Wenn das Volk dann wirklich spricht

Sigmar Gabriel (SPD) will Volksentscheide auch in Deutschland.

Der neue SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich in der WELT für bundesweite Volksabstimmungen ausgesprochen. Volksabstimmungen seien gut für die moderne Demokratie, sagte Gabriel am Wochenende: „Ich jedenfalls habe keine Angst vor dem Volk.“ Er traue den Deutschen zu, im besten Sinne der Aufklärung nach einer langen Diskussion zu guten Entscheidungen zu kommen. http://bit.ly/6Jlp6K

Wetten, dass die SPD nach der Schweizer Minarett-Entscheidung in Über-Lichtgeschwindigkeit zurückrudert? Weil es eben im Volk manchmal auch Meinungen gibt, die so gar nicht in das pseudo-aufgeklärte Bild der selbstauferlegten linken political correctness passen. Hätten wir in Deutschland einen Volksentscheid zur Todesstrafe, müssten wir sie wieder einführen. Wir hätten ein allgemeines Tempolimit auf unseren Autobahnen, eine ungerechte Vermögenssteuer und vieles andere mehr. Das müsste Herr Gabriel eigentlich auch wissen.

Die Schweizer haben mit ihrer einzigartigen Möglichkeit, ihre Stimme zu gebrauchen, ein klares Signal gesetzt. Nicht gegen den Islam, wie die aufgeschreckte Links-Presse der Republik jetzt krampfhaft behauptet – sondern einzig und allein gegen die nicht mehr zu ertragende Verniedlichung ernster gesellschaftlicher Probleme bei der Integration von Zuwanderern aus der islamischen Welt. Dasselbe Problem und dieselbe Verniedlichung haben wir übrigens in Deutschland auch.

Doch wenn das Volk mal wirklich spricht, wird die Politik schnell verlegen. Plötzlich gibt es tausend Gründe, warum das Volk so oder so gestimmt hat und tausend Gründe, warum die Politik Volkes Willen nun doch nicht umsetzen kann. Das ist die Doppelmoral der heutigen „Demo“kratie – die eben keine Volksherrschaft im Wortsinne ist. (Und es übrigens noch nie war.) In jeder Sonntagsrede feiern wir die Demokratie. Wenn es aber darum geht, diese auch in unbequemen Situationen zu leben – dann sind wir ganz schnell wieder der Obrigkeitsstaat von vor-vorgestern.

Der Reflex, der in der Schweiz an den Tag gekommen ist, ist der der kulturellen Selbstverteidigung. Minderheiten werden in Zeiten der politischen Korrektheit überproportional begünstigt, gefördert und ihre Fehlleistungen werden seitens des politischen Systems verharmlost. Das führt zum Widerwillen im Volk – zu Recht, wie ich meine.

Die Schweiz ist ein schönes, strukturkonservatives Land mit einer eher zurückhaltenden, fleißigen, ehrbaren und mit einem großen Gerechtigkeitssinn ausgestatteten Bevölkerung – die es von jeher gewohnt ist, ihre Kultur gegen ihre mächtigeren Nachbarn verteidigen zu müssen. Fremd sein ist in der Schweiz nicht einfach – das kann jeder, auch jeder Deutsche, bestätigen, der längere Zeit in dem Land verbracht hat. (Meine Mutter lebte sechs Jahre lang dort und ich war längere Zeiten zu Gast im Land). Dennoch sind die Schweizer alles andere als rassistisch – im Gegenteil – ich habe sie als offen, warmherzig und sehr tolerant gegenüber Ausländern erlebt. Aber: Sie beharren eben auf die strikte Einhaltung der Sitten und Regeln ihrer Kultur. Man kann das Eigensinn nennen. Oder nationalen Stolz. Offenbar etwas, womit wir Deutschen immer noch ein Problem haben.

Die deutsche Politik sollte das Signal aus Bern hören und ihre Haltung zur Problematik in Sachen Islam-Integration überdenken. Auch wir haben ein Problem, welches wir nicht weiter wegdiskutieren können. Ich meine, wir sollten die gemäßigten und säkularen Kräfte unserer islamischen Minderheit aktiv fördern – niemand darf aufgrund einer, oftmals nicht selbst gewählten, Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. Aber: Wir sollten auch klar die Grenzen der Toleranz aufzeigen – wer unser Land nicht respektiert und unsere Kultur nicht anerkennen will, wer gar unser Gesellschaftsmodell abschaffen will oder Gewalt anwendet – der hat keinen Anspruch auf den Schutz seiner Position.

Aufklärung ist das Gebot der Stunde. Aufklärung der Minderheit, natürlich. Die peinlichen Versuche der Politik, das eigene Volk zur Islam-Toleranz belehren zu wollen, sind nutzlos. Wer hier bei uns lebt, muss sich uns anpassen und nicht umgekehrt. Was man von uns verlangen kann ist Toleranz. Aber keine Anbiederung. Außerdem: Die besten Botschafter eines modernen Islam sind die tausenden von bestens integrierten islamischen Menschen in diesem Land, von denen nicht wenige zu meinem Freundeskreis gehören. Die eine Freundin meiner Tochter stammt aus Bosnien, eine andere ist Kurdin. Beide sprechen bestes Deutsch, die eine besucht das Gymnasium, die andere eine Realschule. Es geht doch! Wer sich bei uns nicht integriert, der will nicht integriert werden, bekommt die Chance nicht oder wird unterdrückt.

Ich persönlich bin gegen das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit – wir haben uns in Jahrhunderten unter großen Schmerzen eine freie Gesellschaft mit freien Mitgliedern beider Geschlechter erarbeitet und niemand sollte sich verstecken müssen – auch aus religiösen Gründen nicht. Wir müssen unsere Freiheitswerte wieder mehr in den Vordergrund der Debatte stellen. Wir dürfen keine Parallelgesellschaften dulden, die die Universalität der Menschenrechte infrage stellen.

Wir müssen unsere Haltung bezüglich der Ausübung von Religionen dort überdenken, wo die Ausübung von Religion die Würde des Einzelnen verletzt oder wo sie die Freiheit des Einzelnen unterdrückt oder wo sie die Gesellschaft als ganzes bedroht. (Deshalb gingen von der FDP-BW z.B. Initiativen gegen die Genitalverstümmelung oder die Zwangsheirat aus)

Die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes konnten nicht ahnen, dass im Schutze der Religionsfreiheit  irgendwann einmal radikale Politik gegen diesen Staat und dessen freiheitliche Gesellschaftsordnung gemacht werden könnte.

Die Freiheitsrechte des Einzelnen sind unsere Verfassungsgrundlage. Wo sie verletzt werden, darf der Staat nicht tatenlos zusehen – er muss handeln. Das hat er in der Vergangenheit zu selten getan. Für alle, die hier leben, muss gelten: Der Einzelne ist mehr als die Familie. Ehre definiert sich über die Treue zum Gesetz und die persönliche Freiheit eines JEDEN ist der Vater aller Dinge in diesem Land. Keine Religion steht über der Menschenwürde und keine Religionsfreiheit berechtigt zur Unterdrückung.

Ob eine islamische Gemeinde nun Minarette an ihre Moschee baut oder nicht, ist mir persönlich herzlich egal. Ich finde sie nicht weiter tragisch – im Gegenteil, manche sind architektonisch schön und wertvoll – genau so wie mancher Hindu-Tempel oder Buddha-Schrein auch.

Aber darum ging es auch in der Schweiz nur vordergründig. Es ging darum, der Politik zu sagen, was die Bayern schon immer als ihr Motto haben: Mir sind mir. Und wollen es auch bleiben.

Wie die Linke um das Wort “Freiheit” ringt

Im online-Magazin Telepolis sinniert Rüdiger Suchsland über das verloren gegangene Freiheitskämpfer-Pathos der organisierten Linken. Nicht nur, dass er die FDP schlecht kennt, sein Artikel beschreibt geradezu exemplarisch den verzweifelten Versuch der Sozialdemokratie, eine Freiheitskonzeption wiederzufinden. Die Linke, gerade die den einzelnen unterdrückende staatsgläubige Kollektivistenschar, sehnt sich plötzlich nach Freiheit? Ein Vorhaben, welches einer gewissen Komik nicht entbehrt. Schließlich haben die Linken 40 Jahre lang Millionen Menschen eingesperrt, gequält und sie systematisch ihrer Freiheit beraubt.

…Dabei wäre es möglich, dem Neoliberalismus einen anderen, klareren Freiheitsbegriff entgegen zu stellen. Indem man seine eigenen Widersprüche aufzeigt. Der wichtigste: Der Neoliberalismus wirft einige der grundlegendsten Güter des Liberalismus über Bord: Er reduziert den Individualismus durch die Macht großer Konzerne. Sie dürfen die Freiheit und den Eigensinn des Einzelnen einschränken, seine Bürgerreichte unterlaufen. Weite Kreise der Bevölkerung und der schwarzgelben Wählerschaft teilen das Unbehagen an der Konzernmacht und der Dominanz von Markt und Finanzsektor über die individuelle Freiheit.

Das ist schlichtweg falsch. Der größte Feind des freien Marktes ist bekanntermaßen der (oft staatseigene) Monopolist. Der wahre Liberale setzt auf Wettbewerb im Markt. Aber fairen Wettbewerb wollte die Linke nie! Der organisierte Liberalismus steht für klare Regeln auf freien Märkten – er will genau das Gegenteil des oben Gesagten. Der Liberalismus ist ein Konzept der kleinteiligen polypolistischen Konkurrenz und des Schutzes aller Rechte der Marktteilnehmer.

Noch wichtiger: Der Liberalismus war immer skeptisch und a-religiös, unempfänglich für jede Art von Glauben. Das entfremdete ihn früh von der Arbeiterbewegung. Doch der Neoliberalismus hat aus dem Markt eine Religion gemacht, der er mit Inbrunst anhängt. Liberale Skepsis und markradikale Dogmen schließen einander aus. Hier könnte ein sozialdemokratischer Gegenentwurf ansetzen. Er müsste allerdings ein sozialliberaler, linkslibertärer sein. Das wird nicht allen behagen.

Linkslibertär? Phhh….das tönt ja wie Adorno. Was wäre das denn? Kommunistische Anarchie? Nein, danke. Den menschlichen Feldversuch wollte ich keinem Land zumuten. Denn heraus käme wohl eine Mischung aus Kuba und Albanien. Nochmal: Ein Libertärer Markt ohne Regeln ist NICHT der Markt des Liberalen. Er war es nie und wird es nie sein. So säkular, wie unsere Gesellschaft heute glücklicherweise ist, war sie noch nie. Dennoch: Die Trennung von (allen!) Kirche(n) und Staat ist und bleibt liberale Urforderung.

Es geht darum, die Freiheit jenseits von Westerwelle zu definieren. Freiheit als gesellschaftliche, nicht nur wirtschaftliche. Freiheit von Unterdrückung und Folter, Ausbeutung und Armut. Freiheit zur Selbstverwirklichung, Bildung, Genuß, Lebenssinn. Nicht nur “mehr wollen” wie jetzt auf den blaugelben Wahlplakaten steht, sondern anderes wollen: Vielfalt. Materialismus. Absage an traditionelle “Werte” wie Nation, Religion, Anstand, Disziplin. Optimismus. Hedonismus. Fortschritt – als Ziel, nicht Glaube. Das wären Stichworte.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30699/1.html

Entschuldigung, aber was hat die liberale Demokratie denn in Deutschland erreicht? Werden wir etwa gefoltert? Unterdrückt? Ausgebeutet? Sind wir ein armes Land? Haben wir etwa keine Freiheit zur Selbstverwirklichung, zum Genuß, zum Hedonismus, zum Lebenssinn? JA, WAS HINDERT SIE DENN? Noch nie hat es in der europäischen Geschichte so viel Freiheit, Sicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten für seine Bürger gegeben wie heute.

Der Autor will in Wirklichkeit keine Freiheit, er will die Anarchie. Und gerade darin bestand und besteht der Unterschied eines rechtstaatlich organisierten Liberalismus zu allen anderen “Freiheitsbewegungen”, die immer, ich betone IMMER, in Diktaturen, Ausbeutung und Terror einer links-elitären Minderheit über die Mehrheit enden. Da geht es Kuba oder Venezuela nicht anders als der Sowjetunion.

Das Dilemma der Linken ist die schlichte normative Kraft des Faktischen: Nirgendwo haben sich ihre diffusen Gesellschafts-Utopien verwirklichen lassen. Das Experiment ist gescheitert. Und so ist den Linken ein Stück ihrer Identifikation verloren gegangen, die sich heute auch bei attac oder Greenpeace nicht mehr finden lassen. Die Grün-zu-Links-Beatmung funktioniert mit dem gesellschaftlichen Ankommen der 79er nicht mehr. Alternde Gesellschaften sind nunmal wenig revolutionsfreudig. Vielmehr sind sie anfällig für Überregulierung und Paralyse.

Da lauert die wahre Gefahr, es gilt jetzt, errungene Freiheiten gegen bequem gewordene Mehrheiten zu verteidigen und nicht, einen von vorneherein zum Scheitern verurteilten Pseudo-Freiheits-Mythos zu erfinden.

Hätte sich der Autor die Mühe gemacht, und sich mit dem Programm der FDP beschäftigt, dann wüsste er, dass wir genau für die von ihm geforderte gesellschaftliche Freiheit stehen! Aber was er, und viele Linke mit ihm, an der FDP nicht mögen, ist, dass wir eben neben die Freiheit auch Werte und Verantwortung stellen.

Der organisierte Liberalismus hat in den 300 Jahren seiner Entwicklung so vieles über die Freiheit und deren Gefährdungen gelernt – ja, er hat ganze Staaten und Verfassungen geschaffen, die sämtliche linken Utopien überdauert haben, dass es an ihm ist, sich als das Konzept zu präsentieren, welches die Zukunft am besten bedienen kann.

Wir haben gelernt, Freiheit zu schützen und gleichzeitig Anarchie und Chaos zu verhindern. Das können linke Utopisten bis heute nicht.

Das Ende der 68er

Wann, spätestens, wissen Sie, dass Sie am Ende sind? Wenn die „Zeit“ Sie auf der Titelseite als lebende Legende feiert. So geschehen mit Jürgen Habermas dieser Tage. Natürlich kam auch  die Nachricht vom zu frühen Tod von Ralf Dahrendorfs mitten in die Überlegungen zu diesem Posting. Eine Ära geht zu Ende – die Vordenker der 68er sterben weg.

Der Aufbruch in die einst glorreiche Zukunft ist nunmehr blutgetränkte, vernebelte Vergangenheit. Utopien wurden geboren und sind kläglich gescheitert. Die Idee des kollektiv Guten gebar das Monster des RAF-Terrorismus. Es hat eben wieder nicht funktioniert – das kollektive Gute. Einmal mehr scheiterte das linke System am Menschen an sich. Schade für die Theorie, wenn die Praxis sich ihrer nicht beugen will.

Und nun der Tod Dahrendorfs – des verjagten Propheten, der im eigenen Land viel zu wenig galt. Er war und ist einer meiner großen liberalen Vorbilder – ein echter Denker, ein großer Geist, stets ein wenig unangepasst und erfreulich unbequem. Genau so müssen liberale Denker auch sein – eigenwillig, kontrovers, freiheitlich und, ja, bitte auch ein wenig theoretisch.

Gerne hätte ich ihn kennen gelernt. Doch die liberale Stiftung hatte für uns liberale Studenten, vor lauter Prominenz, keinen Platz mehr.

Es wäre viel zu einfach, Dahrendorf nur als Antithese der 68er darzustellen. Er hat entscheidend die Weiterentwicklung der Nazi-verseuchten Nachkriegs-FDP und der „Freiburger Thesen“ geprägt und ist so im Nachhinein eher ein Teil des Ganzen geworden. Ohne Menschen wie ihn wäre vieles in den 70ern nicht möglich gewesen. Übrigens Dinge, die höchstaktuell sind: Bildungsreform, Bafög, (Nah)ost-Politik.

Nun ist die Zeit der Habermas’, Adornos, Dahrendorfs und Arendts, die Zeiten der Frankfurter- und Freiburger Schulen vorbei. Und wieder sind die Studenten auf der Straße, wieder gibt es einen „Frühling“, diesmal aber nicht in Prag, sondern bemerkenswerterweise in Teheran.

Die deutschen Grünen sind inzwischen kommunale Mehrheitspartei; angepasst und salonfähig verwelken sie in Regierungsbeteiligungen, die linke Utopie reduziert sich auf Sozialneiddebatten und Hartz4-Schelte. Der radikale Liberalismus hat sich selbst durch unkontrollierte Gier ad absurdum geführt und die Sozialdemokratie liegt in der sozialromantischen Agonie der schwindenden Genossenschaft.

Wieder artikuliert sich ein Wille nach Veränderung – nur, dass der gedankliche Ursprung diesmal nicht in der deutschen Soziologie, sondern im amerikanischen Präsidenten zu finden ist. Dessen erfrischende Pragmatik ersetzt in weiten Teilen jede Ideologie. Und dessen einfache Sprache ist allemal einprägsamer als der irre Buchstabensalat der deutschen Soziologen der Sechziger.

Nur, meine ich, alleine der Ruf nach Veränderung führt noch zu keiner Besserung der Verhältnisse. Der Durst nach Neuem kann nicht auf den Aufstieg eines einzelnen begründet sein, sei er auch noch so „remarkable“.

Es ist also Zeit für uns, die neue Idee zu entwerfen.

Es ist ein mühsames Geschäft – und vor lauter „überleben müssen“ komme ich kaum zum Studieren der wirklich wichtigen Dinge, geschweige denn zum Aufschreiben derselben. Wir haben eben wenig echten Frei-Raum in dieser Entertainment-Gesellschaft.

Doch ich sehe Bewegung in der FDP, gerade auch unter den jüngeren in der Partei, den netz-affinen, der Generation@. Wir haben das Zeug dazu, eine neue Idee der Freiheit im 21. Jahrhundert zu entwickeln. Common sense, Technologie, Graswurzel-Demokratie, Communities, Netzwerke, Globalismus. Nur einige Stichworte, wohin es gehen könnte.

Im Gegensatz zur Stagnation der anderen politischen Richtungen ist der Liberalismus, gezwungenermaßen, wieder im Fluss. Er täte dabei gut daran, sich seiner Wurzeln zu erinnern.

Wir ehren die 68er, nehmen aus der Epoche das Beste mit – und lassen hoffentlich den utopischen Restmüll im Papierkorb der Geschichte. Auch wenn die Wirklichkeit inzwischen mit Twitter und Facebook vielleicht näher an der diskursiven Demokratie ist, als Jügen Habermas es jemals gewagt hat zu denken.

Mit den Rezepten der 68er freilich kann man in 2009 keinen Neustart machen. Das erfahren gerade die Sozialdemoraten. Die technisch vermittelte Wirklichkeit hat längst ein ganz anderes Gesicht. Das politische System täte aber gut daran, die protestierenden Massen von jungen Leuten nicht im ideenlosen Kontra zu belassen; denn – wenn das System den Menschen keine brauchbare Idee liefert, werden sie früher oder später eine andere adaptieren.

Es ist zwar noch keine Revolution allein aus einer Idee heraus entstanden – immer waren die blanken Nöte der Menschen der letztlich ausschlaggebende Grund – doch aus den Brüchen der  Revolutionen keimten immer wieder neue Ideen – ob nun die der Menschenrechte oder der sozialen Sicherung. Und auch heute ist der Wunsch nach Gerechtigkeit überdeutlich zu spüren.

Wie Barack Obama es in Kairo formulierte „We are not an empire – our nation was born out of a revolution against an empire! “ *

Der Grundgedanke der modernen freiheitlichen Demokratie ist das Resultat der Auflehnung gegen die Obrigkeit. Das sollten wir nie vergessen.

Da würden sogar Dahrendorf und Habermas zustimmen, wetten?

Ich meine, es ist – ganz dialektisch – an der Zeit, Brücken zwischen den großen Ideen zu bauen. Der Widerspruch des Kollektiven mit dem Subjektiven in der Gesellschaftstheorie korreliert mit dem Mikro-Makro-Problem in der empirischen Sozialwissenschaft. Wahrheit ist eine Frage des Standpunktes und Wirklichkeit eine der Wahrnehmung. Somit ergibt sich eine Relativität von Theorie, die, richtig verstanden, auch abstrakt beschrieben werden kann.

Das große Projekt der Postmoderne ist die Zusammenführung der kollektivistischen Theorien mit dem individualistischen Ansatz in der Gesellschaftstheorie. Das kann meines Erachtens nur auf zwei Ebenen geschehen. Zum einen durch historische Analyse der Denkmodelle und zum anderen durch dialektische Gegenüberstellung der Denkschulen.

Man muss sie quetschen, mahlen, immer und immer durch die Mühle der Ratio schicken, dann kneten, homogenisieren und unter der Hitze und dem Druck der Realität ausbacken. Als Ergebnis stünde dann eine Idee, die das Beste aus beiden Welten vereint; Freiheit und Sicherheit; Markt und Regeln; Wirtschaft und Soziales.

Und jetzt kommen Sie bitte nicht auf den Gedanken, das alles hätten wir schon. In der Tat, wir haben mit der sozialen Marktwirtschaft ein gut funktionierendes System, welches allerdings immer weiter ausgehöhlt wird und eben nicht die Antworten auf Zukunftsthemen wie die Gentechnik, Informationsfreiheit im Internet, die Globalisierung oder den Umgang mit sozialen Verwerfungen liefert. Außerdem ist es chronisch überschuldet und schrumpft.

Sind wir zu frei? Nein, wir sind zu egoistisch. Wir brauchen, mit Dahrendorfs Worten, mehr Besinnung auf das Gemeinsame.

Zu guter letzt habe Ralf Dahrendorf selbst das Wort (2002):

Bedauerlich ist aber, dass in Deutschland der große Generationsschub immer noch nicht stattgefunden hat. Die 68er im weitesten Sinne, die in irgendeiner Weise durch diesen Umkreis Geprägten, haben nach wie vor das Heft in der Hand. Das ist besonders lästig, da es in der Generation der 40-Jährigen einen freieren Umgang mit vielen Themen gäbe. Das wird aber kommen.

http://www.welt.de/print-welt/article414382/Deutschland_nimmt_eher_Prozac_als_sich_mit_natuerlichen_Mitteln_zu_helfen.html

*in einem anderen Beitrag später mehr zur Obama-Rede in Kairo.

Der Selbstbetrug der Stuttgarter Zeitung

Ein Blatt über sich. Neues Layout, alter Slogan:

Die STUTTGARTER ZEITUNG ist eine der Großen Regionalzeitungen im deutschsprachigen Raum mit überregionalem Qualitätsanspruch. Sie steht in ihrer Berichterstattung in der Tradition des schwäbischen Liberalismus, der durch Toleranz und Offenheit gekennzeichnet ist. Das tägliche Bemühen um die „kritische Wahrheit“, das Josef Eberle, einer ihrer Gründer, 1945 als Leitidee formulierte, gilt noch heute und hat die STUTTGARTER ZEITUNG zur „liberalen Stimme“ des Südwestens gemacht. Konkret steht die STUTTGARTER ZEITUNG für präzise Information, kompetente Analysen, ungeschminkte Kommentare und eine unaufgeregte Tonlage.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1995193_0_2147_-stuttgarter-zeitung.html

Das sagt ein Blatt über sich, in welchem ein bekannter Redakteur permanent einen FDP-Minister nach dem anderen anschwärzt, ein Redakteur, der andauernd und bösartig gegen jede FDP-Persönlichkeit in Baden-Württemberg wettert, gleichgültig ob Justiz- oder Wirtschaftsminister, Staatssekretär oder Rechnungshofspräsident. Gleichzeitig lässt das Blatt Sauereien der CDU (LBBW, Rothaus, Lotto) nahezu unkommentiert. Schämen sollten sie sich, den Liberalismus in Baden-Württemberg für ein pseudo-elitäres Provinzblatt zu beanspruchen. Das Liberale im Südwesten Deutschlands ist viel viel mehr, als ein Verlag, der in der Region Stuttgart monopolistische Hofberichterstattung für die CDU betreibt. Jedem echten Liberalen in Baden-Württemberg sollte es vor der gegenwärtigen grün-konservativen Oettinger-Linie der Stuttgarter Zeitung grausen. Nein, meine Damen und Herren, liberal sind die bestimmt nicht.

Liberaler HipHop – Curse: Freiheit

Man achte auf die Lyrics. Besser hätte man ein liberales Lebensgefühl kaum in zeitgemäßer Weise ausdrücken können.

Lyrics:

Weil das Album eben “Freiheit” heißt,
werden viele mich fragen, was für mich Freiheit heißt.
Was für’n großes Gefühl.
Was für große Erwartungen, die ich fühl.
Was für große Verantwortung, was für ne große Bürde.
Zu beschreiben was für mich die Freiheit heißt, was für ne große Hürde.
Ich kann nur meinen kleinen Teil dazu beitragen.
Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Hook:

Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt
Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt

1. Verse:

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten
Freiheit heißt auch Entscheidungen treffen
Freiheit heißt hin und wieder sich die Freiheit zu nehmen die Meinung zu wechseln
Freiheit heißt es macht manchmal auch Sinn,
dass meine Freiheit da enden muss, wo die Freiheit eines Anderen beginnt
Aber Freiheit darf niemals heißen: entsagen von unseren Rechten
Nach ihr zu leben, zu streben und frei über sie zu sprechen
Mit meinen Texten kann ich nur meinen kleinen Teil beitragen
Freiheit kann man nicht eindämmen, Freiheit muss man ausatmen

Hook:

Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt
Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt

2. Verse:

Freiheit, was für ein großes Wort, ich hab gehört, dass du grenzenlos bist
Trotzdem, kennen viele Menschen dich nicht, sie kämpfen für dich
Manche mit reden, schweigen und beten, andere mit Macheten
weil andere Perspektiven fehlen
Du bist für jeden was Anderes
Umso paradoxer ist es, wenn man Politiker um dich handeln lässt
Du bist das Recht, du bist das, was jeder verdient
niemand sollte um dich bitten müssen, nirgendwo, nie
Du bist so intim und persönlich, wie die innersten Wünsche und Träume
doch die verwirklichen nur wenige Leute
Manche glauben wirklich man könnte dich kaufen
andere laufen zehntausende Kilometer durch Wüstensand, weil sie an dich glauben
Migranten lassen ihr Land zurück nur für dich, in der Hoffnung auf dich
und manche finden dich trotzdem noch nicht
Manchmal opfer ich einen Teil von dir um andere zu haben
und manchmal muss ich mich trennen um dich mehr zu erfahren
denn du bist FREIHEIT

Hook:

Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt
Freiheit, Freiheit
Ist das Einzige was zählt

Outro:

Weil das Album eben “Freiheit” heißt
werden viele mich fragen, was für mich Freiheit heißt
Was für’n großes Gefühl
Was für große Erwartungen, die ich fühl
Was für ne große Verantwortung, was für ne große Bürde
Zu beschreiben was für mich die Freiheit heißt, was für ne große Hürde
Ich kann nur meinen kleinen Teil dazu beitragen
Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen

Quelle: http://lyricwiki.org/api.php?artist=Curse&song=Freiheit&fmt=json

Buchtipp: Welche Freiheit?

Aus der WELT:

Die Ästhetik kennt den Begriff des Naturschönen, die Sozialhistorie könnte den Begriff des Natursozialistischen als Merkmal deutscher Kollektivmentalität einführen. Bei Umfragen rangieren hierzulande soziale Gleichheit und Gerechtigkeit jeweils vor dem Wert politischer Freiheit. Die Deutschen lieben den american way of life, aber der Liberalismus ist ihnen fremd. Dass die Freiheit bei uns, aber auch anderswo in Europa, wenig gilt, wird von der Frankfurter Soziologin Ulrike Ackermann in “Welche Freiheit?” (Matthes & Seitz, Berlin. 319 S., 22,80 Euro) zu Recht bedauert. Um die Erkenntnis, dass sich unser angeblich postideologisches Zeitalter seit längerem reideologisiert, führt kein Weg mehr herum. Gut also, dass 17 Autoren der Frage nachgehen, was wir an der Freiheit haben und warum wir sie so wenig achten. Neben Ralf Dahrendorf, Wolfgang Sofsky oder Ian Buruma kommen mit den Ungarn Péter Nádas, Péter Esterházy sowie der Ukrainerin Oksana Sabuschko auch Ost- bzw. Ostmitteleuropäer zu Wort. Die nationale Vielfalt der Autoren wie der unterschiedlichen Genres ist ebenso bemerkenswert wie die politische Inkorrektheit des Sammelbandes. Ausdrücklich steht er in der angelsächsischen Tradition politischer und ökonomischer Freiheit wie deren Wertschätzung des Einzelnen. Antietatismus ist dabei ebenso sehr Tenor wie Antitotalitarismus. Zu Recht erinnert Ackermann an die vergessene Hochzeit der Freiheit um das Jahr 1989. Heute gelten individueller Gestaltungsraum, Risikobereitschaft und Eigenverantwortung als neoliberales Teufelszeug. Vater Staat ist nach wie vor der bevorzugte Glücksbringer. Dass es sich dabei so recht um deutsche Ideologie handelt, erfährt man aus den Beiträgen von Ralf Dahrendorf, Detmar Doering, Rainer Hank oder aus dem Essay des Iraners Ramin Jahanbegloo über den Freiheitsbegriff des politischen Philosophen Isaiah Berlin. Eine Lektüre nicht nur für alle Natursozialisten, die auf Parteitagen das Füllhorn staatlicher Wohltaten ausschütten.

http://www.welt.de/welt_print/article1501786/
Taschenbcher_der_Woche_Politische_Bcher.html