen in Baden-Württemberg sollte es vor der gegenwärtigen grün-konservativen Oettinger-Linie der Stuttgarter Zeitung grausen. Nein, meine Damen und Herren, liberal sind die bestimmt nicht.




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Hier schreibt Markus Lochmann, Webmaster der FDP-BW über Politik, Privates und allerlei aus der IT-Welt. Die hier veröffentlichten Beiträge sind meine alleinige Meinung und müssen nicht zwangsläufig mit den Positionen der FDP übereinstimmen.

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